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Dreh von "Anonymous" in Berlin: Roland Emmerich sprengt Shakespeare

Eben hat er noch die Welt zerstört, nun nimmt sich Hollywoods Mann für die Leinwand-Apokalypse einen literarischen Mythos vor. Es wird wohl ordentlich Schelte setzen, wenn Roland Emmerich mit seinem Shakespeare fertig ist. stern.de war am Set von "Anonymous".

Von Sophie Albers

Bei Roland Emmerich kam es schon immer auf die Größe an: die größte Katastrophe ("2012"), das größte Monster ("Godzilla"), das größte Drama (alle seine Filme). Nun ist der Blockbuster-Regisseur nach Deutschland zurückgekehrt, um sich eines der größten Themen der Literaturgeschichte vorzunehmen: Wer war Shakespeare? War es ein genialer Geist, der die größten Dramen unserer Kulturgeschichte erdacht und aufgeschrieben hat? Waren es mehrere? Oder war es vielleicht ein Mann namens Edward de Vere?

Moment mal, Mister "Independence Day" Emmerich und Kulturkanonkönig Shakespeare? Auf den ersten Blick ist diese Kombination wahrlich verstörend. Doch wenn man sich mit der Arbeit Emmerichs ein wenig auseinandersetzt, erkennt man darin einen leidenschaftlichen Perfektionisten mit Weitblick. Und das macht das Projekt "Anonymous" vor allem eines: spannend.

Strenge Wächter

Auf dem Gelände des Studios Babelsberg bei Berlin steht voraussichtlich noch bis Juni ein Londoner Straßenzug, wie er im 16. Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Verwinkelte, verrauchte Häuschen, dazwischen ein Haufen Matsch und gleich daneben das Rose Theatre. Ein Nachbau der sagenumwobenen Wirkungsstätte des Dramatikers und Poeten, der vielen als der größte aller Zeiten gilt. Historischer Film hieß bei Emmerich bisher Säbelzahntiger, Steinzeitmenschen und auch Aliens wie in "10.000 B.C.". Nun heißt es erstmals rechercheintensive, möglichst akkurate Umsetzung einer Realität, über die einiges, wenn auch nicht alles, überliefert ist.

Auf dieser Umsetzung hat unter anderem der strenge Drehbuchautor John Orloff den Daumen. Er hat zuvor das Skript zu Michael Winterbottoms "Ein mutiger Weg" (2007) geschrieben - das mit Angelina Jolie verfilmte Drama über den 2002 von pakistanischen Terroristen entführten und ermordeten US-Journalisten Daniel Pearl. Orloff ist ein gutes Beispiel für die Entschiedenheit, mit der Emmerich den neuen Weg in seiner Karriere beschreitet.

Die Besetzung ist rein englisch, ohne Hollywood-Gesichter, und darauf sei er sehr stolz, sagt der Regisseur gut gelaunt. "Stolz und dankbar" sei er, "diesen Film genau so zu drehen, wie ich will". Und das ganz ohne Erdbeben und Explosionen? Das Lachen verrutscht ein wenig: "Ich habe nicht nur Katastrophenfilme gedreht, und es ist seltsam, dass die Leute mich immer nur darauf ansprechen." Dann gibt er immerhin zu, dass der Erfolg seiner Bilder der eingefrorenen, gesprengten, gekochten Erde es ihm überhaupt ermögliche, Filme wie "Anonymous" zu drehen. "Ich setze alles ein, was ich jemals gelernt habe." Und manchmal sei er selbst erstaunt, was mit einem kleinen Budget von 30 Millionen Dollar alles möglich sei.

Dann ist es endlich egal, dass Emmerichs Ruhm vor allem darauf basiert, einst das Weiße Haus gesprengt zu haben. Vanessa Redgrave ("Mrs Dalloway", "Abbitte") hat in "Anonymous" die Rolle der Elisabeth I. übernommen, die Regentin zu Shakespeares Zeiten. In der Kulisse des Rose Theatre spricht die Grand Dame der Bühne und Leinwand von der Magie der Sprache in Shakespeares Kunst, den Brüchen im Charakter der Königin, von der Verzweiflung, der Sehnsucht und der Hoffnung, die Menschen auch heute noch in den mehr als 400 Jahre alten Texten finden. Und während Redgrave mit leuchtenden Augen berichtet, flackern und rußen echte Kerzen in der milden Babelsberger Abendbrise.

Auch Schauspieler Mark Rylance wird dafür sorgen, dass Shakespeare drin ist, wo Shakespeare drauf steht: Er war zehn Jahre lang Leiter des Shakespeare's Globe Theatre in London. Er hat zuweilen die Aura des Wächters eines heiligen Grals, wenn er über Erstausgaben und Versionenvergleiche der berühmten Theaterstücke spricht. Dagegen wirkt Rhys Ifans ("Notting Hill", "Radio Rock Revolution") fast wie ein Rockstar. Doch auch ihn hat Shakespeare gepackt: Der Film "ermöglicht uns einen Zugang zu dem Zauber dieses Autors - wer immer er auch war", so Ifans, der in "Anonymous" die Rolle des Edward de Vere übernimmt, der angeblich in Wahrheit Urheber der gefeierten Dramen und Gedichte war.

Apropos Urheber: Ein politischer Thriller soll "Anonymous" sein. Die Fragen von Kunst und Kreativität seien eingebettet in die Intrigen um die Nachfolge von Königin Elisabeth I., führt Autor Orloff aus. Vielleicht gelingt es dem vorausschauenden Emmerich auch darin mal wieder, drängende Fragen unserer Zeit auf den Punkt zu bringen. Wo fängt die Kunst an, und wie viel ist sie uns wert in Zeiten von Antipiraterie-Gesetzen und Copy-und-Paste-Autoren wie Helene Hegemann? Über das Erderwärmungsszenario von "The Day After Tomorrow" haben damals viele gelächelt. Und das ist gerade mal sechs Jahre her.