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Kinostart "Slow West": Ein Western ohne Schnörkel

Cowboys reiten durch eine unberührte Landschaft: Das ist auch schon das einzige Western-Klischee, das in "Slow West" bedient wird. Stattdessen zeigt der mitreißende Film ungeschönt die Realität von Siedlern und Ureinwohnern.

Michael Fassbender im neuen Western "Slow West"

Jay Cavendish (l., Kodi Smit-McPhee) und Silas Selleck (Michael Fassbender) reiten gemeinsam auf dem langen Weg nach Westen

Ein naiver schottische Adelsspross, der den Atlantik überquert, um im amerikanischen Westen seine große Liebe zu finden - und der mit der harten Realität aus Kriminalität, Gewalt und Tod konfrontiert wird. Kodi Smit-McPhee, bekannt aus "Planet der Affen: Revolution", spielt den sensiblen Jay, der völlig unvorbereitet auf Cowboys, Indianer und Vagabunden trifft. Ohne den geheimnisvollen Kopfgeldjäger Silas, beeindruckend verkörpert von Michael Fassbender, wäre er in dieser Wildnis verloren. "Slow West" von Regisseur John Maclean vereint viele Elemente klassischer Western-Filme, verzichtet aber auf romantische Cowboy-Klischees. Sein Westen ist wild und gefährlich, und beraubt den ahnungslosen Neuankömmling jeder Illusion.

Wenngleich von berühmten Western etwa von Sergio Leone ("Spiel mir das Lied vom Tod") inspiriert, wollte Maclean dennoch in seinem Kinodebüt einen Gegenentwurf dazu schaffen. Sein Vorbild: Robert Altmans Anti-Western "McCabe & Mrs. Miller", mit dem sich Julie Christie 1972 eine Oscar-Nominierung erspielt hatte. Ähnlich wie Altman versucht auch Maclean, mit dem Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufzuräumen, der viele Menschen im 19. Jahrhundert aus Europa nach Amerika trieb.

Kinotrailer: "Slow West"

Kein romantischer Ritt gen Westen

"Den Leuten wurden Träume verkauft", sagt der Regisseur. "Es hieß, geht dorthin, das ist das Land des Ruhms und des Überflusses." Die Realität: Wer nicht schon auf der Schiffsüberfahrt krank wurde, kam erst in Quarantäne und zog schließlich einfach los, Richtung Westen. Ohne eine Ahnung, dass der Kampf ums Überleben dort erst richtig beginnen würde.  

So auch Jay, der im Jahr 1870 mit nichts aufbricht, als mit seiner Liebe zu Rose, die zum Kummer seiner adligen Familie nicht standesgemäß ist. Statt mit wachen Sinnen auf Gefahren zu achten, verliert er sich in romantischen Träumereien, poetischen Ergüssen und Gutgläubigkeit. Ein linkischer, etwas altkluger Jüngling, der nicht mal weiß, wie man sich rasiert, und der im harten Alltag völlig fehl am Platz ist. Einer seiner Verfolger ist der skrupellose Payne (Ben Mendelsohn), der ihm mit seiner Bande dicht auf den Fersen ist. Doch Jay ist felsenfest überzeugt: "Leben ist mehr als Überleben." Darauf Silas, sein Beschützer wider Willen: "Ja, es ist auch Sterben."

Spannendes Kinodebüt

Gestorben wird in "Slow West" zuhauf: Cowboys, Siedler und Indianer. Vor allem der Hinweis auf die Indianer war Maclean wichtig. "Es wäre unmöglich gewesen, einen Western zu drehen, ohne die Zerstörung der Ureinwohner Amerikas zu erwähnen", erklärt der Regisseur. Das ist auch eines der ersten Schockerlebnisse für Jay, als er die Reste eines niedergebrannten Indianerdorfes vorfindet. Doch das ist noch gar nichts im Vergleich zu dem furchtbaren Geschehen, mit dem er am Ende des Films konfrontiert wird. 

Maclean, der eigentlich Musiker ist und Gründungsmitglied der schottischen Gruppe The Beta Band, hat mit "Slow West" einen klug erzählten Western inszeniert. Auf wunderbare Art vereint das in Neuseeland gedrehte Kinodebüt Spannung, Poesie und schrägen Humor und beeindruckt nicht zuletzt durch die wunderschönen Bilder des irischen Kameramanns Robbie Ryan.

Cordula Dieckmann, DPA
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