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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Harvey, Kevin und Louis - Braucht Kunst ein Führungszeugnis?

Harvey Weinstein, Kevin Spacey und Louis C.K. sind nur drei Männer der Unterhaltungsbranche, denen sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigung vorgeworfen wird. Kann man ihre Werke noch guten Gewissens genießen, fragt sich Micky Beisenherz.

Kevin Spacey

Schauspieler Kevin Spacey wird von mehreren Männern der sexuellen Belästigung beschuldigt

Eigentlich möchte ich mein gar nicht mehr anmachen. Facebook und Twitter auslassen. Es könnte ja gut sein, dass ich gestern nacht noch bei Kabel 1 irgendeinen Film mit meinem Lieblingsschauspieler geguckt habe und heute morgen nach dem Aufstehen lesen muss, dass ich womöglich unwissentlich einen schlimmen Sittenfiffi gefeiert habe.

Jetzt hat es also auch noch einen der besten Komiker erwischt, die Amerika je hatte: . Ebenfalls beschuldigt wegen sexueller Belästigung. Gut, ich gebe zu: Soooo überraschend war das jetzt nicht. Überdies: Wenn man schon in Bauchbinden, also öffentlich, geführt wird unter "Freund von Wladimir Putin", liegt der Schluss nahe, dass man über ein etwas gestörtes Geschlechterbild verfügt.

Louis C.K. - momentan der beste Komiker der Welt

Steven Seagal ist mir natürlich völlig egal. Problematischer wird es bei jemandem wie Louis C.K. Momentan vielleicht der Welt bester Komiker und auch hierzulande völlig zu Recht für seinen gleichermaßen harten wie schlauen Humor heftigst verehrt. Ich würde mich sogar glatt zu der Formulierung hinreißen lassen: ein Genie.

Ein Genie allerdings, das scheinbar die Neigung hat, vor Frauen sein Ding rauszuholen und zu onanieren. Was beim Gegenüber gelinde gesagt nicht so gut ankommt und den beklagten nun unfreiwillig einreiht in die Riege derer, die bei den Domino Days der Showbranche wegkippen.

Die Premiere seines Films wurde bereits gekippt, weitere Ächtung ist abzusehen. Sollte bis auf Weiteres kein neues Material mehr von ihm zu sehen sein, wäre das auch für deutsche Komiker bitter - sie wären plötzlich gezwungen, eigene Ideen zu entwickeln.

Warum muss es eigentlich mein Lieblingskomiker sein, verdammt! Hätte es nicht sein können! Oder Chris Tucker?

Attribute wie "der weiße " hätte man vor Jahren als Komiker irgendwie auch noch besser gefunden.

Kevin Spacey - vom hochdekorierten Mimen zum Ausgestoßenen 

Ein paar Schritte weiter ist da schon Kevin Spacey, oder wie jemand im Internet kürzlich ganz richtig sagte: Nach all den Vorwürfen um sexuelle Belästigung kann er natürlich den US-Präsidenten nicht mehr spielen. Jetzt kann er es nur noch werden. Nach einer verheerenden Woche, die mit einem Vorwurf begann, sich mit einem fürchterlich deplatzierten Coming Out fortsetzte und in einer Reihe von Anschuldigungen endete, ist der hochdekorierte Edelmime plötzlich ein Ausgestoßener, ein Paria Hollywoods.

Wobei der Vergleich etwas unpassend ist. Ein Paria ist durch das Kastensystem bedingt völlig ohne eigenes Zutun in diese Rolle geraten. Das kann man von Spacey nun nicht gerade behaupten. Hier hat ein offensichtlich völlig übersteigertes Ego versucht, sich zu nehmen, von dem es glaubte, es stünde ihm zu. Einvernehmlich ist es, wenn ICH das will.

Mit brutalen Konsequenzen: Nicht nur, dass Netflix "House of Cards" nicht fortsetzen wird (was sie ohnehin nicht vorhatten), jetzt sind sogar die Dreharbeiten gestoppt und man überlegt, wie man ohne Spacey weitermachen könne. Ridley Scott wiederum schneidet Spacey sogar aus einem bereits fertigen Film heraus und plant kosten- wie zeitintensive Nachdrehs, um ihn zu ersetzen. Gerüchten zufolge betatscht Michael Fassbender seit Tagen sämtliche Kolleginnen und Mitarbeiter, nur um noch aus Ridley Scotts "Counselour" und "Prometheus" rausgeschnitten zu werden.

Kevin Spacey ist Stand jetzt absolutes Kassengift

Die Gründe für diese förmliche Auslöschung sind natürlich weniger im Moralischen, denn Monetären zu suchen: Kevin Spacey ist Stand jetzt absolutes Kassengift. Mit dem Mann ist so kein Geld mehr zu verdienen. Die Entrüstung der Menschen würde sich an der Kinokasse niederschlagen, der Film geriete zum Flop und DAS wiederum täte mehr weh als jedes Gerücht über oder gar die Beobachtung eines Fehlverhaltens der einst so gepamperten Cash-Cow.

Spacey, aber auch Weinstein sind die natürlichen Produkte eines Systems, das auf Rentabilität aufgebaut ist. Ein System, das es natürlich auch in Deutschland gibt. Machst Du Quote, Kasse, volle Säle wird gerne ein Auge zugedrückt. "Ihr wisst ja, wie er ist." Man züchtet Monster, die keine Grenzen mehr kennen, weil diejenigen, die gut an ihnen verdienen, sie schon im Vorwege beiseite räumen. So nehmen diese Gigantenegos sich, was sie wollen, ohne auch nur im Geringsten einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ihr Verhalten falsch sein könnte.

Harvey Weinstein schuf ein System aus Spionen

Gut, Harvey Weinstein bildet zumindest dahingehend schon eine kleine Ausnahme. Hat er doch tatsächlich ein Netzwerk geschaffen aus Detektiven, Anwälten, ja, ehemaligen Mossad-Agenten, die systematisch daran gearbeitet haben, Material zu sammeln, das man als Druckmittel nutzen könnte, um Journalisten oder Schauspieler/innen, die ihn belasten könnten, kaltzustellen. Wer ihn deshalb als skrupelloses Schwein bezeichnet, dem bitte seine schründige Dackelflöte abfaulen möge, geht eingedenk dieser moralischen Verkommenheit noch sachlich mit der Thematik um, finde ich.

Wo wir gerade von Moral sprechen: "Ja, warum melden sich die Opfer erst jetzt!?" Tja, schwierig. Da ist natürlich jeder Fall gesondert zu betrachten. Aber gehen wir mal davon aus, du bist ein kleiner Komparse oder eine junge Schauspielerin, die von Harvey Weinstein betatscht oder von Spacey sexuell bedrängt wird. Glaubt man dir? Hört man dir zu?

Oder auch ganz einfach: Bist du so gefestigt, dass deine moralischen Überzeugungen wichtiger sind, als dein Wunsch, es in diesem System beruflich noch zu schaffen - oder schluckst du es runter und nimmst die Demütigung in Kauf. Weil es irgendwie auch jeden schon mal getroffen hat. (Wenn es nicht sogar so weit geht, dass man dir androht, dich zu vernichten, solltest du an die Öffentlichkeit gehen.) Das alte Gleichnis vom Fressen und der Moral. Schwierig.

Übrigens will ich mir an dieser Stelle keinerlei Anmaßung erlauben zu beurteilen, welche Form der sexuellen Belästigung, Herabwürdigung, ja, Übergriffigkeit wie schwer wiegt. Das müssen zum Glück andere beurteilen, und es gibt hoffentlich Gerichte, die hier den Opfern angemessen begegnen. Jeder, der seine Position, Macht missbraucht, um Menschen zu erniedrigen oder sich ihrer zu bemächtigen, soll bitte bestraft werden. Das ist gut und richtig.

Welchen Preis zahlen wir als Cineasten?

Stellt sich nur die Frage, was nach dem großen Kehraus übrig bleibt? Welchen Preis zahlen wir als Cineasten, als Kunstliebhaber? Warum also wird Spacey aus künftigen Werken getilgt? Kann man Kunst und Künstler nicht gesondert betrachten? Muss ich einen Künstler als Privatmann gut finden, um seine Werke zu schätzen? Eine Antwort darauf zu finden, ist natürlich sehr schwer.

Bei Filmen zum Beispiel schätzt man ja nicht unbedingt Al Pacino oder Tom Cruise, den Schauspieler. Viel häufiger sieht man einfach gerne Al Pacino, den Typen. Götz George war als "Schimanski" im Grunde genommen auch kaum anders, denn als "Totmacher", aber man hat ihn einfach gern gesehen. Womöglich hat man sich irgendwie mit ihm identifiziert.

Kommt plötzlich raus, dass mein Lieblingsdarsteller ein irrer Scientologe ist oder Antisemit, fehlt mir plötzlich die Zuneigung, und ich mag ihn (oder sie) nicht mehr sehen. Womöglich denke ich auch die ganze Zeit daran, dass der, der da gerade noch so herrlich verschlagen den Präsidenten gibt, nach der Klappe sofort dem Aufnahmeleiter an die Nüsse packt.

Könnte ich die Songs von Justin Vernon noch lieben, mich von seiner Musik, ja, von ihm verstanden fühlen, wenn ich wüsste, dass er in Waffenhandel investiert oder eine der Kardashians datet?

Ich hatte damals noch Songs der Lostprophets auf dem iPod. Seitdem ich weiß, was der Sänger für ein kaputtes Arschloch ist, käme ich nicht mehr auf den Gedanken, Songs von denen zu hören. Aber das hätte ich vermutlich auch so nicht getan. Da wird es mir leicht gemacht. Die Band war eh durch. Was aber, wenn es meinen Lieblingsmusiker erwischt.

Ist Kunst nicht überwiegend ein Produkt, das von Menschen gemacht ist, die über ein beschädigtes, völlig übersteigertes Ego, eine beschädigte Psyche, ein fast schon groteskes Selbstbild verfügen? Ja, muss man nicht sogar mächtig einen an der Mütze haben, um so drauf zu sein, Wildfremden sein Zeug zuzumuten? Und ist dieser ungesund starke Drang nach Zuspruch, Beantwortung, Bestätigung, der als kreative Triebfeder dient, im Privatleben so zu zähmen, dass er den moralischen Ansprüchen von uns Normalbürgern genügt? Kann ich das Aufbrausende in der Kunst lieben, obwohl ich es im Privatleben meines Helden verabscheue?

John Lennon war kein netter Mensch und Lou Reed ein Volltrottel

Ich habe natürlich keinen Schluss für dieses Thema, sicher aber ist: John Lennon war kein netter Mensch, Lou Reed ein Volltrottel und Klaus Kinski soll auch sehr aufbrausend gewesen sein. Ben Kingsley war in "Sexy Beast" definitiv näher bei sich selbst als in "Ghandi". Steve McQueen hat Frauen geschlagen und Marvin Gaye, nun ja, den Louis C.K. gemacht.

Wollen wir nur Kunst von moralisch einwandfreien, ja, "guten" Menschen konsumieren, werden wir vermutlich für lange Zeit DJ Bobo und Rolf Zuckowski hören müssen. Und Walt Disney-Filme sind auch gestrichen. So viel Konsequenz muss sein.

Kunst hat keinerlei Verpflichtung. Kunst verlangt vom Schaffenden weder Führungszeugnis noch Wesenstest. Sie lebt von der Perspektive, der Interpretation des Publikums. Und das ist gut so. Ob ich mich als Betrachter aber noch auf das Werk einlassen kann, das kann kein Gericht der Welt entscheiden.

Und ist Kunst am Ende nicht auch einfach nur der Nike-Schuh, von dem wir besser nicht wissen wollen, unter welchen Umständen er entstanden ist?

Ich google gleich erst einmal Justin Vernon. Und halte die Luft an.