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Interview Ben Becker: "Man wird ja wohl mal vom Küchentisch fallen dürfen"

Ben Becker gibt in "Die Rote Zora" einen fiesen Fischgroßhändler, der Kinder hasst und Hunde erschießt. Im stern.de-Interview spricht der Schauspieler über Ohrfeigen, einen Fehler, und Dinge, bei denen ihm mulmig wird.

Herr Becker, haben Sie bei der Beschäftigung mit der "Roten Zora" an die aktuelle Diskussion zum Thema Jugendkriminalität denken müssen?

Es ist ein Kinderfilm, der Kindern Spaß vermittelt, Selbstbewusstsein und vielleicht auch so einen kleinen Tick gesunder Anarchie, was, wie ich finde, nicht verkehrt sein kann.

Kurt Held hat das Buch 1941 im Schweizer Exil veröffentlicht, ihm ging es sicherlich nicht nur um Unterhaltung...

Ich glaube, zu der Zeit hatten Buch und Geschichte durchaus eine politische Aussage, aber wie gesagt, das sehe ich jetzt nicht unbedingt in dem Film.

Bei der Rede von Fischer Gorian vor Gericht schien da aber schon ein Bezug zu sein...

[unterbricht] Na gut, das ist ja auch in Ordnung. Aber es werden andauernd Leute verprügelt in irgendwelchen U-Bahnen und auf irgendwelchen Schulhöfen. Und jetzt wird das noch mal ausgeschlachtet für den momentanen Wahlkampf. Das finde ich nicht so doll, weil es scheinbar nicht um eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Problem geht. Prävention, Bildungsfragen, das Verteilen von Geldern. Warum müssen Leute in einem Plattenbau leben, warum wachsen Kinder in Deutschland in Armut auf, und wie kommt es, dass Kinder oder Jugendliche, die ja letztlich auch Kinder sind, sich so vehement zur Gewalt hingezogen fühlen? Das fällt denen ja nicht von heute auf morgen ein. Das wäre eine längere Diskussion, die man führen müsste. Weil das in dem Film vielleicht irgendwo angesprochen wird, muss man jetzt nicht, nur weil Herr Koch Wahlkampf mit dem Thema führt, unbedingt eine Parallele ziehen. Es geht um einen historischen Kinderfilm, der hat eine gewisse Bandenromantik. Selbst meine siebenjährige Tochter bastelt zu Hause irgendwelche Höhlen, versteckt sich da drin und spielt Pirat. Da ist das anzusiedeln, obwohl es natürlich für die Kinder in dem Roman durchaus auch um existentielle Fragen geht. Die haben halt nichts zu fressen, also klauen sie sich den Fisch bei dem, der genug davon hat. Bei mir.

Waren Sie als Kind auch mal Mitglied einer Bande?

Ich habe damals auch Höhlen gebaut oder dusselige Kinderstreiche gemacht, ja. Hinter irgendwelchen Mauern gestanden, gewartet, und wenn ein Liebespaar davor knutscht, kamen plötzlich drei Kilo Mehl über die Mauer geplumpst. Und dann musste Papa das ausbaden, da gab es was hinter die Löffel. Mehr in die Richtung. Was heute in Banden rumläuft, was heute in Berlin an Schulen passiert oder in irgendwelchen Milieuvierteln, das ist natürlich unheimlich heftig.

Haben Sie aus der Zeit etwas ins Erwachsenenleben mitgenommen?

Na ja, eine gewisse Frechheit hab ich mir bewahrt, sag ich jetzt mal. Und auch eine gewisse kindliche Naivität, eine Offenheit. Ich bin nicht jemand, der andere sehr schnell moralisch abhandelt oder verurteilt. Heute muss immer alles perfekt sein, alles muss in sich stimmen und hat zu funktionieren. Aber das ist ja eine Fassade, die einem da verkauft wird und der man selbst zu entsprechen hat. Ich glaube nicht an diese Fassade! Ich glaube, dass es überall, wo man dran kratzt, in sich zerfällt. Das geht dann plötzlich ganz schnell. Aber es wird einem eben so verkauft, so haben wir zu sein.

Sie haben im vergangenen Jahr einen Drogenabsturz überlebt und im stern darüber gesprochen, nachdem Sie durch die Boulevardpresse gejagt worden sind...

Ich habe fünf Wochen lang die Schnauze gehalten und dann was gesagt, weil ich einfach keine Ruhe mehr hatte, weder ich, meine Frau, meine Eltern, noch irgendjemand. Die Presse ist durch alle Türen durch und überall rein, sogar auf den Schulhof meiner Tochter. Da habe ich gesagt, gut, irgendeine Art von Statement muss kommen. Also habe ich das Interview gegeben, und es hat funktioniert. Ich hatte schlagartig meine Ruhe. Ich habe einen Fehler gemacht letztes Jahr, da ist mir was passiert. Mein Gott, man wird ja wohl mal vom Küchentisch fallen dürfen. Das Thema ist ausgestanden, das ist durch, und damit ist es für mich auch gegessen. Die Scheiße ist, wenn unsereinem das passiert, spielt sich das in der Öffentlichkeit ab und ist natürlich ein gefundenes Fressen. Mir ist es passiert, und es kam mir so vor, als hätten viele Leute darauf gewartet. Aber um mit meiner Kollegin Lotti Huber zu sprechen: Diese Zitrone hat noch viel Saft.

Wann haben Sie die "Rote Zora" für sich entdeckt?

Ich bin durch das Filmangebot zum ersten Mal auf die "Rote Zora" gestoßen. Ich weiß, dass es früher mal eine Fernsehserie gab. Die hab ich aber nie gesehen. Ich war in meiner Jugend eher der Tom Sawyer- und Huckleberry Finn-Typ. Ich weiß, dass die "Rote Zora" auch als Vorlage für Pippi Langstrumpf gedient haben soll.

Warum haben Sie zugesagt?

Weil ich das Drehbuch gut fand, das hatte Hand und Fuß. Das hat mich interessiert. Und weil ich wusste, dass ich mit guten Kollegen zusammenarbeiten werde, sprich Horwitz und Adorf. Und weil ich natürlich auch Lust daran habe, was für Kinder zu machen. Ich kann meine Tochter mal wieder ins Kino entführen.

Und wenn sie sich Zora zum Vorbild nimmt? Wir Ihnen mulmig beim Gedanken an die Pubertät?

Ich hab ein kleines, schüchternes Mädchen von sieben Jahren zu Hause. Aber die Pubertät kommt früh genug. Jetzt fängt sie an und bringt eine Platte von den Ärzten nach Hause. Also da hab ich dann schon gekuckt! Ich denke, da kommt noch das eine oder andere auf mich zu. Aber ich denke noch nicht drüber nach, denn dann würde mir mulmig werden.

Interview: Sophie Albers