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"Anonymus" im Kino Das erdichtete Dichterleben des William S.


Vom Katastrophenfilm zur hehren Dichtkunst - der deutsche Hollywoodregisseur Roland Emmerich hat das Genre gewechselt und bringt das Shakespeare-Spektakel "Anonymus" ins Kino.

Er ließ "Godzilla" durch Manhattan stapfen. Seine Außerirdischen legten am "Independence Day" das Weiße Haus in Schutt und Asche. Und im Jahr "2012" geht die Welt dann endgültig unter. Jetzt hat Katastrophenfilm-Experte Roland Emmerich, 56, das Genre gewechselt. Mit "Anonymus" bringt Deutschlands umtriebiger Hollywoodregisseur ein Historiendrama in epischen Ausmaßen auf die Leinwand - mit gewohnt viel Tricktechnik und einer schwülstigen Story, die sich in zahlreichen Zeitsprüngen fast verliert.

Es geht um keinen geringeren als den englischen Dramatiker William Shakespeare (1564-1616) - und die umstrittene These einiger Forscher, dass der Dichter seine Werke gar nicht selbst geschrieben hat. Bei Emmerich ist von Anfang an klar, dass hinter Stücken wie "Romeo und Julia", "Wie es euch gefällt", "Julius Cäsar" und "Hamlet" der Adelige Edward de Vere, Graf von Oxford, steckt - gespielt von "Notting Hill"-Star Rhys Ifans.

Weil sich das Schreiben von Theaterstücken in dieser gesellschaftlichen Schicht einfach nicht ziemt, will der Graf von Oxford seine Werke unter einem fremden Namen veröffentlichen. Dafür guckt er sich einen der ehrgeizigen Nachwuchsdramatiker aus, die ihre Tage in London zwischen Pub und Theater zubringen. Wie durch einen Zufall ein Wein, Weib und Gesang zugetaner Schauspieler, nämlich jener William Shakespeare (gespielt von Rafe Spall), zum Autor von de Veres Stücken gekürt wird und sich fortan feiert lässt - das erzählt Emmerich in großer, matschiger London-Kulisse.

Zu bemüht, perfekt zu sein

Dabei trägt der an gigantische Spezialeffekte und teure Computeranimationen gewöhnte Regisseur im wahrsten Sinne des Wortes arg dick auf. Rhys Ifans Mimik als Graf von Oxford wirkt vor lauter Schminke ganz starr. Vanessa Redgrave trägt als gealterte, doch immer noch temperamentvolle Königin Elisabeth sonderbar künstlich glatte Dekolletés zur Schau. Emmerichs Londoner Straßen-Kulissen versinken malerisch im Schlamm, im eigens im Babelsberger Filmstudio nachgebauten dreistöckigen Globe Theatre tobt das sorgfältig mit Lumpen ausstaffierte Volk.

Viele Zeitsprünge machen es dem Zuschauer nicht einfach, den Liebeshändeln und Intrigen im Machtzirkel um die Queen zu folgen. Es gibt eine Mini-Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt. Immer wieder wechselt das Geschehen dann zwischen den Jugendjahren von de Vere, der Queen und ihrem Hofstaat sowie ihren politischen und privaten Auseinandersetzungen im reifen Erwachsenenalter.

Eine ähnlich detaillierte, sorgfältig recherchierte Ausstattung hat man bereits in der TV-Serie "The Tudors" des Briten Michael Hirst gesehen. "Anonymus" wirkt in seinem Bemühen, alles so perfekt und originalgetreu wie möglich zu zeigen - wie zum Beispiel bei den prächtigen, dem Zuschauer teils von Gemälden bekannten Gewändern der Queen - am Ende doch irgendwie kraftlos.

Die von Emmerich und seinem Drehbuchautor John Orloff erdachten Charaktere entwickeln einfach nicht genügend Profil. Auch vor Kitsch und Pathos schreckt Emmerich nicht zurück: Etwa wenn Edward de Vere schmerzhaft erkennen muss, dass er gescheitert ist - und die am Fenster herablaufenden Regentropfen seine Tränen symbolisieren. In solchen Momenten ist dieses erdichtete Dichterleben dann fast unfreiwillig komisch.

Elke Vogel, DPA DPA

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