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Luc Besson: "Männern fehlt sehr viel"

Seit 25 Jahren dabei, seit 25 Jahren bejubelt und gehasst - eigentlich sollte man mit Regisseur Luc Besson über seine Filme reden. Mit dem stern-Autorin Andrea Ritter spricht er aber lieber über vermeintliche Kerle.

Luc Besson, 47 Jahre alt und nach Filmen wie "Léon - Der Profi", "Nikita" und "Das fünfte Element" einer der erfolgreichsten Kinoregisseure Europas, sieht aus wie der Roadie einer Heavy-Metal-Band: bärtig, kompakt, verwaschenes T-Shirt. Höfliches Rumgerede mag er nicht, genauso wenig wie Pressetermine. "Leave, leave", scheucht er die PR-Assistentin aus dem Zimmer, schnauft ein bisschen und stopft mit seinen breiten Fingern einen Teebeutel in die Tasse.

Los, anfangen.

Ja, gern. Herr Besson...

Oh, Sie sprechen Französisch. Gut. Dann kann ich Ihnen ja gleich mal sagen: Sie sollten Ihr Magazin "Etoile" nennen. Das klingt viel besser als stern.

Ja. Herr Besson...

Und bevor Sie jetzt fragen, warum ich seit "Johanna von Orléans" keinen Film mehr gemacht habe, kann ich Ihnen gleich sagen: Ich habe fünf Jahre an einem Animationsfilm gearbeitet. Als Regisseur zusammen mit lauter Computer-Nerds. Das war schwierig. In bin Handarbeit gewohnt, Kameras, Schauspieler, Sie verstehen?

Deswegen haben Sie also jetzt einen neuen Spielfilm gemacht?

Ja. Gegenüber dem Animationsfilm ist "Angel-A" die Anti-These: Ein Mann, eine Frau, ein Dialog. Eine Kamera, eine Stadt. Sehr symmetrisch, Yin und Yang.

Nach Milla Jovovich haben Sie mit Rie Rasmussen wieder ein Fotomodell für die Hauptrolle gewählt. Was fasziniert Sie so an Mannequins?

Gar nichts.

Das waren also bloß zwei Zufälle nacheinander?

Als Jugendlicher war ich auch mal bei der Feuerwehr - deswegen bin ich trotzdem kein Feuerwehrmann. Warum also sollte aus einem Modell keine Schauspielerin werden? Bei Rie Rasmussen war die Größe für die Rolle wichtig. Die Kraft, mit der sie losmarschiert. Sie ist ein Tier.

In "Léon - Der Profi" erklärt ein kleines Mädchen einem Auftragskiller das Leben, in "Nikita" mordet eine Frau für den Geheimdienst. "Das fünfte Element" ist ebenfalls weiblich und rettet die Welt, und mit "Johanna von Orléans" glorifizieren Sie eine französische Nationalheldin. Warum sind Frauen bei Ihnen immer stärker als Männer?

Ich zeige einfach nur, was normal ist. In anderen Filmen haben Männer dicke Muskeln und retten die Welt. Die Frauen stehen im Hintergrund und weinen. Das ist nicht normal. Das ist lächerlich.

Na ja, dicke Muskeln haben die Männer in Ihren Filmen ja auch. Sie wirken nur oft ein wenig hilflos damit.

Sie kämpfen mit sich. Die meisten Männer sind unfähig, mit ihrer weiblichen Seite umzugehen. Das ist ein Punkt, der mich schon immer beschäftigt hat. Ein Mann hat 49 Prozent von einer Frau in sich. Und 51 Prozent von einem Mann. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist also sehr gering. Nur zwei Prozent.

Ein wirklicher Mann sollte sich also mehr um seine 49 Prozent kümmern?

Ja sicher. Aber Männer brauchen viel Zeit, um zu akzeptieren, was sie sind. Von Geburt an fehlt ihnen sehr viel. Hören Sie sich doch mal ein Gespräch unter Männern an: Da geht es um Autos. Um Fußball. Darum, wie clever man bei seiner letzten Steuererklärung war. Ein Mann will immer zeigen, was für ein toller Kerl er ist. Er hat das beste Auto gekauft, er wohnt im tollsten Viertel der Stadt. Es fällt Männern schwer zu sagen: So bin ich halt, und jetzt muss ich damit umgehen.

Bei Ihnen ist das anders?

Ja, das sieht man ja in meinen Filmen. Und es gibt viele Männer, denen das überhaupt nicht gefällt. Sie können meine Filme nicht akzeptieren, weil darin Männer vorkommen, die ihnen ein Bild vermitteln, das sie nicht mögen. Zum Beispiel bei "Im Rausch der Tiefe": Keiner meiner Filme wurde so brutal attackiert. Die Leute waren regelrecht bösartig. Dabei geht es doch nur um einen Typen, der sich nicht gut fühlt, und um seinen besten Freund... Es gibt nichts Hassenswertes in diesem Film. Aber lustigerweise wurde ich für alle meine Filme angegriffen, die ein wenig sanfter oder poetischer waren - viel mehr als für die brutalen Filme wie "Nikita" oder "Léon".

Hat Ihnen das zu schaffen gemacht?

Pff, nein. Aber es zeigt ein typisch männliches Verhalten. Draufhauen, wenn jemand Schwäche zeigt.

Sie sind einer der wenigen Regisseure, die sowohl in Europa als auch in Hollywood arbeiten. Was könnte die europäische Filmindustrie von Hollywood lernen?

Ich glaube, dass Europa ein größeres Bewusstsein dafür haben müsste, wie einflussreich Kunst und Kultur sind. Wenn heute Hollywood als Marke rund um die Welt geht, dann nur, weil die uns seit 30 Jahren ihre Kultur verkaufen. Die USA werden uns über Filme verkauft. Kino stärkt das Ansehen einer Nation. Wollen Sie ein Beispiel?

Gern.

Also: In Paris gab es mal eine Marktforschungsstudie. Da wurden Touristen aus allen Teilen der Welt gefragt, warum sie in Paris Urlaub machen. Wegen der Tourismus-Werbung? Wegen der tollen Reiseführer? Was meinen Sie, war die Antwort?

Na?

Kino. Über 60 Prozent der Leute haben gesagt, dass sie Paris zunächst im Kino gesehen hätten und es dann in echt sehen wollten. Das ist doch der beste Beweis. Kino hilft der Bedeutung eines Landes. Das muss Europa sich klar machen.

Interview: Andrea Ritter