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Die besten Filme: "Citizen Kane" schlägt alle

Bombastische Blockbuster, die anspruchsvollsten Filme des französischen Kinos oder die Hitliste des Videotheken-Mitarbeiters ihres Vertrauens - Filmrankings gibt es viele. Zwei Filmjournalisten haben die wirklich besten 100 Filme zusammengetragen - nach objektiven Kriterien.

"Citizen Kane" wurde 1941 gedreht, Regie führte Orson Welles

"Citizen Kane" wurde 1941 gedreht, Regie führte Orson Welles

Wer kennt sie nicht, die nächtelangen Diskussionen darüber, was der beste Film aller Zeiten ist. Die beiden Filmjournalisten Andreas Thiemann und Frank Schnelle haben ein Bestenliste rein nach qualitativen Kriterien erstellt. Das Ergebnis: "Citizen Kane" ist der beste Film aller Zeiten, gefolgt von "Der Pate", auf dem dritten Platz folgt "Casablanca".

Herr Thiemann, Herr Schnelle, warum interessieren sich Menschen eigentlich so für Rankings?

Andreas Thiemann: Wer das Kino liebt, der hat auch seine Favoriten. Daraus ergibt sich oft ein quasi sportlicher Ehrgeiz, Rankings zu erstellen und zu vergleichen. Viele Cineasten sind in dieser Hinsicht genauso verrückt wie Fußballfans. Und Neulinge, die gerade erst anfangen, sich mit 100 Jahren Filmgeschichte zu beschäftigen, können sich anhand solcher Listen einen Überblick verschaffen.

Wie sind sie konkret vorgegangen, um die 100 besten Filme zu bestimmen?

Frank Schnelle: Unser Buch wertet alle Listen aus, die im Lauf der letzten zehn Jahre versucht haben, die besten Filme aller Zeiten zu benennen - Kritiker-Rankings, Ergebnisse von Zuschauer- oder Leserumfragen, Bestenlisten von Filminstituten, Internet-Votings usw. All diese Quellen basieren auf jeweils völlig unterschiedlichen Prämissen und kommen auch zu verschiedenen Ergebnissen. Die Philosophie unserer Liste bestand darin, aus diesen Vorlagen das Wesentliche herauszudestillieren: Genau jene 100 Filme, auf die man sich über die Grenzen von Kunst und Kommerz, Kritik und Publikum hinweg sozusagen unbewusst geeinigt hat.

Inwieweit haben sie sich an Reihen wie der "SZ Cinemathek" orientiert?

AT: Nur insofern, als auch Listen wie diese in unsere Auswertung eingeflossen sind. Bei der SZ Cinemathek handelt es sich um Lieblingsfilme der Filmredaktion, sicher haben aber auch DVD-Rechte oder die Verfügbarkeit einzelner Titel eine Rolle bei der Zusammenstellung gespielt. Es handelt sich also nicht um eine rein cineastische Liste, sondern um ein kommerzielles Produkt des Verlags.

Welche "Fehler" haben sie vermieden?

AT: Der größte Fehler wäre es gewesen, eine Liste unserer persönlichen Lieblinge zu erstellen. Das hätte wahrscheinlich niemanden interessiert. Wir haben uns auch nicht auf eine bestimmte Position versteift. Stattdessen haben wir - vermutlich als erste - alle erdenklichen Haltungen zum Kino vereint. FS: Jede Bestenliste hat ihre eigenen Auswahlkriterien, und jede hat ihre Schwächen. Manche erheben sich snobistisch über den Mainstream, andere enthalten nur Blockbuster. Manche orientieren sich zu sehr am persönlichen Geschmack, andere streben einen Proporz an und zwingen sich zu politischer Korrektheit. All dies haben wir vermieden und in der Konsequenz damit all jene Filme ausgeklammert, die nur über ein Minderheitsvotum verfügen.

Dient so etwas wirklich dazu, den besten Film zu ermitteln?

AT: Jedenfalls hat es großen Spaß gemacht und ist gerechter als die beschriebenen Verfahren. Allzu ernst darf man das Ganze natürlich nicht nehmen. Wir haben eher ein cineastisches Spiel betrieben als eine akademische Untersuchung. Den besten Film gibt es genauso wenig wie den besten Popsong oder das beste Gemälde.

Wie erreichen sie größtmögliche Objektivität? Ist das nicht absurd, Filme sind doch immer subjektiv?

FS: Wie gesagt, das bestreiten wir ja gar nicht. Trotzdem ist es legitim, eine Art Kanon zu bilden. "Objektivität" ergibt sich in unserem Buch vor allem durch die schiere Menge an Meinungen und Bewertungen, die zu den Top 100 geführt haben.

Wie haben sie es geschafft, ihren persönlichen Geschmack nicht einfließen zu lassen? Geht das überhaupt?

AT: Das war, siehe oben, die einfachste Übung. Unser persönlicher Geschmack spricht aus den Texten, die wir zu den Filmen und nicht zuletzt auch über die DVDs geschrieben haben. FS: Dabei ging es uns vor allem darum, zu jedem all dieser Meisterwerke einen prägnanten Kurztext zu verfassen, der dessen ästhetische und filmhistorische Bedeutung auf den Punkt bringt. Und unsere DVD-Artikel sollen dem Leser einen schnellen Überblick über das manchmal sehr unübersichtliche Angebot der verschiedenen Editionen geben.

Die ersten zehn Filme sind alles Filme, die vor 1980 gedreht wurden, auf Platz 69 ist der erste Film, der aus diesem Jahrtausend stammt - ist der Film heute so schlecht geworden oder haben sie die Formel Klassiker gleich Qualität angewendet?

FS: Grundsätzlich haben es jüngere Produktionen immer schwer, Eingang in Bestenlisten zu finden. Welches Gewicht ein Film von heute hat, lässt sich eben erst übermorgen wirklich beurteilen. Andererseits - und das war sicherlich eine der prägenden Erfahrungen der Arbeit an diesem Buch - lässt es sich kaum bestreiten, dass die Qualität der Kinofilme in den letzten zehn, fünfzehn Jahren tendenziell abgenommen hat. Die Geschichten waren früher ernsthafter und substanzieller, und insbesondere die amerikanischen Produktionen waren weniger stromlinienförmig und formelhaft als heute. AT: Ich sehe es nicht ganz so pessimistisch. Das Jahrtausend ist noch jung und der letzte Klassiker hoffentlich noch nicht gedreht. Vielleicht liegt die Zukunft der Filmkunst ja auch eher außerhalb Amerikas.

Was sind ihre persönlichen Bestenlisten?

FS: The Lady Eve (Die Falschspielerin), Out of the Past (Goldenes Gift), Red River, Vertigo, Lawrence of Arabia (Lawrence von Arabien), Chinatown, Manhattan, The Shining, Blade Runner, Mulholland Drive. AT: Der Pate, Taxi Driver, Blade Runner, Manhattan, Fight Club, Der unsichtbare Dritte, The Big Lebowski, Sullivans Reisen, La Dolce Vita, Lost In Translation.

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Interview: Kathrin Buchner und Carsten Heidböhmer
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