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Karoline Herfurth: Mehr als nur "das Mädchen"

Bislang spielte sie fast nur Teenies und "die Freundin von". Im Familiendrama "Im Winter ein Jahr" darf Karoline Herfurth jetzt trauern, tanzen, Klavier spielen, singen und vor allem erwachsen sein. Eine längst überfällige Reifeprüfung.

Von Matthias Schmidt

Schwärmen wir doch einfach mal. Von den hundert Sommersprossen allein auf ihren Schultern. Von der elektrisierenden Ungeduld, mit der sie, halb ausgelassen, halb angezogen, in einem Hotelzimmer teure Kleider anprobiert für die Gala zum Deutschen Filmpreis. "Oh Mann, nichts passt", stöhnt sie. "Normalerweise würde ich jetzt heulen und einen Nervenzusammenbruch kriegen." Natürlich sieht sie abends am roten Teppich wieder umwerfend aus. George Clooney hat einmal gesagt, man wird vor allem deshalb Schauspieler, weil man geliebt werden will. Bei Karoline Herfurth fällt das besonders leicht.

Die Busenfreundin

Sie ist erfrischende 24, ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem Kinngrübchen verstörend herb und attraktiv zugleich, eine junge Kate Moss, die sich in Paris eine WG mit Julie Delpy teilt. Herfurths bisherige Kino- und TV-Karriere lässt sich auf ein einziges Wort zusammenschmelzen: Mädchen. Genauer: rothaariges Mädchen. Ein wenig verführerische Lolita, ein wenig unnahbares Fräuleinwunder. Unvergessen ihr Auftritt als fuchsrotes Mirabellenmädchen in "Das Parfum". Wenn der supernasige Held ihre Witterung selbst durch den Schwefelqualm eines Feuerwerks aufnimmt, sie versehentlich erstickt und dann entblößt. Sie hat zweimal eine Prinzessin gespielt, dazu jede Menge Busenfreundinnen auf Identitätssuche in Filmen wie "Mädchen, Mädchen" oder "Große Mädchen weinen nicht". Sie war die große Liebe von Tom Schilling in "Pornorama", die große Liebe von Kostja Ullman in "Das Wunder von Berlin", die große Liebe von Robert Stadlober in "Peer Gynt". Schublade zu, Image fest?

In der Bayerischen Theaterakademie am Prinzregentenplatz geht der 15. Drehtag ihres neuen Filmes "Im Winter ein Jahr" den gewohnten Gang vieler Drehtage. Wiederholungen, können wir das noch mal machen, du schaust zu früh hoch, Wiederholungen. Herfurth trägt ein federleichtes Ballettkleid und sagt trotz blauer Knie und vor Erschöpfung zitternden Händen: "Ich fang noch mal im Männerspagat an." Ein paar Drehungen und Sprünge später rumst ihr Kopf an den ihres Tanzpartners. Benommenheit, Pause. Bin ausgerutscht. Brauchst du Eis? Nein, geht schon.

Herfurth war Waldorfschülerin und Mitglied in einem Kinderzirkus, turnte Trapez und Rhönrad. Für ihre Szenen als Tanzstudentin Lilli hat sie sich dennoch monatelang mit einer eigenen Akrobatiktrainerin vorbereitet. "Morgen wird es noch härter", meint sie lapidar, "da muss ich Klavier spielen und singen."

Auch damit sollte sie kaum Probleme haben. Geboren in Berlin-Pankow, als echtes Kind der DDR aufgewachsen rund um den Alexanderplatz, waren ihre Eltern (der Vater Altenpfleger, die Mutter Psychologin) und die fünf Geschwister vernarrt in Hausmusik, die Großmutter arbeitete als Musiklehrerin. Im Urlaub an der Ostsee oder in Tschechien verdiente man sich als kleine Kelly Family ein Zubrot mit Straßenmusik, Karoline war die Blockflöte. Viel mehr Privates erzählt sie nicht, viel zu "unerheblich". Nur, dass sie seit vielen Jahren denselben Freund hat und ein Pflegepferd und gar keine roten Haare, sondern normales "Berliner Straßenköterblond".

"Sie weiß noch gar nicht, wie gut sie ist"

Zurück am Set. Robert Cort, einer der US-Produzenten des Films, lehnt entspannt in einer Ecke und beobachtet das Geschehen. "Sie weiß noch gar nicht, wie gut sie ist", murmelt er und wirft Namen wie Sarah Polley in den Raum. Regisseurin Caroline Link - ihr "Nirgendwo in Afrika" gewann vor fünf Jahren den Auslands-Oscar - lobt derweil Herfurths Offenheit und wie sie vom Kopf umschalten könne aufs Gefühl. Und Kamerafrau Bella Halben findet sie einfach nur unvergleichlich: "Sie hat so was Durchsichtiges, man sieht ihre Seele in den Augen."

Während dieses langen Tages in München wird immer klarer: Das hier ist keine weitere "Mädchen-für-alles-Rolle". Hier wird jemand vor der Kamera erwachsen. In "Im Winter ein Jahr" muss Herfurth als Lilli erleben, wie sich ihr Bruder umbringt, woraufhin die traumatisierte Familie zerfällt. Und dann hat die herrische Mutter (Corinna Harfouch), eine Innenarchitektin, noch die Schnapsidee, bei einem eigenbrötlerischen Maler (Josef Bierbichler) ein Gemälde in Auftrag zu geben. Ein Porträt von Lilli und dem Toten, für das die Tochter Modell stehen muss. Der Film ist mehr intime Trauer- und Sühnearbeit als Melodram und macht es in seiner stillen Kühle dem Publikum nicht leicht. Die gereifte Herfurth aber ist überwältigend gut.

Ein paar Monate später. Nach "Im Winter ein Jahr" (Kinostart: 13. November) hat Herfurth viel gearbeitet. Sie spielte Theater in Weimar, übernahm eine Nebenrolle in der Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller "Der Vorleser" mit Kate Winslet und Ralph Fiennes und übte wochenlang die Schersprung-Technik. Für eine Kinohauptrolle als jüdische Hochspringerin, die zum Verdruss der Nazis bei den Olympischen Spielen 1936 als Favoritin antritt.

Zum nackt sein gezwungen

Und sie hat sich gerade an der Berliner Humboldt-Uni eingeschrieben: Politik, Soziologie und Russisch. Für den Abschluss an der Ernst-Busch-Schauspielschule fehlt ihr nur noch die Diplomarbeit. Thema: Der Konflikt zwischen Figur und Person in Bezug auf Nacktheit in der Öffentlichkeit. "Sex spielt eine Riesenrolle in unserem Leben", sagt sie. "Deswegen kannst du eine Figur nur zeigen, wenn du auch diesen Teil von ihr beleuchtest. Wenn ich jetzt sage, das möchte ich nicht, geht das nicht zusammen. Die Prostitution einer Schauspielerin ist ein ökonomischer Gesichtspunkt ihrer Karriere. Ich muss mich praktisch ausziehen."

Genauso analytisch-kritisch wird sie, wenn es um andere Aspekte ihres Berufes geht. "Die Zuschauer merken, wenn ein Schauspieler nicht die Gedanken seiner Figur denkt, sondern mit seinem Aussehen beschäftigt ist. Dann berührt die Figur nicht mehr." Herfurth macht sich überhaupt sehr viele Gedanken, und manchmal fragt man sich, wie sie die ganzen Teenie-Problemchen ihrer Kinorollen überstehen konnte. Auch zu George Clooneys Aussagen zum Geliebtwerdenwollen hat sie eine klare Meinung: "Jemand, der gemocht werden will, sollte kein Schauspieler werden. Man setzt sich einer extremen öffentlichen Kritik aus, das muss man erst mal abkönnen."

Sie wird das schaffen. Denn das Mädchen Karoline kann jetzt alles, Frau Herfurth fängt gerade erst richtig an.

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