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"Halb tot": Stress auf Alcatraz

Steven Seagal ist wieder da. Der alternde Actionheld hat mit "Halb Tot" einen neuen Ballerstreifen gedreht, der auf erfolgreiche Zutaten setzt - und damit völlig überraschend baden geht.

Steven Seagal gehört zu den alten Kämpen Hollywoods. Er war zwar nie ganz so erfolgreich wie Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, konnte aber doch einige überzeugende Kassenschlager wie etwa "Alarmstufe: Rot" vorweisen. In den letzten Jahren gab es nur wenig Neues von Seagal zu sehen. Allein "Exit Wounds" ragte aus der Masse seiner Durchschnittsfilme heraus. In "Exit Wounds" machte Seagal zusammen mit dem schwarzen Rap-Star DMX Jagd auf Polizistenmörder - während aus dem Hintergrund die dazu passende Rap-Musik von DMX drang.

Auf diesem neuen Erfolgskonzept setzt auch "Halb tot" auf. Seagal spielt hier den Undercover-Agenten Sascha Petrosevitch, der vom FBI undercover in eine Verbrecherbande eingeschleust wurde. Hier freundet er sich mit dem schwarzen Kleinganoven Nick (Rap-Star Ja Rule) an. Der widersetzt sich leider einer Gefangenname durch das FBI. Petrosevitch wirft sich im Kugelhagel vor seinen Freund und fängt an seiner Stelle mehrere Kugeln ein. Sascha ist anschließend 22 Minuten lang klinisch tot, bevor er animiert werden kann.

Nick landet im neu eingerichteten Gefängnis auf Alcatraz. Sascha, spontan genesen, soll ihm als vermeintlicher Gefangener hierhin folgen, um Nick weiter auszuhören. Doch diese ganze Vorgeschichte wird plötzlich völlig überflüssig, als eine Gruppe schwer bewaffneter Söldner in den Knast einbrechen, um einen zum Tode verurteilten Verbrecher vom elektrischen Stuhl zu ziehen. Dieser Mann hat anscheinend 200 Millionen Dollar geklaut und sie irgendwo versteckt. Um diese Kohle geht es jetzt natürlich. Sascha und Nick mischen sich sofort in die Auseinandersetzung ein. Sie bewaffnen die Gefangenen und zetteln einen Aufstand an.

Drehbuch verlegt?

Au weia. Der Film wurde für 30 Millionen Dollar in Berlin und Babelsberg gedreht, was immerhin auch noch Alexandra Kamp, Hannes Jaenicke und Yasmina Filali zu absolut vergessenswerten Nebenauftritten im Action-Streifen verhalf. Trotz der recht stattlichen Summe hat man anscheinend völlig vergessen, einen Drehbuchautor zu bezahlen. Der ganze Film erzählt nämlich gleich zwei Geschichten, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben, und bringt sie dann noch nicht einmal richtig zu Ende. "Halb tot" weist dabei logische Löcher auf, die so groß ausfallen, dass man glatt den Mond durchschieben könnte. Überhaupt reiht der Streifen ein totgetretenes Klischee ans andere - eine reine Auftragsarbeit ohne Leben.

Völlig lächerlich ist die Besetzung von Ja Rule. Dem zu klein geratenen Rapper nimmt man seine Rolle als harter Gangster nicht auch nur ansatzweise ab. Seine Musik, die immer wieder als Filmmusik eingespielt wird, stört sogar und zieht den Streifen zusätzlich herunter - ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger DMX, dessen genial interpretiertes "Ain't no sunshine" dem Film "Exit Wounds" erst die richtige Stimmung gegeben hat.

Seagal selbst hat sich ebenfalls überlebt. Nur in einer Kampfszene zeigt er noch seine überragenden Aikido-Fähigkeiten. Ansonsten steht der übergewichtige Mime nur dumm in der Gegend herum und versucht, während des gesamten Films keinen einzigen Gesichtsmuskel zu bewegen. Wer je den genialen und hinterfotzig witzigen Film "Alarmstufe: Rot" gesehen hat, weint bittere Tränen darüber, dass der Mann anscheinend sein ganzes Talent so schnell verloren hat. Natürlich kann man Action-Freunde über Gebühr verarschen - sie haben ja ein eher schlichtes Gemüt. Aber dass in diesem Film minutenlang aus kürzester Distanz und aus allen Rohren aufeinander geballert wird und niemand auch nur einen Treffer erzielen kann - das glaubt einem dann nun doch niemand. Schade um den Film.

Carsten Scheibe