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Interview Christoph Waltz: "Der Film ist gar nicht fertig"

SS-Mann Hans Landa ist Christoph Waltz' erste Nazi-Rolle. Und der Schauspieler hat genaue Vorstellungen davon, wie man ihn nicht sehen sollte. Eine Gebrauchsanweisung zu "Inglourious Basterds".

Herr Waltz, "Inglourious Basterds"-Regisseur Quentin Tarantino und Sie haben dem Kino den ersten Sympathie tragenden SS-Mann präsentiert...
Kann sein. Ich kenne nicht alle Kino-SS-Leute, aber ich halte, was Landa betrifft, die Tatsache, dass er ein SS-Mann ist, nicht für vornehmlich wichtig. Im Lauf der Geschichte schon, aber für den Landa-Charakter selbst ist es nicht der vornehmliche Charakterzug, dass er SS-Mann ist.

Ich finde doch. Das Totenkopfemblem ist die Einführung des Charakters: Auftritt Hans Landa, Einordnung: SS-Mann. So wird er mir präsentiert.
Aber sagt das etwas über ihn oder Sie aus?

Das sagt etwas über das Kino aus.


Nein, das sagt etwas über Sie. Sie sagen SS-Mann, und meinen etwas über ihn zu wissen.

Aber Tarantino weiß, dass er genau diese Gedankenkette auslöst.


Ganz genau. Die Frage ist jetzt: Wie sehr sind Sie bereit, Ihr Vorurteil zu verlassen, beziehungsweise dieses Etikett abzuziehen und zu schauen, was dahinter ist.

Aber das funktioniert ja auch wunderbar mit Landa. Ich ertappe mich dabei, dass ich plötzlich Sympathien für einen SS-Mann habe.


Absolut. Dann sind wir einer Meinung.

... und diese Sympathie war bisher vor allem in diesem Land verboten.


Ob das verboten ist oder nicht, ist wieder so ein Etikett, das es eigentlich abzuziehen gilt, um dahinter zu schauen. Was steckt hinter dem Verbot? Jetzt kommen wir der Sache schon sehr nahe.

Für mich war dieser Film ein Befreiungsschlag.


Befreiung inwiefern?

Befreiung von Etiketten, die der Film nicht nur von den Nazis, sondern vor allem auch von den Juden abgezogen hat. Und er hat sie auch ersetzt: Der Jude geht nicht mehr wie sonst im Kino als "Schaf zur Schlachtbank". Diesmal greift er an, tötet, er ist grausam.


Und jetzt wird es noch interessanter: Sie laufen gerade Gefahr, das Etikettenabziehen als Etikett zu verwenden. Sie schauen sich den Film sicher noch ein paar Mal an, und jedes Mal Anschauen ist ein weiterer Schritt. Der Film ist gar nicht fertig. Der Film findet seine Fertigstellung bei Ihnen.

Machen Sie sich Sorgen darum, wie dieser Film beim deutschen Publikum ankommen könnte?
Ich mache mir nicht so viele Gedanken, wie er ankommen könnte. Ich hoffe auch nicht auf Verständnis, sondern ich bin ziemlich überzeugt davon, dass dieser Film einen gewissen Beitrag dazu leisten kann, dass man anfängt, sich neue Fragen zu stellen. Und zwar nicht nur, was das Kino betrifft, sondern auch, was die sogenannte Aufarbeitungsfrage angeht. Deswegen ist das Etikettenabziehen wichtig, und deswegen ist es wichtig, das Etikettenabziehen nicht zum Etikett werden zu lassen. Denn das ist genau das Problem, das wir im Augenblick haben in der Auseinandersetzung mit diesem Topos.

Was für ein Problem?


Wir wähnen uns auf der richtigen Seite, dadurch dass wir ein garantiert gerechtfertigtes Urteil gefällt haben. Wir haben es aber nicht selber gefällt, sondern wir haben das gefällte Urteil übernommen. Wir haben es möglicherweise bewusst und informiert übernommen. Wir haben das Urteil aber in den seltensten Fällen hinterfragt. Das Urteil erklärt die Sache für erledigt, und wir brauchen jetzt eigentlich nur mehr Farbe zu bekennen. Wir müssen uns gar nicht mehr damit auseinandersetzen, denn so lange es nicht braun ist, können wir jede Farbe bekennen. Ich sage nicht, dass wir diese Farbe bekennen sollten. Aber das gefällte Urteil angenommen zu haben, blockiert unsere aktive Auseinandersetzung mit dem Thema. Alles, was wir sehen und alles, was wir vorgesetzt bekommen, dient nicht der Auseinandersetzung, sondern der Bestätigung. Aber wozu braucht man da noch bestätigt werden? Wir wissen es ja eh. Also, was ist es? Es ist ein Marketing- Gag! Und was macht Quentin? Er stellt die Sache auf den Kopf und bringt sie dadurch wieder in Bewegung. Im Übrigen handelt es sich um ein Kunstwerk.

Warum?


Ein Künstler, also jemand der zum Kunstwerk führt, hat eine völlig andere Aufgabe, eine völlig andere Verantwortung als ein Historiker. Die Beiden zu vermischen, fände ich verwirrend, weil so weder das eine noch das andere zu seiner wohlverdienten Geltung käme. Quentin behauptet von sich nicht, dass er Historiker ist, er behauptet von sich nicht, dass er die Wahrheit sagt. Quentin sagt, der Film ist...

... ein Märchen.


Ein Märchen einerseits, aber ein Märchen hat eine andere Funktion. Ein Märchen zielt auf unser Unterbewusstsein. Das ist eine Geschichte, die zur Aufarbeitung von inneren Konflikten dient. Ein Künstler aber hat die Verantwortung, die Perspektive so zu verändern, dass es uns einen neuen Blick auf das, was wir Realität nennen, ermöglicht. Einen Blick, der bewegt und daher etwas in Bewegung gebracht hat. Das ist das, was Quentin macht. Diese "Wir wissen, wie es war, und wir wollen, dass die jungen Leute auch mal sehen, wie es war"-Filme sind unerträglich.

Sie meinen Filme wie "Der Untergang"?


Möglicherweise gehört "Der Untergang" dazu, aber ich meine das überhaupt nicht auf einen bestimmten Film bezogen. Da sind unter Umständen sogar vom filmischen Aspekt her gute Filme dabei. Ich meine nicht, dass es schlechte Filme sind, aber dieser Ansatz und dieser Anspruch sind verantwortungsloser Mumpitz. Weil es nur zur Bestätigung dessen dient, dass wir eigentlich in Ordnung sind, dass wir derselben Meinung sind wie die, die den Film machen und die uns ihr Urteil auftischen.

Das ist aber ein gewaltiger Kraftaufwand.


Deshalb ist es so wichtig, die Filme öfter zu sehen. Beim dritten Mal fällt es viel leichter, weil man plötzlich Details erkennt, die man beim ersten Mal gar nicht gesehen hat, weil man so damit beschäftigt war, das was einem entgegenkommt mit seinem eigenen Wahrnehmungsapparat zu bewältigen. Der Mensch ist so gebaut, dass er auf die gröbsten Signale reagiert, um sich zu orientieren. Aber wenn man diese gröberen Signale erst einmal verdaut hat, kann man beginnen, sich an den Details zu erfreuen.

Kommt man mit Wahrheit im Leben immer weiter, Herr Waltz?


Ich glaube, man kommt gut weiter, wenn man realisiert, dass es Wahrheit als solches nicht gibt. Es geht darum herauszufinden, was das in dem Moment wirklich bedeuten kann.

Interview: Sophie Albers
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