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Denzel Washington: "Meine Filme sind keine Predigten"

Er hat zwei Oscars gewonnen, wäre aber lieber als Football-Star berühmt geworden: Denzel Washington über seinen neuen Thriller "Déjà Vu", Patriotismus, Kino-Botschaften und warum Religion ihm Angst macht.

Mr. Washington, Ihr neuer Film, "Déjà Vu", war der erste, der nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans gedreht wurde. Wie haben Sie die Stadt erlebt?

Ich bin abends nach den Dreharbeiten oft in meinen Wagen gestiegen und herumgefahren. Es war traurig, aber auch inspirierend, weil die Menschen mit unglaublicher Entschlossenheit versuchen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Mit unserem Film konnten wir sie dabei ein klein wenig unterstützen. Sie haben uns mit offenen Armen empfangen.

Haben Sie mit Betroffenen gesprochen?

Mehr zugehört. Wenn du eine traumatische Erfahrung hattest, willst du darüber reden. Ich habe alle möglichen Geschichten über Verlust gehört und versucht, den Mund zu halten.

Waren die Menschen noch immer wütend auf die Regierung, die verspäteten und chaotischen Rettungsmaßnahmen?

Ja, natürlich hätte viel früher und effektiver geholfen werden müssen. Darüber war auch ich wütend. Aber als positiv denkender Mensch mache ich mir eher Gedanken über das Heute. Wer in der Vergangenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt etwas falsch gemacht hat, ist kein Thema mehr. Wichtig für uns alle ist jetzt, die Stadt wieder aufzubauen.

Ist "Déjà Vu" ein politischer Thriller?

Nein, wie kommen Sie darauf?

Nun, es geht um einen schrecklichen Terroranschlag auf eine Autofähre, das Attentat auf das Murrah Federal Building 1995 in Oklahoma City wird erwähnt ...

Das mag für Sie politisch sein. Ich habe so nicht auf diesen Film geschaut. Regisseur Tony Scott hat einen Agenten als Berater herangezogen, der damals auch an den Ermittlungen in Oklahoma City beteiligt war. Dort führten kleinste Plastikteile am Ende zu dem Täter Timothy McVeigh. Diese Informationen haben wir in die Story integriert.

Der von Ihnen gespielte Spezialagent Doug Carlin sagt an einer Stelle zu dem Attentäter, es gebe einen schmalen Grat zwischen Patriotismus und Terrorismus. Das hat schon etwas Politisches.

Darüber habe ich mir nicht so intensive Gedanken gemacht. Doug versucht ihm klarzumachen, dass das, was er getan hat, nicht richtig war. Man darf sich nicht hinter dem Begriff Patriotismus verstecken. Patriotismus erlaubt dir nicht, zu tun, was du willst.

In dem Film geht es auch um modernste Überwachungsmethoden. Kameras überall. Alles auch ein Teil des selbst in den USA heftig umstrittenen "Patriot Act".

Jungs, ihr habt wirklich einen weit gefassten Betrachtungswinkel. Nehmt das Ganze doch nicht so schwer. Kauft euch ein bisschen Popcorn und genießt den Film.

Das haben wir, keine Sorge. Aber Sie können trotzdem nicht leugnen, dass der Film das Unbehagen in Ihrem Land widerspiegelt.

Natürlich stellt sich die Frage, wie weit unsere Regierungen gehen dürfen, um uns zu beschützen. Nehmen Sie die Terroranschläge im Juli vergangenen Jahres in London: Wir waren einerseits froh, dass die Täter so schnell gefasst wurden. Andererseits fühlen wir uns aber äußerst unwohl bei dem Gedanken, dass wir auf Schritt und Tritt von Hunderten Kameras überwacht werden. Wir müssen etwas aufgeben, um sicherer in dieser Welt zu leben. Aber eine Garantie hast du trotzdem nicht, wie London bewiesen hat.

Beunruhigt Sie das?

Für die Balance zwischen Privatsphäre und öffentlicher Sicherheit gibt es keine einfache Lösung. Vielleicht sehe ich das auch ein bisschen gelassener, weil ich es als Prominenter seit mehr als 20 Jahren gewohnt bin, überwacht zu werden.

Sie haben öfter betont, dass Sie mit Ihrer Arbeit nicht nur reine Unterhaltung machen wollen, sondern aus den Zuschauern bessere Menschen.

Das hängt vom Film ab. Die Leute sollen nicht denken, dass es eine Botschaft gibt, nur weil ich mitspiele. Meine Filme gehören dem Publikum. Ich mache ihn, er kommt ins Kino. Im Fall von "Déjà Vu" findet der eine, der Film ist nicht politisch, es geht um Physik. Und ein anderer ist der Meinung, er handelt von Patriotismus und Bestimmung.

Einer Anekdote aus Ihrer Kindheit zufolge haben Sie auch eine Bestimmung. Eine Wahrsagerin prophezeite Ihnen damals, dass Sie später zu Millionen von Menschen sprechen werden.

Die Geschichte ist wirklich passiert, 1975 im Schönheitssalon meiner Mutter. Ich habe vor einiger Zeit, als ich in der Kirche war, meinen Pastor gefragt: Bin ich vielleicht dazu bestimmt, ein Priester zu werden wie mein Vater? Er sagte: Ich glaube, das bist du schon. Ich sehe meine Filme aber nicht als Predigten. Predigen klingt wie: Ich habe recht und du nicht. Aber ich versuche zunehmend, spirituelle Aspekte einfließen zu lassen. Zum Beispiel die Bibelzitate in "Man on Fire" - die habe ich hinzugefügt. Und die erste Notiz, die ich in das Drehbuch von "Training Day" schrieb, lautete: Der Sünde Sold ist der Tod. Ich wollte, dass der korrupte Polizist Alonzo, den ich spielte, am Schluss den schlimmsten Tod stirbt für die schlimmen Dinge, die er getan hat. Das ist, wenn Sie so wollen, eine Botschaft. Weil ich fühlte, dass es das Richtige war.

Sie erwähnen immer wieder, dass Sie kein religiöser, sondern ein spiritueller Mensch seien. Wo liegt der Unterschied?

Die exakten Definitionen kenne ich nicht, aber Spiritualität wird immer dann zur Religion, wenn dir gesagt wird: Du musst das genau so machen! Sonst: Fahr zur Hölle! Deine Beziehung zu Gott ist aber eine ganz persönliche Beziehung. Jeder ist anders. Wir brauchen Ratgeber, Menschen, die uns leiten. Aber Religion? Wie viele Menschen sind schon im Namen der Religion getötet worden! Auch gerade jetzt wieder. Religion ist ein heikles Wort. Mir macht das Angst.

Ihr Präsident instrumentalisiert seinen Glauben, um fragwürdige Kriege zu führen.

Ich kenne nicht sein Innerstes. Entweder hat er eine Menge schlechter Ratgeber, oder sie haben uns schlicht angelogen. Er hat einige sehr zwielichtige Gestalten um sich geschart, von denen sich jetzt viele aus dem Staub machen. Das ist wohl das Schicksal von George W. Bush. Aber es ist nicht so einfach. Er ist der Präsident, er ist ein gläubiger Mensch, was er mit in seinen Job bringt. Er sollte anderen nicht seinen Willen aufdrücken, aber auf der anderen Seite muss er zu dem stehen, woran er glaubt.

Der Regisseur Alan J. Pakula hat mal über Sie gesagt: "Viele Schauspieler glauben, sie müssten etwas beweisen. Denzel nicht. Er ist keine gepeinigte Seele voller Selbstzweifel. Er steht für sich selbst."

Hm. Sehr schmeichelhaft. Wissen Sie, die Schauspielerei ist nicht mein Leben. Ich bestreite meinen Lebensunterhalt damit. Ich genieße und liebe meinen Job, aber ich definiere mich nicht darüber. Julia Roberts meinte mal über sich: "Ich bin ein gewöhnlicher Mensch mit einem außergewöhnlichen Beruf." Das gefällt mir. Ich nehme mich selbst nicht so ernst. Es ist nur Kino, nicht Raketenwissenschaft.

Ist das der Grund, warum Sie so selten in der Öffentlichkeit auftauchen?

Mein großer Kollege Sidney Poitier hat mal gesagt: "Wenn sie dich in der Woche umsonst sehen können, werden sie nicht zahlen, um dich am Wochenende zu sehen." Man sollte sich nicht zu sehr exponieren, nicht überall zu jeder Zeit auftauchen. Wenn ich nicht gerade an einem Film arbeite, muss ich nicht ständig in der Öffentlichkeit oder in der Presse stehen. Das mag kokett klingen, aber ich wollte als Schauspieler nie berühmt werden. Als Football-Spieler allerdings schon.

Das hat jetzt Ihr Sohn John David geschafft, der im Mai einen Profivertrag bei den St. Louis Rams unterzeichnet hat.

Ja, ist das nicht großartig? Er spielt seit kurzem als Halfback in der NFL! Der Junge ist unglaublich schnell! Darüber könnte ich jetzt stundenlang reden, aber meinen drei anderen Kindern zuliebe sollte ich mich zügeln.

Mr. Washington, würden Sie uns zustimmen, wenn wir behaupten: Denzel Washington hat in Hollywood die Hautfarbe zur Nebensache gemacht?

Ich nicht, aber das Publikum, indem es sich die Filme angeschaut hat. Du machst einen guten Film, die Leute mögen ihn und bezahlen Geld dafür. Ich glaube nicht, dass die Filmindustrie rassistisch ist. Das Wichtigste ist der Dollar, da kann deine Hautfarbe auch grün sein. Wenn du viel Geld für sie verdienst, werden sie dir auch weiterhin Drehbücher schicken. So läuft das Showbusiness: kein Business, keine nächste Show.

"Déjà Vu" startet am 27. 12. in den deutschen Kinos

Interview: Matthias Schmidt, Bernd Teichmann / print