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Die Faszination Monty Python: Meine Bibel heißt Brian

Wir waren Dorfkinder, wir waren Messdiener und "Das Leben des Brian" war unser Film. Eine Liebeserklärung an Monty Python, die genialste Komikertruppe nördlich von Camelot.

Von Jens Wiesner

Ein guter Witz schlägt ein, wie uns der Furz verlässt: spontan und unerwartet. Er riecht nur ein wenig besser. Zu profan, der Vergleich, mäkeln Sie? Dann formulieren wir es ein wenig erhabener um: So wie die Liebe uns direkt im Herzen trifft und den Verstand kaltstellt, so überwältigt der Witz unseren Geist. Innerhalb von Millisekunden hat er die Verteidigungsanlagen unserer Selbstbeherrschung überrannt, schert sich einen Dreck um Sitte und Anstand, Political Correctness und Genderfragen und lässt uns - gerne in den unpassendsten Momenten - in schallendes Gelächter ausbrechen. Ja, der spontane Lacher ist wohl das ehrlichste Geräusch, was dem menschlichen Mund im Laufe seines Lebens entfleucht. (Mit Ausnahme des Rülpsers, aber der ist so unwürdig, dass wir ihn an dieser Stelle außen vor lassen.)

Dummerweise ist nichts unwitziger, als einen guten Witz zu erklären. Liegt der Witz erst auf dem Seziertisch des bebrillten, laborbekittelten Humoranalysten, ist längst jedes Leben aus ihm gewichen. Der Witz ist so tot, wie es nur ein norwegischer Blauling sein kann. Womit wir am Ende des zweiten Absatzes endlich beim Thema angekommen wären.

Das schönste Sixpack von Großbritannien

Ich soll Ihnen erklären, warum Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin für mich die lustigsten Menschen dieses Universums waren, sind und für immer bleiben werden. Soll aus der Perspektive Langzeitfan das Faszinosum Monty Python aufdröseln, soll über ihren markant absurden Humor und Nonsens schwadronieren, die Vermählung von beißender Gesellschaftssatire und Pupswitz beklatschen und bei alledem darauf hoffen, dass nicht Chapmans Fuß vom Himmel fahren und mich kleinen Schreiberwurm zerquetschen wird?

Challenge accepted.

Dazu aber müssen wir uns auf eine kleine Zeitreise begeben. Nicht weit, aber weit genug, um in jene Jahre vorzudringen, als sich Marusha noch DJane schimpfte und Herr Angelo über frisch gebrühtem Nescafé seine Nicht-Motorisierung eingestand. Meine Wenigkeit lebte zu jener Zeit in einem kleinen Dorf, das nur eine Sprache kannte: katholisch. Gruselig, mögen nun einige von Ihnen denken, wenn ich davon berichte, dass schon in der Grundschule die korrekte Verkeilung der Finger ...

Die Mitte des Artikels

[Hallo und willkommen zur Mitte dieses Artikels! In diesem Moment machen wir eine Pause und laden Sie, die Leser ein, sich uns anzuschließen bei einem kleinen Suchspiel. Bitte zählen Sie alle Buchstaben "e", die in diesem Text vorkommen, und hüpfen Sie dann ebenso viele Mal auf der Stelle. Danke!]

... fürs Gebet eingeübt wurde und Gottesdienst-Gassenhauer wie "Großer Gott, wir loben dich" auf dem Lehrplan standen.

Aber so schlimm war es gar nicht. In weißen Rüschenröcken am Altar zu stehen, ist gar nicht so schrecklich, wenn jeder es muss, dafür konnten wir im Gottesdienst heimlich Wein schlürfen und Weihrauch aus der Kirche klauen, um am Abend heimlich THC zu inhalieren (fail). Nur, dass in unserem Jugendraum auch nach Jahren kein Sofa erlaubt wurde, weil darauf "unzüchtige Dinge" passieren konnten, nervte dann doch.

"Das Leben des Brian" als Initiationsritus

Im Gegenzug dafür bot uns die katholische Kirche ein schier unerschöpfliches Reservoir an Komik, von der feinen und von der derberen Sorte. Versuchen Sie mal die Fassung zu bewahren, wenn der Priester am Altar gerade von der Menschwerdung Jesu Christi philosophiert und dazu, nur für uns Messdiener hörbar, einen fahren lässt? Unvergessen auch die Karfreitage, an denen Kirchenchor und Männergesangsverein die Geschichte vom Tod Jesu als Musical-Erzählung aufführten. (Männer, im tiefsten Bass intonierend: "Und das Volk schrie..."; Frauen, leicht schrill antwortend: Krrrrrrrrreuzige ihn!"). Das war Realsatire pur.

Und es gab nur einen Film, der diesen Wahnsinn so herrlich auf den Punkt bringen konnte, dass ihn wohl jeder, der einmal in der kirchlichen Jugendarbeit engagiert war, bis heute auswendig mitsprechen kann: Monty Pythons "Das Leben des Brian". Wie der Heilige Gral unseres Dorfes wurde die Videokassette von Generation zu Generation weitergegeben. Ein Initiationsritus unter uns Dorfkindern, der den Übergang vom nickenden Messdienerknaben zum Jugendlichen markiert, der die Absurdität seiner Umgebung erkannt hat. Wer über die jüdäische Volksfront lachte, der durfte plötzlich auch mit den Großen Bier trinken.

Doch wer den Wahnsinn erkannt hatte, der musste irgendwann Konsequenzen ziehen. Und so nahm ich, kaum der 18 entsprungen, Sack und Pack in die Hand und zog zum Studieren fort aus meiner kleinen, katholischen Welt. Wahrscheinlich ist es das, was mich an Monty Python so unbeschreiblich fasziniert macht. Ihr Humor hat mir die Tür in eine neue, andere Welt geöffnet. Ob sie auch offener, toleranter ist? Vielleicht. Zumindest aber ist es eine Welt, in der ich über alles und jeden lachen darf und kann und werde. Danke, dafür.

PS: Enttäuscht? Sie haben sich mehr Analyse und weniger Kindheitserinnerungen von diesem Text erhofft? Vielleicht sogar die Anwendung von Canettis Lachtheorie auf das montypythonische Gesamtwerk? Nicht verzagen, sondern in diese Doktorarbeit von 1988 klicken. Monty Pythons "Sinn des Lebens" seziert auf 621 Schreibmaschinenseiten.