Stratford-upon-Avon Im Bann des Barden


Jedes Jahr kommen Millionen von Touristen ins englische Stratford-upon-Avon, um auf den Spuren von William Shakespeare zu wandeln. Höhepunkt ist ein mehrmonatiges Theater-Festival, das im April beginnt.

"Ein Dunkles vom Fass", ruft Macbeth, der blutrünstige König, über den Tresen des Black Swan und schlägt Macduff, der ihn zuvor auf der Bühne gemeuchelt hat, freundschaftlich auf die Schulter. Im Pub sitzen auch die drei Hexen, vor denen sich eben noch die Zuschauer im Royal Shakespeare Theatre gegruselt haben. Sie trinken Schorle vor dem flackernden Kamin. Eine der Schicksalsfrauen hat ihre etwa achtjährige Tochter auf dem Schoß, die andere plaudert mit der dämonischen Lady Macbeth, die ohne blonde Perücke und blutigen Dolch eher wie Tony Blairs Gattin Cherie aussieht. In Stratford-upon-Avon, wo der größte englische Dichter und Dramatiker geboren wurde, ist von April bis Oktober Shakespeare-Festival-Zeit; nach dem letzten Vorhang trifft sich die Truppe traditionell im Pub mit dem schönen Doppelnamen The Black Swan/The Dirty Duck. Warwick County heißt der liebliche Landstrich, besser bekannt als Shakespeare Land. Denn hier ist Englands berühmteste Halbglatze omnipräsent. Stratford-upon-Avon wäre eine gewöhnliche mittelenglische Kleinstadt geblieben, wenn der Barde, wie sie ihn nennen, nicht die Show am Laufen hielte. Der Mann, der mit 36 hochkarätigen Dramen und 154 Sonetten wie kein anderer das theaterverrückte Merry Old England repräsentiert, steht auch vier Jahrhunderte nach seinem Tod hoch im Kurs. "Shakespeare ist Shakespeare ist Shakespeare", sagt Richard Lees, der in der Stadtverwaltung arbeitet und nebenbei ein Bed & Breakfast betreibt. Was ihn denn mit Shakespeare verbinde? "Mein Vater war Bürgermeister in Stratford und John Shakespeare, Williams Vater, auch", sagt Lees. Niemand scheint es hier mit dem Zeitgeist so genau zu nehmen. Auch die Gretchenfrage, die Londoner Literaten umtreibt, scheint hier wenige zu interessieren: ob es viele Shakespeares gegeben habe, also einige Stücke vielleicht aus der Feder des Grafen von Derby, des Herrn von Oxford, oder gar einer Frau geflossen seien? Dafür weiß jedes Schulkind, dass William am 23. April 1564 als ältester Sohn des Handschuhmachers John Shakespeare geboren wurde, dass er in London Theaterstücke schrieb und aufführte und am 23. April 1616, an seinem 52. Geburtstag, in Stratford starb. Die Stadt mit den schmucken Tudor-Häusern hat früh erkannt, wie gut sich ihr genialer Sohn vermarkten lässt. Schon im 18. Jahrhundert begründete der Schauspieler David Garrick ein Shakespeare-Festival. Das heutige Theater, das wie eine Festung hinter den grünen Wiesen am Fluss Avon aufragt, erinnert eher an ein Großraumkino.

Das Allerheiligste für Shakespearianer ist des Dichters Geburtshaus in der Henley Street, auch wenn der Trust noch weitere Familienanwesen hegt und pflegt: die Stadthäuser von Tochter Susanna und Enkelin Elisabeth, ebenso die Farm, von der Mutter Mary Arden kam, allesamt liebevoll mit Tisch, Bett und Stuhl aus alter Zeit bestückt. "Aber unser Schmuckstück ist das Anne Hathaway Cottage, aus dem seine Frau stammt, das müssen Sie gesehen haben", rät Katie Cain, die PR-Referentin des Royal Shakespeare Trust. Die Allee durch das Dörfchen Shottery ist so eng, dass man im offenen Doppeldeckerbus oft Zweige ins Gesicht bekommt. Anne Hathaways Häuschen duckt sich unter seinem Strohdach, als wollte es um keinen Preis die Aufmerksamkeit der vielen Besucher erregen. Nichts ist hier protzig, alles praktisch, von der offenen Herdstelle bis zur Dachkammer sieht es gemütlich aus. Im Eingang steht immer noch die harte Eschenholzbank, auf der der 18-jährige William um die Hand des Bauernmädchens Anne anhielt. Endlich, dachte wohl Vater Hathaway, denn das Fräulein Tochter war stolze 26, damals eine alte Schachtel, und dazu im dritten Monat schwanger.

Ob Anne sein Vorbild für das dreiste Kätchen in "Der Widerspenstigen Zähmung" war, hat der Meister nie verraten. Immerhin hat er ihr im Testament sein "zweitbestes Bett" vermacht, was wohl ein Liebesbeweis war. So bescheiden das Haus, so sehr erinnert der blühende Bauerngarten an den "Sommernachtstraum", in dem nur die Elfen fehlen - bis der Busfahrer ungeduldig zur Weiterfahrt hupt. Im Geburtshaus summt es in allen Sprachen. Zwei Millionen Besucher im Jahr zwängen sich durch das schiefe Fachwerkhaus, das mit knarzenden Dielen und verwinkelten Ecken seit 250 Jahren dem Ansturm der Verehrer standhält und mit Betonpfeilern verstärkt wurde. Schon früh haben Dichterkollegen wie Walter Scott und Charles Dickens ihre Namen in Fenster eingeritzt, der Romantiker John Keats übernachtete sogar in der Walstatt seines Idols, denn das Haus überlebte die Jahrhunderte als Hotel Swan and Maidenhead.

Trotz des Gedränges bemühen sich die Führer um jeden Gast. "So ein Betthimmel war kein romantischer Schnickschnack", erklärt Paul Avery kenntnisreich den Sinn des Pfostenbetts im Raum, "absolut notwendig, damit Ratten, Mäuse und Käfer nicht vom Dachsparren in die Münder der Schlafenden fielen." Die Franzosen lauschen den weiteren Bett- und Nachttopfgebräuchen, die chinesische Reisegruppe wetzt die Wendeltreppe hinauf in das Geburtszimmer, um Klein-William als Wickelpaket zu bewundern. Die alte Handschuhmacher-Werkstatt von Vater John ist heute ein Souvenirladen: Mit Lippenbärtchen und strähnigen Haaren strahlt der berühmte Sohn von Fingerhüten, Tassen, Kacheln, Aschenbechern und Schürzen. Alle lieben ihn, den Dichter, der ein eisenharter Realist war, der mit Worten zaubern konnte. Man kann sich den Dramatiker auch versüßen und bei Hamilton's als luxury handmade chocolate vernaschen. Wer in die High Street einbiegt, ist endgültig in Merry Old England gelandet. Er kann bei Hathaway's Teesalon einen Darjeeling trinken, bei Marlowe's brunchen, im Shakespeare Hotel nächtigen, im Buchladen "Wie es euch gefällt" schmökern, im Garten von New Place, dem Alterssitz des Dichters, meditieren oder bei der King Edward VI Grammar School vorbeischauen, wo William aus Angst vor Prügeln als "weinerlicher Bube" zur Schule kroch ("Wie es euch gefällt", 2. Akt, 7. Szene).

Das schönste Fachwerkhaus der High Street hat die US-Flagge, nicht den Union Jack, gehisst: eine Reverenz an Harvard, die amerikanische Elite-Universität, denn hier lebte Katherine Rogers, die Mutter von John Harvard, der 1636 die Alma Mater in Boston gründete. Doch seit dem 11. September kommen deutlich weniger Amerikaner. Das bekommt auch die Royal Shakespeare Company zu spüren, deren treuestes Auslandspublikum aus den USA kam. Nun verpassen die Amerikaner eine Weltbühne, die von Stars wie Laurence Olivier, Vivian Leigh, Richard Burton, Judy Dench, Vanessa Redgrave und Kenneth Branagh geprägt wurde. Auch Ralph Fiennes gab hier den Romeo, bevor sein Bruder Joseph im Film "Shakespeare in Love" als der Dichter selbst brillierte. Husten dröhnt durch das kleine Fachwerkhaus, Sitz der Pressestelle des Royal Shakespeare Theatre. Ein Riese in Windjacke duckt sich unter dem niedrigen Türbalken durch und zwängt sich in einen bunten Chintzsessel: Richard Cordery, Altstar des Königlichen Shakespeare Ensembles, gewährt zwischen den Proben ein Interview - verschnupft, aber jeder Zoll der schottische König Duncan, den er abends in "Macbeth" spielt. Cordery gehört zum festen Ensemble mit 37 Mitgliedern, die mit Regisseur Michael Boyd durchstarten wollen. Was braucht ein Shakespeare-Darsteller? "Leidenschaft", sagt Cordery. Doppelt so lange Proben und doppelt so viele Produktionen wie an anderen Theatern gibt es hier, weshalb viele Kollegen zu Film und Fernsehen abgewandert sind. Übrigens höre er, dass immer mehr Deutsche kämen. Sei das Shakespeare-Englisch nicht zu schwer für Ausländer? Andererseits, "wir Engländer verstehen auch nicht jedes Wort des Barden", tröstet er. Dann faltet sich der Riese aus dem zierlichen Sessel. "Die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler!", zitiert er seinen Meister ("Wie es euch gefällt", 2. Akt, 7. Szene) und geht mit dröhnendem Lachen ab.

Swantje Strieder print

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