Deutschlands Erbe Schuld, Sühne und Trotz


Seit 60 Jahren ringen die Deutschen um die Lehren und Konsequenzen aus den Verbrechen des NS-Regimes. Eine Chronik der wichtigsten Daten und Ereignisse im Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Vom Nürnberger Kriegsverbrecherprozess bis zum Berliner Holocaust-Denkmal - die Deutschen und ihr Böses Erbe:

16. April 1945

Die USArmee zwingt rund 1000 Bewohner von Weimar, das befreite Konzentrationslager Buchenwald zu besichtigen. Bis Ende Mai müssen Hunderte Deutsche bei Aufräumarbeiten im Lager helfen.

20. November 1945

Der erste Nürnberger Kriegsverbrecherprozess beginnt. Am 1. Oktober 1946 verurteilt das Gericht zwölf Angeklagte zum Tod.

Herbst 1946

In München öffnet die erste Synagoge in Deutschland nach der Befreiung vom Nationalsozialismus.

15. Oktober 1946

Wolfgang Staudtes Film "Die Mörder sind unter uns" wird uraufgeführt. Der erste deutsche Nachkriegsspielfilm thematisiert Kriegsverbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion.

25. Juni 1947

In Amsterdam erscheint "Das Tagebuch der Anne Frank". 1950 kommt die erste deutsche Ausgabe der Aufzeichnungen des HolocaustOpfers heraus. Das Buch verkauft sich bis heute mehr als 25 Millionen Mal. Die deutsche Auflage liegt bei gut drei Millionen.

19. Juli 1950

In Frankfurt/Main gründet sich der Zentralrat der Juden in Deutschland. Vor 1933 lebten 500 000 Juden in Deutschland. In der neu gegründeten Bundesrepublik sind es nur etwa 15 000.

5. April 1951

Konrad Adenauer gibt vor dem Bundestag eine Ehrenerklärung für die Soldaten der Wehrmacht ab. Ende 1952 dehnt er seine Aussage auf die Angehörigen der Waffen-SS aus.

11. Mai 1951

Rund 430 000 bei der Entnazifizierung entlassene Beamte und Berufssoldaten werden rehabilitiert und erhalten das Recht auf Wiedereinstellung.

7. Juni 1951

Im Gefängnis Landsberg vollstrecken die Westalliierten zum letzten Mal Todesurteile an NS-Verbrechern: Sieben hochrangige SS-Funktionäre werden wegen Massenmordes hingerichtet - gegen massive deutsche Proteste.

17. Januar 1952

Gegen die Premiere des Films "Hanna Amon" von Regisseur Veit Harlan protestieren in Freiburg und Göttingen Studenten. Sie prangern Harlans Rolle als Regisseur von NS-Propagandafilmen wie "Jud Süß" an.

10. September 1952

Mit dem Luxemburger Abkommen verpflichtet sich die Bundesrepublik zur Zahlung von drei Milliarden Mark an Israel. Bundeskanzler Konrad Adenauer trifft sich mit Israels Außenminister Moshe Sharett.

21. Februar 1953

Auf Weisung der SED löst sich die 1947 gegründete Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes in der DDR auf. Da die DDR alle "Wurzeln des Faschismus ausgerottet" habe, bestehe kein Bedarf mehr für die Organisation.

27. Oktober 1953

Adenauer ernennt Hans Globke zum Staatssekretär im Kanzleramt, obwohl der Jurist in der NS-Zeit Entwürfe für antijüdische Gesetze mitformuliert hat.

14. Oktober 1957

Der Ost-Berliner "Ausschuss für deutsche Einheit" beginnt eine Kampagne gegen die Justiz der Bundesrepublik. Bis in die 60er Jahre attackieren SED-Propagandisten die NS-Vergangenheit westdeutscher Richter und Staatsanwälte.

14. September 1958

In Buchenwald wird auf dem Gelände des früheren Konzentrationslagers eine "Nationale Mahn- und Gedenkstätte" eröffnet. Diese und weitere Gedenkstätten nutzt die SED-Regierung, um den Sieg über den Faschismus zu demonstrieren.

6. November 1958

Gründung der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Sie leitet in fast fünf Jahrzehnten über 100 000 Ermittlungsverfahren ein, die zu 6500 rechtskräftigen Verurteilungen führen.

22. Oktober 1959

Bernhard Wickis Antikriegsfilm "Die Brücke" wird uraufgeführt. Er schildert, wie sieben Jungen in den letzten Kriegstagen von der Wehrmacht verheizt werden.

Weihnachten 1959

In Köln beschmieren zwei 25-Jährige die Synagoge mit Hakenkreuzen. Bis Ende Januar 1960 werden in Westdeutschland etwa 470 ähnliche Taten gezählt. Der Bundestag beschließt Ende Mai 1960 ein Gesetz zur Bestrafung von Volksverhetzung.

8. Mai 1960

Die Neue Wache in Ost-Berlin wird "Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus".

Oktober 1960 bis Mai 1961

Die ARD sendet die 14-teilige Dokumentation "Das Dritte Reich". Erstmals wird die Judenvernichtung ausführlich im Fernsehen dargestellt.

5. Juli 1962

Die Kultusministerkonferenz beschließt Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht. Darin heißt es: "Im Unterricht über den Nationalsozialismus müssen dem Schüler die Maßlosigkeit Hitlers und die innere Notwendigkeit der Katastrophe gezeigt werden."

20. Februar 1963

Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter" wird in Berlin uraufgeführt. Es löst eine Debatte über die Haltung der katholischen Kirche gegenüber Nationalsozialismus und Holocaust aus.

25. März 1965

Im Frühsommer läuft die 20-jährige Verjährungsfrist für NS-Morde ab. Nach langer Debatte wird die Frist mehrmals verlängert und 1979 ganz aufgehoben.

28. April 1968

Die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands erhält bei der Landtagswahl in BadenWürttemberg 9,8 Prozent der Stimmen. 1969 scheitert die NPD bei der Bundestagswahl mit 4,3 Prozent an der Fünf-Prozent-Klausel.

24. Mai 1968

Änderung zum Ordnungswidrigkeitengesetz. In dem unscheinbaren Gesetz der Großen Koalition versteckt sich eine Klausel, die die Verjährungsfrist für Beihilfe zum Mord verkürzt. Schreibtischtäter müssen die Justiz jetzt nicht mehr fürchten.

7. November 1968

Beate Klarsfeld ohrfeigt Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der ab 1943 als Spitzenbeamter für das NS-Regime tätig war. Über diese "symbolische" Tat auf dem CDU-Bundesparteitag sagt Klarsfeld später, sie habe die Ohrfeige im Namen einer ganzen Generation gegeben.

7. Dezember 1970

Mit einem Kniefall am Ehrenmal im Warschauer Ghetto ehrt Bundeskanzler Willy Brandt die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen in Polen. Ein Jahr später erhält er für seine Ostpolitik des "Wandels durch Annäherung" den Friedensnobelpreis.

7. August 1978

Hans Filbinger (CDU) tritt als Ministerpräsident Baden-Württembergs zurück. Zuvor hatte er lange geleugnet, als NS-Marinerichter Todesurteile verhängt zu haben. Später verteidigt er sich mit den Worten: "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein".

Januar 1979

Die US-Fernsehserie "Holocaust" erschüttert die deutschen Zuschauer. 20 Millionen Deutsche verfolgen die vierteilige Serie in den Dritten Programmen. Am letzten Sendetag sprengen Rechtsradikale aus Protest Senderleitungen bei München und Koblenz.

25. April 1985

Der Bundestag verabschiedet ein Strafgesetz zur "Auschwitz-Lüge". Die Staatsanwaltschaft muss danach ermitteln, wenn der Holocaust öffentlich geleugnet wird.

5. Mai 1985

Bundeskanzler Helmut Kohl legt gemeinsam mit US-Präsident Ronald Reagan Kränze auf dem Soldatenfriedhof Bitburg nieder. Obwohl dort auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind, halten Kohl und Reagan am Besuch fest und ernten heftige Kritik von amerikanischen Juden, die den Staatschefs die "Rehabilitierung der SS" vorwerfen.

8. Mai 1985

Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes bezeichnet Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai als "Tag der Befreiung."

März/April 1986

Die Dritten Programme senden Claude Lanzmanns fast zehnstündigen Dokumentarfilm "Shoah", der sich mit der Vernichtung der europäischen Juden auseinander setzt.

6. Juni 1986

Der Historiker Ernst Nolte behauptet, der Holocaust sei auch eine Reaktion auf die Gräuel der bolschewistischen Revolution in Russland gewesen. Nolte löst damit den Historikerstreit um die Einordnung der NS-Zeit in die Geschichtsschreibung aus.

10. November 1988

In einer Gedenkstunde des Bundestages zum 50. Jahrestag der antijüdischen Pogrome sorgt Bundestagspräsident Philipp Jenninger für einen Eklat, als er vom "Faszinosum Hitler" spricht. Der CDU-Politiker muss zurücktreten.

5. März 1995

Unter dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" wird in Hamburg die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung eröffnet. Sie löst eine breite Debatte über die Bewertung deutscher Soldaten aus. 1999 wird sie nach Kritik an Fehlern der Ausstellungsmacher geschlossen. Mindestens neun Bilder zeigen Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes und nicht der Wehrmacht. Die überarbeitete Ausstellung wird 2001 in Berlin eröffnet.

17. November 1995

Bundesverteidigungsminister Volker Rühe stellt klar, dass die Bundeswehr nicht in der Tradition der Wehrmacht stehe.

3. Januar 1996

Bundespräsident Roman Herzog erklärt den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, zum Holocaust-Gedenktag.

8. August 1996

In Deutschland erscheint Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker". Der Amerikaner sieht im Holocaust ein "nationales Projekt" der Deutschen.

11. Oktober 1998

Martin Walser beklagt in der Frankfurter Paulskirche die "Moralkeule Auschwitz". Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, wirft ihm "geistige Brandstiftung" vor.

25. Juni 1999

Der Bundestag beschließt die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals. Nach dem Entwurf von Peter Eisenman werden rund 2700 Betonstelen im Zentrum Berlins errichtet. Das Mahnmal wird am 10. Mai 2005 eröffnet.

17. Juli 2000

Bundesregierung, Wirtschaft und Opfergruppen einigen sich nach langen Verhandlungen auf ein Modell zur Entschädigung früherer Zwangsarbeiter.

November 2002

Der Historiker Jörg Friedrich entfacht mit seinem Buch "Der Brand" eine Diskussion über Deutsche als Opfer des Zweiten Weltkriegs. In dem Buch wird die Bombardierung deutscher Städte geschildert.

6. Juni 2004

Bundeskanzler Gerhard Schröder nimmt an den Feiern zum Jahrestag des D-Day teil, der Invasion alliierter Soldaten in der Normandie. Er legt einen Kranz am Grab eines deutschen Soldaten nieder.

8. Mai 2005

Mit einem Festakt erinnert der Bundestag an das Kriegsende vor 60 Jahren. Schröder reist anschließend nach Moskau, wo am 9. Mai der Sieg über Nazi-Deutschland gefeiert wird. Kein Kanzler vor ihm nahm an einer solchen Veranstaltung in Russland teil.

Claas Pieper
Mitarbeit: Patrick Wagner


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