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Filmproduzent Judd Apatow: Der leidige Erfolg mit Peniswitzen

Er ist der König der Kumpelkomödie: Judd Apatow ist Erfolgsproduzent mit Milliardenumsatz und wurde zur "smartesten Person Hollywoods" gekürt. Jetzt will er weg von Peniswitzen und lässt in "Funny People" Schauspieler Adam Sandler über die Comedy-Branche reflektieren.

Von Hannah Pilarczyk

Als Judd Apatow ein kleiner Junge war, weigerte sich sein Idol Steve Martin einmal, ihm ein Autogramm zu geben. Wütend schrieb ihm Apatow daraufhin einen Beschwerdebrief. Einige Wochen später kam ein Buch von Steve Martin zurück, darin die persönliche Widmung: "Entschuldigung, ich wusste nicht, dass ich mit DEM Judd Apatow gesprochen habe."

Heute, mit 41 Jahren, ist Judd Apatow DER Judd Apatow: Erfolgsproduzent mit Milliardenumsatz ("Anchorman", Superbad"); Erfinder eines eigenen Komödiengenres; von Entertainment Weekly zur "smartesten Person Hollywoods" gewählt. Wütend ist Apatow aber immer noch.

Sein neuester Film "Wie das Lebens so spielt" - nach "Beim ersten Mal" und "Jungfrau (40), männlich, sucht" seine dritte Regiearbeit - kommt nicht so an, wie er sich das vorgestellt hat. Fans seiner derben Komödien sind vom nachdenklichen Grundton irritiert. Sie wollen Peniswitze, nicht Reflektionen über Krankheit und verratene Freundschaften. "Immer, wenn Menschen einen anderen Gang einlegen, hat irgendjemand ein Problem damit", ärgert sich Apatow. "Sich selbst zu wiederholen, ist keine Option - du wirst nämlich nicht besser dabei, du bleibst nur stehen."

Den Ärger merkt man Apatow nur an seinen Worten an. Mit seinen hängenden Schultern und jeder Menge Augenkontakt wirkt der Familienvater überaus freundlich. Doch seine Wutausbrüche sind fast schon Legende: Als Apatows TV-Serie "Undeclared" nach nur einer Staffel abgesetzt wurde, schrieb er den verantwortlichen Redakteuren einen derart ausfälligen Brief, das er ihn wahrscheinlich die Karriere gekostet hätte. In letzter Minute konnte sein Agent den Brief aber noch abfangen. "Mittlerweile habe ich etwas gelernt, was die meisten Leute wahrscheinlich als Kind gelernt haben", sagt Apatow. "Wenn du jemanden von deinem Standpunkt überzeugen willst, ist es nicht ratsam, zu fluchen und sie als Idioten zu bezeichnen."

Komödie zwischen Hommage und Persiflage

Mit "Wie das Leben so spielt" liefert Apatow nun seinen bislang persönlichsten Film ab: "Funny People", so der Originaltitel, ist eine überraschend ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Comedy-Geschäft, in dem Apatow seit über zwanzig Jahren arbeitet. Adam Sandler spielt den Starkomiker George Simmons, bei dem plötzlich eine tödliche Blutkrankheit diagnostiziert wird. Um eine Art Hinterlassenschaft bemüht, nimmt sich Simmons des Nachwuchstalents Ira Wright (Seth Rogen) an und fördert ihn. Wer von wem profitiert, verschwimmt aber schnell: Ira muss nicht nur als Gagschreiber herhalten, sondern zunehmend auch als Pfleger und Prügelknabe, muss Medikamente besorgen und die Hasstiraden des verbitterten Simmons ertragen. Im Laufe seiner Karriere hat sich der Star weder um seine Freunde noch um die Liebe gekümmert.

"Das Comedy-Business ist wirklich ein 'Jeder-für-sich-selbst'-Geschäft", sagt Apatow. "Jeder ist allein auf der Bühne, du kannst nur siegen oder untergehen. Und jeder hat im Blick, wer erfolgreicher ist und die besseren Slots in den Comedy-Clubs bekommt." Apatow hat es selbst einige Jahre als Stand-Up in L.A. versucht - und aufgegeben, als sein Mitbewohner immer erfolgreicher wurde. Der Mitbewohner war Adam Sandler. Gleich am Anfang von "Wie das Leben so spielt" sind Originalaufnahmen aus der gemeinsamen WG-Zeit zu sehen: auf grobkörnigem Video festgehalten, zeigt Apatow einen jungenhaften Sandler bei einem Telefonstreich. Wie der sich über seine eigenen Witze kringelig lacht - selbstverloren, ganz ohne Publikum -, führt einen für einige Momente fast unangenehm nah an Sandler heran.

Etablierung des "Apatow movie" als eigene Marke

Während Sandler weiter als Comedian Karriere machte, verlegte sich Apatow aufs Drehbücher schreiben und produzieren. Nach einigen TV-Flops gelang ihm mit "Anchorman" 2004 schließlich ein Achtungserfolg, mit "Jungfrau (40), männlich, sucht" folgte ein Jahr später der endgültige Durchbruch. Seitdem hat er zwölf Filme in die Kinos gebracht - ein Pensum, das den Perfektionisten Apatow an seine gesundheitlichen Grenzen geführt hat. Seit Jahren leidet er an heftigen Rückenproblemen. Gleichzeitig hat ihn seine Arbeitswut in den USA zu einer eigenen Marke hat werden lassen: Bei einem "Apatow movie" wissen Fans und Kritiker genau, was sie erwartet - jede Menge Peniswitze, Kifferwitze und noch einmal Peniswitze. "Was man in meinen Filmen sieht, ist nur ein Bruchteil davon, wie Comedians wirklich reden", sagt Apatow. "In echt sind die zehn Mal schlimmer. Die sind so unempfindlich geworden, weil sie ständig Witze übereinander machen. Wenn die noch über etwas lachen, dann muss es schon eklig sein und Grenzen überschreiten."

Dass seine Filme zur Marke geworden sind, liegt aber auch daran, dass Apatow mit einem festen Stamm an Schauspielern, Regisseuren und Autoren zusammen arbeitet, die meist schon seit seinen ersten TV-Shows kennt. Sogar seine Ehefrau, die Schauspielerin Leslie Mann, und ihre zwei gemeinsamen Töchter sind zu Stammgästen geworden und spielen in "Wie das Leben so spielt" mit. "Es ist einfach schwierig, Leute zu finden, die so ticken wie ich. Und wenn ich die gefunden habe, behalte ich sie", sagt er. "Für mich ist aber entscheidend, dass ich bessere Filme schreiben kann, wenn ich die Darsteller sehr gut kenne. Eine Al-Pacino-Komödie zu schreiben, das könnte ich einfach nicht."

"Bromance": Pornos, Joints und Traumfrau

Für Seth Rogen ("Beim ersten Mal") ist "Wie das Leben so spielt" bereits die elfte Zusammenarbeit mit Apatow, Paul Rudd und Jonah Hill sind in sieben seiner Filme aufgetreten. "Ich bin umgeben von Jungs, die Angst davor haben, mit Mädchen zu sprechen", hat Apatow seine Entourage einmal charakterisiert. "Ich glaube, das ist gut."

Bromance (Kumpelromanze) heißt denn auch das Genre, das Apatow mit seinen Komödien etabliert hat. Sämtliche Hauptdarsteller haben ihre wichtigsten Beziehungen nur zu Männern. Sie kiffen zusammen, sie schauen Pornos zusammen, sie teilen ihr Leid an ihrem nicht-existenten Liebesleben. Weil sie das aber voller Hingabe und Loyalität tun, kriegen sie am Ende doch ihre Traumfrau. "Bei 'Beim ersten Mal' haben alle gesagt, dass ein Typ wie Seth Rogen niemals eine Frau wie Katherine Heigl abkriegen würde", ärgert sich Apatow noch heute. "Denen haben wir gesagt: 'Geht doch mal auf die Straße - da laufen lauter Quatschköpfe mit umwerfenden Frauen rum!'"

Kritik an seinen meist blassen Frauenfiguren will Apatow auch sonst nicht gelten lassen. Trotzdem sagt er: „Eigentlich habe ich noch gar nicht angefangen, mich an große weibliche Figuren zu setzen. Irgendwann werde ich vielleicht mal die Nerven dazu haben. Aber ich kann mir die Reaktionen darauf schon vorstellen: ‚Endlich kriegt er die Kurve!’ Da vergeht mir schon wieder alles.“ Und so spielen bei Apatows nächstem Film „Get Him to the Greek“ – einer Fortsetzung von „Nie wieder Sex mit dem Ex“ – erneut zwei Männer die Hauptrollen: neben Jonah Hill diesmal Russell Brand, britischer Skandalmoderator und Comedian, den die BBC letztes Jahr wegen eines anzüglichen Telefonstreichs gefeuert hat. Judd Apatow ist halt DER Judd Apatow.