INTERVIEW Wechsel-Jahre


Muße statt Muskeln: Silvester Stallone über seinen eisernen Willen, fortan Softie zu sein

Als Geldeintreiber in »Get Carter« und als alternder Rennfahrer in »Driven« versuchen Sie wieder mal, Ihr Rambo-Image abzuschütteln. Wann geben Sie auf?

Das Publikum hat mich doch längst als Charakterdarsteller akzeptiert! Spätestens seit »Cop Land«, wo ich einen dicken Polizisten gespielt habe. Sehen Sie, im Juli bin ich 55 geworden. Ich habe über 14 Jahre hinweg fünfmal Rocky gespielt, der Rücken macht Probleme, und ich habe mir zigmal die Nase gebrochen. Wie lange soll ich den Muskelhelden mimen?

An der Kinokasse wurde Ihr Wille zum Imagewechsel bislang gestoppt.

Sicher, mit weiteren Rocky- oder Rambo-Filmen hätte ich viel Geld verdient. Mir war klar: Wenn man sein Fahrwasser verlässt, besteht die Gefahr, auf Grund zu laufen. Ich musste Lehrgeld zahlen, aber ich habe es nie bereut.

Haben Sie sich mal gefragt, wie Ihre Karriere ohne diese beiden Jungs verlaufen wäre?

Oft sogar. Als 1976 der erste Rocky-Film gedreht wurde, war ich ein Nobody und habe trotzdem Hollywood-Größen wie Burt Reynolds und Robert Redford bei der Besetzung ausgestochen.

Sie waren mal der bestbezahlte Schauspieler Hollywoods.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass ich dann jahrelang nichts anderes machen durfte als Action. Mit Rocky und Rambo verbindet mich Hassliebe.

Schämen Sie sich für die zwei?

Im Gegenteil: Manchmal bedanken sich wildfremde Leute bei mir dafür, dass Rambo Amerikas Politikern einen Seitenhieb für ihren schäbigen Umgang mit Vietnamveteranen verpasst hat.

Im Rennfahrerfilm »Driven«, der im November ins Kino kommt, spielt Burt Reynolds einen Rennstallbesitzer im Rollstuhl. Reynolds hatte seine größte Zeit wie Sie Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Überkommt Sie Wehmut, wenn Sie an damals denken?

Burt und ich haben beim Dreh oft über die gute alte Zeit gesprochen. Er war ja ein Megastar. Und dann ließ man ihn fallen, weil er nicht mehr ins Muster passte.

Wie Sie.

Oh, ich habe auch Fehler gemacht. Ich bin zum Beispiel aus dem Action- gleich ins Komödienfach gesprungen, das war zu krass. Aber Burt und ich sind keine verbitterten alten Herren. Wir haben unsere Zeit gehabt, und wir haben sie genossen.

Sie sollen damals jede Nacht mit einer anderen Frau geschlafen haben und ein rechter Schnösel gewesen sein.

Über diese Zeit kann ich nur den Kopf schütteln. Ich war so egoistisch. Und dabei tut es gut, Rücksicht auf einen Menschen zu nehmen, den man sehr liebt.

Was hat den Sinneswandel bewirkt?

Meine Frau Jennifer und meine Töchter. Durch die drei Mädels bin ich zum Familienmenschen geworden. Ich habe in der Hinsicht von Anthony Quinn gelernt ...

... mit dem Sie seinen letzten Film »Avenging Angelo« gedreht haben.

Wir waren eng befreundet. Als er 82 war, also vier Jahre vor seinem Tod, sagte er zu mir: Sly, jetzt merke ich zum ersten Mal im Leben, dass ich richtig glücklich bin. Er hat bereut, dass er wegen der Arbeit sein Familienleben nie genießen konnte. Auch wenn Anthony immer mein Vorbild sein wird: Zu dieser Einsicht will ich nicht erst mit 82 kommen.

Interview: Andreas Renner


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