HOME

Interview Otto Waalkes: "Ich bin nicht bereit, mich noch groß zu verändern"

Er ist jetzt 58 und gibt immer noch den Kasper vom Dienst. Auch in seinem neuen Film "7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug". In diesem Leben wird Otto Waalkes nicht mehr erwachsen. Sagt er. Und dafür gibt es ein paar gut gereifte Gründe.

Herr Waalkes, wir würden gern ein ernsthaftes Gespräch mit Ihnen führen. Geht das?

Na gut, versuchen wir's. Normalerweise stehe ich nur da und rufe: Hollederidi! War das jetzt schon zu lustig?

Habt ihr den neuen Sieben-Zwerge-Film gesehen, "Der Wald ist nicht genug"?

Ja

Ich nicht. Jedenfalls noch nicht ganz am Stück, das hebe ich mir für die Premiere auf. Wie ist er geworden?

Am Ende des Films sagt einer Ihrer Zwerge in die Kamera: "Was soll denn daran lustig sein: Männer mit Zipfelmützen?" Das haben wir uns 87 Minuten lang auch gefragt.

Das ist ein Zitat aus einer Kritik zum ersten Zwergen-Film "Männer allein im Wald". Offensichtlich polarisiert auch dieser Film. Lustig oder nicht lustig? Keine Ahnung, ich bin kein Theoretiker. Wir wollten ein Märchen weitererzählen: die Geschichte dieser sieben Männer mit Zipfelmützen, die sich diesmal außerhalb des Waldes bewähren sollen.

Die Zwerge hauen sich Bretter auf den Kopf, und ihre Zipfelmützen werden steif, wenn sie Schneewittchen erblicken. Alles wie in Teil eins ...

... das ist das Gesetz der Serie; Chaplins Tramp hatte auch immer die gleiche Art zu gehen, den Hut zu ziehen, sich auf sein Stöckchen zu stützen und so weiter.

Im Kino waren ein paar Kinder, die haben genau dreimal laut gelacht. Als die Zwerge mit Ketchup rumspritzen, als ein Polizist von einem Auto erfasst wird und als Udo Lindenberg eine Kanonenkugel auf den Kopf donnert und er in Ohnmacht fällt. Ist das nicht ein bisschen dünn?

Hätten wir laute Lacher vermeiden sollen? Habt ihr euch erschreckt? Diese Zwerge sprechen unterschiedliche Altersgruppen an, auch jugendliche Zuschauer - ich meine jetzt nicht euch. Sechs, sieben Millionen Zuschauer wie beim ersten Zwergen-Film, die musst du erst mal erreichen.

Ihr allererstes Kinowerk, "Otto - der Film" von 1985, sahen 14,5 Millionen Deutsche, dann ging's bergab. Nummer fünf, "Otto - der Katastrofenfilm", hatte gerade noch eine Million Zuschauer. Für die ZwergenReihe haben Sie einen Haufen deutscher Comedians um sich geschart wie Hans Werner Olm, Martin Schneider oder Ralf Schmitz. Funktioniert Otto solo nicht mehr?

Die Ursprungsidee war, dass ich alle sieben Zwerge selbst spiele. Technisch wäre das möglich gewesen, aber dann hätten wir ein Jahr lang im Studio stehen und zwei Jahre nachbearbeiten müssen.

Der große Robert Gernhardt, der früher viele Texte für Sie verfasst hat, sagte mal, Ihr Produzent Horst Wendlandt habe "den Filmkomiker Otto verheizt. Da sind schreckliche Sachen passiert: aus Inkompetenz und Geldgier. Auch aus Eitelkeit des Schauspielers Waalkes".

Das hat Robert gesagt? Ein interessanter Aspekt ...

Hatte er recht?

Der große Robert Gernhardt hatte immer recht. Nur in diesem Fall nicht. Eitelkeit? Nein, ich bin mehr als eitel. Ich bin chronisch gefallsüchtig. Ich will allen gefallen. Bisher haben mich rund 40 Millionen Deutschlachende im Kino gesehen, da bleibt noch ein Rest! Nein, das Dumme ist: Erfolg macht nicht unbedingt freier, eher im Gegenteil. Plötzlich wissen immer mehr Leute, woran der Erfolg liegt, nämlich an ihnen. Sie kennen die Rezepte: So wird's gemacht!

Ihre Filme wurden dadurch nicht besser.

Das Arsenal an Gesten und Mimik ist erschöpflich. Und Fehler macht man in jedem Film, deswegen versucht man es immer wieder. Man bemüht sich, sie im nächsten zu vermeiden - und macht prompt neue.

Ihr Lieblingsgag von denen, die Robert Gernhardt für Sie schrieb?

"Lieber Gott, nimm es hin, dass ich was Besond'res bin. Und gib ruhig einmal zu, dass ich klüger bin als du. Preise künftig meinen Namen, denn sonst setzt es etwas. Amen." Das war das erste Gedicht, das ich von ihm vorgetragen habe.

Gernhardt starb am 30. Juni dieses Jahres. Haben Sie sich von ihm verabschieden können?

Ich habe ein paar Tage vor seinem Tod mit ihm gesprochen. Er hat sich ganz bewusst von allen verabschiedet, die ihm wichtig waren. Robert hat sich immer gefreut, wenn unsere alten Sachen in meinem Programm vorkamen. Er hatte die zigmal gesehen und lachte immer noch darüber.

Gernhardt wurde in den letzten Jahren vom Feuilleton gefeiert. Sie haben nicht das Bedürfnis, in diese Sphären vorzustoßen?

Wozu? Die meisten Feuilletonisten verachten das Populäre unbesehen, da sie ohnehin keinen Einfluss auf den Massengeschmack haben. Dünkel macht aber nicht gerade hellsichtig. Ich hatte mal das Angebot, einen Kommissar zu spielen, ernsthaft. Aber wie soll das gehen: "Der Angeklagte hat gestanden!" - "Und Sie haben ihm keinen Platz angeboten?" Ich bin doch kein Schauspieler! Komiker können nur sie selbst sein und schleppen die Erwartung des Publikums immer mit. Und die heißt: Bring uns zum Lachen. Das versuche ich. Doch je älter ich werde, desto eher nimmt man mir seriöse Rollen ab.

Bitte? Sie sind jetzt 58 und spielen einen Zwerg.

Hätte ich Rumpelstilzchen spielen sollen? Dazu fehlt mir das Dämonische. Ich merke das aber auf der Bühne: Wenn ich heute eine Erwachsenenrolle spiele, sagen wir, einen Politiker, ist die Fallhöhe größer, wenn ich dann das Klischee breche und plötzlich jodelnd herumhüpfe.

Sie haben es aufgegeben, erwachsen zu werden.

Ich weiß nicht, wie man das macht: erwachsen werden; wobei, wenn ich euch so sehe, gefällt mir das ganz gut - au ja, ich möchte auch erwachsen werden! Manche glauben, ich sei es mal gewesen. Ich höre jedenfalls immer wieder: Otto, du warst früher viel politischer. Warum? Weil ich einst vor studentischen Minderheiten aufgetreten bin? Ich bitte euch!

Sie waren durchaus mal anarchisch und dreist. Ende der 70er Jahre verlangte Bundeskanzler Helmut Schmidt von Ihnen eine Entschuldigung für den Satz: "Der Papst hat Selbstmord begangen - warum nicht, wenn man sich beruflich verbessern kann!"

Ein ganz normaler Scherz, was war daran politisch? Oder anarchisch? Erinnerung verklärt: Das waren andere Zeiten, da gab es noch Grenzen des guten Geschmacks. Heute gibt es fast keine Tabus mehr. Bringe ich in meinem Bühnenprogramm eine Nummer über Klingeltöne zum Runterladen - den kotzenden Kolibri, den spuckenden Specht, den pupsenden Papst -, dann freuen sich alle Gläubigen. Ich muss mich nicht mehr entschuldigen.

Sie sind ein Mann für die Massen geworden, der Komiker für die ganze Familie ...

... hört sich gut an: für die ganze Familie - es muss ja nicht die eigene sein.

Wünschen Sie sich nicht manchmal mehr Herausforderung?

Halbe Familie oder was?

Sie wissen doch genau, was Sie tun müssen, damit Opa, Tochter und Enkel lachen, Stichwort: Hollederidi. Sie erzählen seit über 30 Jahren die gleichen Witze.

Schön, dass die Zuschauer immer noch darüber lachen. Das spricht für die Witze. Wer glaubt, Komik lebt nur von der Überraschung, hat einen veralteten Begriff von Komik. Natürlich nehme ich auch neue Witze dazu ...

... aber die kommen nicht so gut an?

Doch, hervorragend: "All about edit and E-Mail - Alles über Edith und Emil". Die Zuschauer haben aber auch Lust auf Wiedererkennung. Auf die Reise durch den menschlichen Körper: "Auge an Großhirn, Auge an Großhirn!" Oder auf Hänsel und Gretel, Harry Hirsch, Robin Hood. Das sind so Klassiker, die wollen viele auch einmal live sehen. Jeder Popstar singt deshalb seine alten Lieder. Bei Robbie Williams zum Beispiel beschwert sich keiner darüber.

Der hat sich aber auch mal an Sinatra-Songs versucht, nun gibt er den Rapper. Wann haben Sie aufgehört, sich zu entwickeln?

Meine Arbeit wird seit über 35 Jahren mit Lachen honoriert - ein Glück für mich. Denn ich habe ja nichts anderes gelernt. Ich bin nicht bereit, mich noch groß zu verändern. Gute Überschrift für das Interview hier, oder?

Sie haben in Ihrer Karriere so viel Geld verdient ...

... werft ihr mir das jetzt vor?

Nein. Sie haben 2002 den Comedy-Preis für Ihr Lebenswerk bekommen ...

... zufällig war ich selbst Jury-Vorsitzender!

... warum setzen Sie sich nicht zur Ruhe?

Habe ich das nicht längst getan? Früher bin ich ja hektisch durch die Gegend gezogen, da hätte ich gar nicht die Zeit gehabt, so lange mit euch hier zu sitzen. Heute gehe ich zwei, drei Monate auf Tournee oder mache einen Film - und dann ist erst mal ein Wochenende Pause. Das ist doch schon ein Rentnerdasein. Aber wenn ihr es verlangt, dann höre ich ganz auf. Die stern-Leser stimmen ab: Soll Otto aufhören?

Sie haben mal bei einem Radiosender angerufen, der einen Preis für den besten Otto-Imitator ausgelobt hatte ...

das war bei Alsterradio hier in Hamburg. Ich meldete mich unter falschem Namen: "Hier ist Erwin Strolz, Papenhuder Straße 161a. Hollederidi, jaahaa!" Ich wurde Dritter.

Wie deprimierend.

Nö, die anderen waren einfach besser.

Selbstzweifel kennen Sie nicht?

Doch. Habe ich ständig. War ich früher politischer? Habe ich noch nicht genug Geld? Soll ich jetzt aufhören? Diese ganzen Fragen hier stelle ich mir ja auch ständig. Ich kann sie aber nicht beantworten. Gespräche wie dieses machen mich immer wieder sehr nachdenklich. Aber bevor ich mir dann die Kugel gebe, nehme ich lieber die Gitarre, dum-di-dum, schon geht's mir besser. Ich kann ewig dasitzen und spielen, Beatles, Beethoven, Bartok, alles. Und plötzlich sind zwölf Stunden rum. Das hilft: Mit den eigenen Fehlern leben zu lernen, darum geht es doch. Ich halte es aus, mich ständig reproduzieren zu müssen, weil ich es kann.

Sie gehen sich nie selbst auf den Keks?

Ganz im Gegenteil, ich fühl mich blendend unterhalten. Ich bin lebenslänglich gut drauf. Das ist schon automatisiert, so weit bin ich Profi.

Als Sie mal am Grab Ihrer Eltern standen, kam eine Schulklasse vorbei, für die Sie prompt das lustige Ottili spielten. Finden Sie das normal?

25 Kinder, die kamen aus Stuttgart, hatten strahlende Augen und riefen: Otto! Die freuten sich, mich zu sehen. Ich hab dann ein bisschen Quatsch gemacht. Wem schadet das?

Sie werden gern geliebt. Ist das schon pathologisch?

Das sagte ich doch schon. Hätt ich den Kindern sagen sollen: Meine Eltern sind gestorben! O weh! Zum Trauern war immer noch genug Zeit. Und mein Vater hat sich in dem Moment bestimmt mitgefreut.

Ihre Mutter nicht?

Sie war der religiöse, leicht verletzliche Teil der Familie, das protestantische Gewissen. Wenn bei uns zu Hause zu laut gelacht wurde, hat meine Mutter den Kamin zugestopft: Was sollen denn die Nachbarn denken? Mein Vater hat mit über 80 noch Handstand gemacht, der wollte auch immer im Mittelpunkt stehen.

Dann ist das bei Ihnen gar nicht psychisch bedingt, sondern genetisch?

Korrekt! Mein Vater lag auf dem Sterbebett, meine Mutter, mein Bruder und ich standen um ihn rum. Plötzlich ächzte und stöhnte er, wir dachten: Jetzt geht es zu Ende. Und er? Grinste und machte: Hähä - war nur ein Scherz! Der Mann war wirklich lustig.

Ihr Sohn Benjamin ist jetzt 19. Wenn Sie auf ein "Hollederidi" in seinem Zimmer vorbeischauen, sagt er: "Papa, du bist peinlich." Nimmt Sie das sehr mit?

Das sagt er nur, wenn er Besuch hat. Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen würde, wenn mein Vater so populär wäre. Ich glaube, Benjamin respektiert das. Aber es interessiert ihn auch nicht brennend. Er ist eher der coole Typ, kommt von der internationalen Schule, die sind ein bisschen anders drauf da. Sprechen alle englisch. Er mag englische Komik, lacht aber auch über Michael Mittermeier, Mario Barth, Helge Schneider. Aber es ist nicht so, dass er ständig sagt: Mein Vater, der Blödel. Übrigens ein guter Titel für einen Film: "Mein Vater, der Blödel"! Sollte ich gleich machen - würdet ihr mich bitte entschuldigen?

Durchaus

Puh! Das ging an die Substanz. Das war schon sehr ernsthaft. Ich bin am Ende. Schreibt das: "Alternder Scherzkeks, humoristisch verwelkt, nach stern-Interview am Ende."

Interview: Ulrike von Bülow und Alexander Kühn / print