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DVD: Gut, besser, Julia!

Sie ist die Sensation im deutschen Kino und Theater. Jetzt wird Julia Jentsch mit "Sophie Scholl - Die letzten Tage" auf der Berlinale triumphieren

Sie lügt einem ins Gesicht. Stundenlang. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne rot zu werden. Sie ist eine verdammt gute Schauspielerin. Sie hat Mut. Sie heißt Sophie Scholl.

Sie versucht, ehrliche Antworten zu finden. Sie wird rot, einfach so und wenn sie mal nicht weiterweiß. Oder sie lacht, weil sie merkt, dass es komisch ist, manche Fragen beantworten zu wollen, obwohl diese für sie selbst so ganz abseits des Weges liegen - noch jedenfalls. Sie ist eine verdammt gute Schauspielerin. Sie hat Mut. Sie heißt Julia Jentsch.

Stimmt, sagt Julia, "so gesehen ist die Sophie eine grandiose Kollegin. Wie sie es schafft, in Todesangst in stundenlangen Verhören glauben zu machen, dass sie nicht die Täterin war - unvergleichlich". Nur, wie schafft man, das zu spielen? Die Ikone des Widerstands gegen die Nazis, eine, die nichts und niemanden verraten hat, schon gar nicht die eigene Überzeugung. Scholl in ihren heroischsten Momenten gerecht zu werden war das Schwierigste, erzählt Jentsch. "Zu wissen, du stirbst - und dann den Weg zu finden. Zwischen Stärke einerseits und Trauer und Verletzung, ohne von Anfang bis Ende die Leidende zu zeigen oder da unerschüttert durchzustapfen."

Dass sich die 21-jährige

Sophie schon so sehr für andere, für die Gesellschaft verantwortlich fühlte, imponiert Julia Jentsch. Die Schauspielerin, die ihr Handwerk an der Ernst-Busch-Schule erlernte, spielt die Scholl mit fast nichts. Kaum sichtbar das Zucken um ihren Mund oder der Hauch, um den sie die Au-gen weitet. Die Kamera ist nah an ihrem bleichen Gesicht. Man sieht, dass jemand Angst hat, der keine Angst haben darf.

Mut hatte die Sophie. Und Julia Jentsch? Ist Mut wichtig für sie? "Ja, sehr. Ich fühl mich total unmutig, möchte gern mutiger sein. Findest du mich etwa mutig?" Ja, finde ich. Wer sie spielen gesehen hat, kann das sagen.

Wir sitzen in der Kantine der Münchner Kammerspiele. Seit 2001 ist sie dort "im Engagement", heimst Preise und beste Kritiken ein. Für ihre Rolle in "Bedbound", ein ans Bett gefesseltes Mädchen, wird sie von "Theater heute" zur besten Nachwuchsschauspielerin 2002 gewählt. Den Bayerischen Filmpreis, ebenfalls als beste Nachwuchsdarstellerin, gab's im vergangenen Monat für ihre Arbeit in Hans Weingartners "Die fetten Jahre sind vorbei".

Jentsch, die Kämpferin. Ihre hoch gelobte Bühnen-"Antigone" ist von einer Selbstgerechtigkeit, die an die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin erinnert oder an eine "antike Lara Croft", wie das Feuilleton urteilt. Eine Fighterin ist sie auch als Brunhilde, obwohl sie in Andreas Kriegenburgs furioser "Nibelungen"-Inszenierung von den Männern "echt fertig gemacht" wird, wie sie lachend sagt.

Im wahren Leben hat sie so gar nichts Auftrumpfendes, ein einnehmend unprätentiöses, sympathisches Wesen. In Jeans, Pulli, Turnschuhen kommt sie daher. Mehr Mädchen als Frau. Wie sie mir gegenüber am Tisch sitzt, die Arme aufgestützt, mit müder Haut vom vielen Schminken, möchte man ihr erst mal eine warme Suppe bestellen. Man versteht sofort Frank Baumbauer, den Intendanten und Entdecker von Jentschs großer Begabung, der meint, die Julia sei eine, die man schützen müsse. Ihr Zeit geben, sich zu entwickeln.

Wegen der Einladung zur Berlinale herrscht erhöhte Aufmerksamkeit. Schließlich hat die "erste Sophie", Lena Stolze, damals mit gleich zwei Filmen in dieser Rolle Preise und Standing Ovations geerntet. Jetzt Jentsch? Ja, jetzt Jentsch. Verschiedene Pressefrauen sorgen für Julias Termine - und soweit möglich für ihr Wohlergehen. Der Film "Schneeland" muss "gecovert" werden, und die Proben am Theater für "Zehn Gebote" mit Regisseur Johan Simons nebst laufenden Vorstellungen von "Antigone" und "Nibelungen" sollen auch noch - nein, zuallererst - bewältigt werden.

Jentsch kann umschalten wie ein Profi. Umarmung. Tschüs. Weiter geht's. Probe, Interview, Fotos. Alles im Jetzt-Zustand. Wie hinter einer Reiseleitung eilt sie, Zwischenstopp auf der Toilette, hinter der Pressereferentin her.

Klar, sie erinnert sich an die Aufregung, als "Die fetten Jahre" für Cannes nominiert wurde, das Bangen, ob sie wegen ihrer Theaterverpflichtungen überhaupt dabei sein können würde. Das erste Mal über den roten Teppich, und das in Cannes, am Arm von Daniel Brühl - und flugs zurück, nur zwei Tage bis zur Premiere ihrer "Antigone"! Landung in München. Zwei Stunden später ein Anruf: "Wollen Sie, Julia Jentsch, Sophie Scholl ...?"

Julia Jentsch, ein neuer Stern am deutschen Filmhimmel. Davon will sie nichts wissen. Bei "Star" denkt sie an Elvis, David Bowie, Muhammad Ali. "Ja, Muhammad Ali. Wenn ich mal Boxen gucke, bleibe ich leicht hängen!"

Jentsch lebt konzentriert im Jetzt. Heiter. Unverstellt. Dass man etwas über sie schreibt, ist ihr noch fremd. Ihre Biografie sei "unspektakulär". Am 20. Februar 1978 geboren, wächst sie als Einzelkind in Berlin-Charlottenburg auf. Die Eltern sind Juristen. Das Gymnasium ist sportlich ausgerichtet; Julia schwimmt, macht Geräteturnen. Ein Starschnitt an der Wand war nicht ihr Ding. Selbst Ballett hat sie damals ausgeschlagen; "etwas für kleine Mädchen". Was sie ein wenig bedauert, sonst wäre sie heute vielleicht beim Tanztheater. Ansonsten geht sie ins Kino oder spazieren, trifft Freunde, "das Übliche halt".

Die 26-Jährige ist hungrig auf Leben, und es hat den Anschein, als wäre das eigene ihr manchmal zu wenig. Sie denkt eine Weile nach. "Ich hab mich nicht gelangweilt, hatte schon intensive Momente im normalen Leben - aber oft fehlten die mir einfach. Die Leute gucken sich nicht an, wenn sie miteinander reden, es läuft viel nebenher ab. Beim Spielen muss man hinschauen." Die Intensität, die sie gespürt hat in Aufführungen, wo mehrere Menschen für und an einer Sache arbeiten, wo im Glücksfall der Funke überspringt ins Publikum, das war und ist es, was sie am Theater reizt. Peter Zadeks "Rosmersholm"-Inszenierung hatte diese Energie. Und auch der Meister selbst. "Man sieht ihn und denkt sofort: groß-artiger Mensch." Am Jahresende wird sie mit Eva Mattes in Zadeks "Bitterer Honig" im St. Pauli-Theater spielen.

Wenn Schauspielkollegen ihre Arbeit beschreiben, bekommt man meist auch Liebeserklärungen zu hören. Weil sie spielt, als sei's das Leben, wie Laudator Ulrich Mühe beim Bayerischen Fernsehpreis feststellt: "Du willst es wissen. Alles ausschöpfen; auslöffeln diesen wunderbaren Beruf. Ich wünsche deiner Sehnsucht Flügel." Oder Theaterkollege Thomas Thieme, der von ihrer "Liebenswürdigkeit, reizenden Bescheidenheit, Unauffälligkeit" schwärmt, "der Stoff, aus dem Aschenputtel gemacht ist, die natürlich Prinzessin werden muss".

Als Prinzessin auf Probe sah man sie im Januar bei der Premiere von Hans W. Geissendörfers "Schneeland" in Köln. Im kleinen Schwarzen mit hübschem Dekolleté und nackten Beinen in zierlichen Pumps steigt sie an der Seite von Maria Schrader aus der Limousine. Lächeln in die Kameras. Mal ausprobieren, was man so anstellen kann. Ach, so fühlt sich das an, wenn man den Kopf etwas zur Seite legt. Sie hat's schon drauf.

Dass "Schneeland", ein düsteres Werk mit kaum erträglichen Missbrauchsszenen, auch auf Abwehr treffen würde, ahnte sie schon beim Drehen. Und wie war's, sich selbst im Kino zu sehen? "Ich hab versucht, da mit Distanz reinzu-gehen, weil ich weiß, dass es immer ein Schock ist, ein großes Befremden. Plötzlich fällt dir auf: Ach, so bewegst du dich. Blickst aufs Unabänderliche."

Gibt's Rollen, die ihr noch zu groß scheinen? "Bestimmt", kommt es spontan. Und etwas später: "Das hängt sehr vom Regisseur ab. Wenn der genau weiß, warum er jemanden möchte, schmeiß ich mich in das Abenteuer."

Sie ist mal wieder reingesprungen in eine Figur. Und wie immer glaubt man, die Rolle sei ihr auf den Leib geschneidert. So wie ihre neueste, die des Stars, die sie bisher nur geprobt hat. Nach der Berlinale wird sie einer sein. Jedenfalls ab und zu.

Annette Maria Rupprecht / print