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Interview Matthias Schweighöfer: Rette deinen Arsch!

Rebellieren ist kompliziert geworden, findet Matthias Schweighöfer, der unter anderem in "Das wilde Leben" Rainer Langhans gespielt hat, aber nicht überflüssig. Es gibt Dinge, für die der Schauspieler kräftig auf den Tisch haut.

Prost, Herr Schweighöfer!

Mit Antialkoholisch auf Alkoholisch stößt man nicht an. Das bringt Unglück.

Würde sich ein Rebell nicht über solche Konventionen hinwegsetzen?

Er würde, aber er muss es nicht. Selbst der größte Rebell kann der fieseste Hypochonder oder auch der abergläubischste Mensch sein. Aber was heißt eigentlich Rebell? Wenn du "Berlin ist Scheiße!" an die Wand sprühst: Glaubst du, das interessiert irgendeine Sau?

Was ist denn für Sie rebellisch?

Ich probe gerade an der Berliner Volksbühne mit Frank Castorf. Schon wieder lustig finde ich, wenn er auf der Bühne einen Dieselmotor laufen hat, mit dem Schlauch raus aus dem Saal, und dann sagt: "Jetzt leg den Schlauch doch mal rein zu den Zuschauern." Das hat was Rebellisches - oder zumindest was Provokantes. Mit der Haltung: Mir ist egal, ob da jemand drin sitzt oder nicht. Ich möchte sehen, wie das wirkt mit dem Schlauch.

Missachtung von Gesundheit scheint also eine der letzten großen Provokationen zu sein. Aber sogar das Tragen von zwei verschiedenen Socken kann noch auffallen.

Meine Freundin macht das so. Da gibt es Grundsatzdiskussionen drüber. Ich sage: "Pass uff, ich koof mir meine Socken extra mit 'nem Namen drauf, damit du sie nicht nimmst." Und dann wache ich irgendwann auf und sehe an ihrem rechten Fuß einen einzelnen von mir. Wo ist der andere? Nicht mehr auffindbar. Da habe ich rebelliert, auf den Tisch gehauen und ihr einmal knallhart den Vanillequark weggegessen.

Die letzte Rebellion findet am Küchentisch statt?

Nennen Sie mir doch mal einen richtigen Rebellen.

Cartman aus "South Park"?

Kenny ist ein Rebell. Der stirbt in jeder Folge und kommt immer wieder. Er kann das einfach nicht akzeptieren. Das finde ich großartig. Er rebelliert gegen seinen eigenen Tod.

Aber mitten in der fünften Staffel ist er irgendwann richtig gestorben. Und wenn Rebellen tot sind, sind sie nur noch wie James Dean.

Aber James Dean war ja kein Rebell. Der hat das nur gespielt und ist gestorben, weil er zu schnell gefahren ist.

Er trug auf seiner letzten Fahrt Bluejeans und T-Shirt. Haben Sie Kleidung jemals als Ausdruck einer rebellischen Haltung ausgesucht?

Nein. Dann lieber keine Kleider. Das finde ich dann schon wieder gut.

Womit wir bei Ihrem Kostüm für Rainer Langhans wären. Sie haben den Oberrevoluzzer der 68er in "Das wilde Leben" gespielt, nackt in der Kommune 1. Ist Langhans ein Vorbild für Sie?

Nein. Aber der war zum Beispiel echt krass drauf. Der rebelliert wirklich. Ich habe ihn gefragt: "Sag mal, Rainer, hast du eigentlich Regale in deiner Wohnung?" Und er sagt: "Nee, die stelle ich mir vor." Der stellt sie sich wirklich vor. Das finde ich cool. Rebellion hat was mit Konsequenz zu tun. Wir saßen im Café Einstein an der Kurfürstenstraße, gut und sehr bürgerlich besucht. Rainer Langhans in seinem weißen Gewand isst eine vegetarische Suppe und sagt plötzlich lauthals durch den Laden: "Das war damals nicht nur rinn rinn in die rote Röhre!" (klopft mit der flachen Hand auf die Faust) Da fällt einem schon mal ein Stückchen Sahne vom Apfelkuchen, und man sagt: "Ach Mensch, das ist doch der Rainer. Hat sich auch nicht verändert."

Die erste Klasse im Rebellionsunterricht belegt man doch, wenn man feststellt, dass die Eltern auch nicht immer Recht haben. Hatten Sie da ein einschneidendes Erlebnis?

Da sagte mir meine Mutter: "Pass uff, du gehst jetzt sofort in dein Zimmer, oder es gibt richtig Dresche!" Und sie guckte zu mir hoch, weil ich 25 Zentimeter größer war als sie und 30 Kilo schwerer. Da merkte ich: Jetzt ist das Gleichgewicht ein bisschen aus den Fugen. Ich dachte: Was soll ich tun? Schlagen? Geht nicht. Und dann guckte ich so auf meine Mutter und dachte: Krasser Mittelscheitel!

Wurde dann argumentiert oder rebelliert?

Nüscht war. Ich bin in mein Zimmer gegangen.

Vielleicht ist Rebellion in der Zivilisation einfach wegtherapiert worden. Was uns zur zweiten Klasse im Rebellionsunterricht führt. Man erkennt: Es ist was faul im Staat.

Wir rebellieren gegen Castortransporte, legen uns alle auf die Schienen. Dann kommen 500 Bullen, und die Transporte fahren wieder. Aber super Aktion! Schwachsinn! Glaubst du, irgendeiner Angela Merkel macht das was aus, wenn 5.000 Leute vor dem Kanzleramt demonstrieren? Dann fährt sie halt durch die Tiefgarage, und weiter geht's. Rebellion interessiert doch keinen mehr.

Außer Leute, die Themen verkaufen, und Leute, die T-Shirts mit den Themen bedrucken und verkaufen. Aber ich glaube auch, dass das Rebellische etwas in uns anrührt. Auch wenn es letztlich nur darum gehen sollte, zu seinem eigenen Willen zu stehen und ihn durchzusetzen.

Mittlerweile ist aber Rebellion eben nur noch ein Motto auf einem T-Shirt.

Bliebe noch die dritte Klasse im Rebellionsunterricht: mit sich selbst nicht einverstanden zu sein.

Ich rauche jetzt seit neun Monaten nicht mehr, habe gegen 40 Zigaretten am Tag rebelliert und mich trotzdem dabei ertappt, dass ich meine Mutter in meiner Wohnung rauchen lasse. Weil sie sagt: "Du bist ein Spießer geworden."

Also fangen die wahren Rebellen jetzt erst an, Kette zu rauchen.

Die wahren Rebellen denken noch nicht mal darüber nach, dass sie Rebellen sind.

In Ihrem neuen Film "Fata Morgana" rebellieren Sie so sehr gegen die Überschaubarkeit des Lebens, dass Sie sagen: Ich gehe einfach mal in die Wüste und gucke, ob ich wieder rauskomme.

Das ist richtig. Aber was ich bei den Dreharbeiten in Marokko gemerkt habe, ist, dass da Menschen wirklich am Existenzminimum leben. Die müssen dagegen rebellieren, dass sie kein Grundwasser haben, kein Klo. Die haben keinen Überdruss und keinen Überschuss. Das Einzige, wogegen es sich wahrscheinlich wirklich noch lohnt zu rebellieren, ist die Armut. Und dann überlegst du dir: Die ganzen Klamotten in deinem Schrank brauchen andere viel dringender, und du steckst sie in die Altkleidersammlung.

Und an der nächsten Ecke erzählt dir einer, dass genau die Organisation, der du gerade gespendet hast, mit deinen Klamotten ein Vermögen verdient.

Eben. Es ist egal, was du machst. Ich habe gerade in "Der rote Baron" mitgespielt und den Film auch produziert. Das ist ein Antikriegsfilm, aber das wird keiner verstehen. Gestern saß ich im Kino und habe sechs Trailer gesehen von den nächsten Multimillionendollarproduktionen. Und du denkst: Scheiße, wenn dein Film nächstes Jahr ins Kino kommt, wie soll er damit konkurrieren? Es ist egal, wogegen du rebellierst, die Leute werden es nicht verstehen.

Was eine sträfliche Unterschätzung der Leute sein könnte.

Aber es ist leider so. Wer bei "Deutschland sucht den Superstar" zu 75 Prozent Mark Medlock wählt… Die hätten alle Martin Stosch wählen sollen.

War es rebellisch von Mark Medlock, nachher zuzugeben, dass er für seine Karriere über Leichen gehen würde?

Rebellion bedeutet mittlerweile nur noch, dass jeder seinen Arsch rettet. Wenn du den Aufstand gegen die Verhältnisse wagst, und die Verhältnisse dir dann Millionen dafür bieten, dass du damit aufhörst - was tust du? Was ist falsch daran, sich und seine Familie in Sicherheit wissen zu wollen? Ich möchte auch normal leben, meinen Kindern eine gute Ausbildung finanzieren, und ich möchte ihnen gerne erzählen können, dass es cool ist, Kunst zu machen.

Interview: Ralf Krämer