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Kritzelkunst: Zwei-Minuten-Bilder

Alles, was sie brauchen, ist ein Filzstift: David Shrigley, Markus Vater und Dan Perjovschi beleben die Zeichnung im Geist des Gekritzels.

Von Sandra Danicke

Sie kritzeln Strichmännchen auf Kaffeetassen, schmieren Beschimpfungen an die Innenwände von Ausstellungsräumen und krakeln Bösartigkeiten über Siegfried & Roy auf billige Zettel. Nichts, so scheint es, ist vor den anarchischen Zeichnern sicher. Mit derangierten Filzstift-Gestalten und respektlosen Texten erobern Dan Perjovschi, David Shrigley und Markus Vater den Kunstmarkt. Doch hinter den flapsigen Gesten stecken poetische Gedanken, philosophische Fragen und politische Statements. Hielte man einem Künstler vor, er habe die Idee für sein Werk aus der "Bild"-Zeitung, man müsste wohl in den allermeisten Fällen mit Wutausbrüchen und Verleumdungsklagen rechnen. Dan Perjovschi aber gibt freimütig zu: "Meine Themen stammen aus den Boulevard-Medien." Auch Klatschgeschichten gehören zum bevorzugten Arbeitsmaterial des Künstlers, der mit seinen strähnigen langen Haaren, dem struppigen Schnauzbart und seinen Socken in den Gesundheitssandalen ziemlich genau dem Klischee vom Ostblock-Kreativen entspricht.

Dan Perjovschi kommt aus Rumänien; er reist mit leichtem Gepäck. Wird der Künstler zu einer Ausstellung eingeladen, bringt er bloß einen Filzstift mit. Ein paar Tage lang hört er sich um, liest billige Illustrierte und lässt sich erzählen, was den Bürger denn nun so bewegt in, sagen wir: Deutschland. Dann geht es los. Mit der Geschwindigkeit des legendären Schnellzeichners Oskar aus der Fernsehsendung "Dalli Dalli" kritzelt Perjovschi Strichmännchen, Gesichter und Sätze auf weiße Ausstellungswände und entwickelt in kürzester Zeit kleine Szenarien, die auf originelle Art Befindlichkeiten auf den Punkt bringen. „Es macht mir immer großen Spaß, weiße Wände voll zu schmieren und damit Territorien zu besetzen“, gesteht der Künstler.

Nichts ist zu profan

Was für Dan Perjovschi die Themen, sind für David Shrigley die Bildträger: Nichts ist dem Schotten zu profan, um einer Zeichnung würdig zu sein. Erst kürzlich in Kopenhagen wurde Shrigley von diesem schrägen Typen gefragt, ob er nicht ein Tattoo für ihn entwerfen könne. Und weil der Künstler ein freundlicher Mensch ist, obendrein einer, der schlecht Nein sagen kann, willigte er ein. So ähnlich muss es auch zu den Kaffeetassen, Lesezeichen, Salz- und Pfeffer-Streuern, Kreditkarten-Etuis, T-Shirts und all den anderen, eigentlich kunstfernen Gegenständen gekommen sein, die der Glasgower Künstler in den vergangenen Jahren gestaltet hat und auf denen derangiert aussehende Gestalten zu seltsamen Kommentaren eigenartigen Tätigkeiten nachgehen.

Nebenbei fertigt Shrigley traurige Männlein aus Knete oder Bronze oder missglückt aussehende Vasen aus Keramik, entwirft Flip-Flops aus Metall und gestaltet Poster für Beerdigungen oder Band-Auftritte. "Ich bin als Künstler kein Purist, der immer nur eine Sache verfolgt", erklärt Shrigley seine Ausflüge in die Welt des kruden Designs. "Ich bin Konzeptkünstler, da geht es in erster Linie um Ideen."

Eigenwillige Antworten

Abseitiger Humor und eine gewisse Unkompliziertheit im Umgang mit Materialien kennzeichnen auch die Werke von Markus Vater. Darüber hinaus beschäftigen den Künstler weltbewegende Fragen. Die Wolken zum Beispiel: An welchen Ort ziehen die bloß alle? Wohin verschwinden Geräusche? Wie viel wiegt eine Seele, und wie sieht sie aus? Und wie wäre es wohl, sich von innen nach außen zu stülpen oder inmitten einer Schneeflocke zu sitzen? Der 1970 geborene Künstler stellt nicht nur Fragen, auf die andere gar nicht erst kommen, er denkt sie auch noch zu Ende - und findet eigenwillige Antworten. Der Ort, an den die Wolken ziehen, ist bei Vater ein Spielsalon mit Flipper und Tischkicker.

Mit Gemälden, Fotos, Skulpturen und Zeichnungen voller eigenwilliger Vorschläge und absurder, oft poetischer Gedankenblitze erforscht der Künstler den Zustand der Welt und stellt fest, dass es im wirklichen Leben zuweilen nicht weniger grotesk zugeht als in seiner Fantasie.

Zusammengefasst von Barbara Hein, die ganze Geschichte lesen Sie bei art