HOME

FILMWELT GEGEN TERRORISMUS: Hollywood im Dienste der Propaganda

Hollywood soll seinen eigenen Kampf gegen den Terror führen und das Image von Amerika weltweit verbessern. Derweil gehen der Filmwelt die Bösewichter aus.

Die amerikanische Unterhaltungsindustrie soll nach den Vorstellungen der US-Regierung den Kampf gegen den internationalen Terrorismus auf ähnliche Weise unterstützen wie einst den Krieg gegen Nazi-Deutschland. Auf Bitten des Weißen Hauses werde dafür eine »Sondereinsatzgruppe Kunst und Unterhaltung« geschaffen, berichtete das Fachblatt »Variety«.

Task Force zur Imageverbesserung

Das Gremium aus führenden Film- und Fernsehproduzenten, bekannten Stars und Vertretern des Weißen Hauses solle sich unter anderem dafür einsetzen, das »Image Amerikas in der ganzen Welt zu verbessern«. Von der Unterhaltungsindustrie werde erwartet, dass sie helfe, die »Botschaft über den Kampf gegen den Terrorismus hinauszutragen und ihre Ressourcen wie die Satellitenübertragung und Kabelnetze für eine bessere weltweite Verständigung mobilisiert«.

Erste Geheimverhandlungen in Beverly Hills

Nach Angaben von »Variety«-Chefredakteur Peter Bart fand am Mittwoch in Beverly Hills hinter verschlossenen Türen eine erste Gesprächsrunde zur Bildung der Sondereinsatzgruppe zwischen Vertretern der Bush-Regierung und einflussreichen Hollywood- Persönlichkeiten statt. Bereits zuvor hatten Produktionsfirmen Kino- Starts von Filmen mit »problematischer Thematik« freiwillig abgesagt. Hollywood hatte ab 1941 mehrere Jahre die amerikanische Kriegspropaganda unterstützt und eine Reihe von Filmen produziert, die zwar meist künstlerisch wertlos waren, jedoch klare Feindbilder entwarfen.

Der amerikanische Regisseur Robert Altman gibt dagegen Hollywood sogar eine Mitschuld an den Terroranschlägen vom 11. September. Er wirft der Filmindustrie vor, mit gewalttätigen Actionfilmen Terroristen zu ähnlichen Angriffen inspiriert zu haben. Niemand würde sich solche Grausamkeiten ausdenken, wenn er sie nicht vorher in einem Film gesehen hätte, sagte der 76-jährige Regisseur nach US-Medienberichten. Altman rief Hollywood dazu auf, Filme mit Massenvernichtungsszenen nicht mehr zu drehen. Derartige Streifen hätten den Terroristen als Vorbild gedient. »Ich bin davon überzeugt, dass wir die Atmosphäre geschaffen und ihnen gezeigt haben, wie man es macht«, sagte er.

Altman wünscht sich reifere Filme

Nach dem 11. September haben viele Studios bereits Änderungen an Filmen vorgenommen und den Kinostart zahlreicher Produktionen auf einen späteren Termin verlegt. Altman äußerte die Hoffnung, dass die Filmindustrie und das Publikum gedankenvolleren Filmen den Vorzug geben werden, in denen es um menschliche Gefühle geht. »Vielleicht schaffen wir es, zu reiferen Filmen zurückzukehren«, wünschte er sich, »zu etwas, das mit Humor und dramatischen Effekten menschliche Emotionen zeigt und sich darauf konzentriert, was Menschen einander bedeuten«.

Mangel an Bösewichtern

Die Filmproduzenten in Hollywood haben derweil ein ganz anderes Problem: Sie finden kaum noch geeignete Schurken. Russen schieden als Filmbösewichter schon bald nach dem Ende des Kalten Kriegs aus, die Mafia lockt auch keinen mehr ins Kino. Verlogene Politiker, korrupte Polizisten oder gar Kameradenschleifer in den Streitkräften kommen derzeit aus patriotischen Gründen nicht in Frage. Und an Osama bin Laden, den ganz realen Staatsfeind Nummer 1, trauen sich Produzenten und Drehbuchautoren vorerst nicht heran.

»Schwierig, den Terrorismus emotional stimmig darzustellen«

»Plötzlich sind wir mit einem echten und globalen Schurken konfrontiert, der reale abscheuliche Verbrechen begeht«, sagt der mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuchschreiber Stephen Gaghan (»Traffic«). Doch angesichts der grauenvollen Bilder vom Einsturz des World Trade Centers sei es einfach noch zu schwierig, den Terrorismus nicht nur mit perfekten Spezialeffekten, sondern auch »emotional stimmig darzustellen«.

Mehr als ein Dutzend angedachte Filmprojekte, in denen größere Mengen Sprengstoff und/oder inzwischen als zweifelhaft geltende Böse vorgekommen wären, haben die Hollywood-Studios auf Eis gelegt. Fast ebenso viele bereits abgedrehte Streifen mit »problematischer Thematik« wie der Thriller »Tick-Tock« mit Jennifer Lopez als Bombenentschärferin kommen bis auf weiteres nicht in die Kinos. Die Situation sei paradox, merkte die »New York Times« an. Jahrelang habe das Publikum in Amerika einen »riesigen Appetit auf monumentale Schufte gezeigt und zugleich nach der Gewaltanwendung gegiert, die deren Bekämpfung zu rechtfertigen schien, doch nun schrecken die Story-Erfinder zurück«.

Tabu für extreme Gewalt

Doch nicht nur schurkenhafte Fremde und extreme Gewaltbilder fallen durch das Raster der neuen Selbstkontrolle in Hollywood. Auch für Stoffe, die irgendwie Zweifel an der durchgehenden Heldenhaftigkeit der Army aufkommen lassen könnten, dürften sich auf absehbare Zeit keine Studios finden. Mehrere solcher Filme, die schon fertig sind, verschwanden in den Giftschränken der Produzenten. »Buffalo Soldiers« gehört dazu. Vor einigen Wochen hatte der Streifen um Korruption und Drogengeschäfte in der US-Army auf dem Filmfestival in Toronto noch großen Beifall bekommen. Jetzt soll er »vielleicht irgendwann nächstes Jahr mal« in die Kinos kommen, wie es bei der Firma Miramax hieß.

Keine Kritik an Somalia gewünscht

In der Versenkung ist auch »Black Hawk Down« verschwunden. In dem Streifen von Ridley Scott geht es um den fehlgeschlagenen US-Militäreinsatz Anfang der 90er Jahre in Somalia. Den hatte der Vater von George W. Bush befohlen, kurz bevor er das Weiße Haus für Bill Clinton räumen musste. Der hatte zum Rückzug geblasen, nachdem Stammesmilizen vor laufenden CNN-Kameras getötete US-Elitesoldaten durch die Straßen von Mogadischu geschliffen hatten. Somalia ist heute noch ein Land ohne Regierung, in dem Clanmilizen die Bevölkerung terrorisieren.