Matinée mit Fatih Akin "Kommt Zeit, kommt Teufel!"


Schon vor seiner Veröffentlichung ist Fatih Akins neuer Film in aller Munde: "Auf der anderen Seite" geht als deutscher Beitrag ins Rennen um die Oscar-Nominierungen. In Hamburg hat der Regisseur seinen Film persönlich vorgestellt.
Von Eva-Maria Senftleben

Sonntagmorgen, halb elf. Vor einem kleinen Kino in Hamburg bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Die Schlange vor der Kasse reicht bis auf den Gehweg - und das, obwohl es ein sonniger Tag zu werden verspricht. Ausverkauft. Bis auf den letzten Sitz. Die Leute in der wartenden Menge waren im Vorverkauf nicht schnell genug. Früh aus dem Bett gequält haben sie sich trotzdem - vielleicht werden ein paar Karten nicht rechtzeitig abgeholt!

Den Oscar-Kandidaten zuhause gelassen

Zwei Stunden Kino, Popcorn, Cola und dann wieder nach Hause - so ist es heute nicht. Denn er wird hier sein: Fatih Akin. Der deutsche Vorzeigeregisseur, die Oscar-Hoffnung für 2008. Gezeigt wird sein neuestes Werk "Auf der anderen Seite", zweiter Teil seiner Trilogie "Liebe, Tod und Teufel". Der Film erzählt die Geschichte sechs verschiedener Menschen, Türken und Deutschen, deren Schicksale durch zwei tragische Todesfälle miteinander verwoben werden.

Beeilung, heißt es im Kino. Die Getränkeauswahl muss schnell gehen: freie Platzwahl. Das Gedränge vor der Vorstellung weicht während des Films einer beinahe absoluten Stille. Hier und da ein leises Lachen, sogar Tränen. Applaus, als das Licht nach zwei Stunden wieder angeht. Nun beginnt der Teil des Tages, auf den alle gewartet haben: Fatih Akin betritt den Kinosaal. Jeans, T-Shirt, zerzauste Frisur - den Vorzeigeregisseur, den Oscar-Kandidaten hat er zuhause gelassen. An jeden zweiten Satz hängt er ein "ne?!". Unbewusst, nicht aufgesetzt - es gibt keine Distanz, die er überbrücken müsste. Ganz im Gegenteil: Vor dem schweren roten Vorhang wirkt er seltsam deplatziert, wie der Junge von nebenan, den man auf eine Galabühne gestellt hat.

Wahnsinnig bescheiden ist er: So ganz scheint ihm der Rummel um seine Person immer noch nicht zu behagen. Eigentlich, sagt er, hätte er alleine diese ganzen Preise gar nicht verdient. Oft genug änderten die Schauspieler seine Vorlage während der Aufnahmen. Und überhaupt hätten sie den Preis für das beste Drehbuch, den er in diesem Jahr in Cannes mit "Auf der anderen Seite" abgeräumt hat, bekommen müssen.

"Ja, vielleicht ist da eine Liebesgeschichte"

"Wissen Sie, dass da eine Liebesgeschichte zwischen Nejat und Ayten ist?", will eine Zuschauerin wissen. Die Zuschauerin fragt den Drehbuchautor und Regisseur, wie gut er die Figuren kennt, die er selber erfunden hat. Der Erfolgs-Filmemacher begibt sich auf die andere Seite: Im Kinosaal wird er zum normalen Typ, den man so etwas fragen kann. Er denkt darüber nach - er sagt, er mag es, den Geschichten keine Endgültigkeit zu geben. Raum zum Weiterdenken ist ihm wichtig. "Ja, vielleicht ist da eine Liebesgeschichte." Vielleicht.

Manche Kinobesucher erzählen auch einfach, wie ihnen der Film gefallen hat. Andere sind neugierig auf den nächsten. "Ich habe ein paar Ideen, aber noch kein Konzept", sagt Akin. "Kommt Zeit, kommt Teufel!" Bei "Auf der anderen Seite" sei das ähnlich gewesen. Er habe viel recherchiert: In türkischen Gefängnissen war er, hat sich mit deutschem und türkischem Recht auseinander gesetzt. Trotzdem wirft ihm einer der Zuschauer vor, nicht genau genug gewesen zu sein. Was Akin da zeige, über die türkische Linke, sei so nicht ganz richtig. "Ich zeige nur meine Eindrücke. Ich werte nicht", verteidigt sich Akin. Dabei muss er das gar nicht. Der Großteil des Publikums ist ihm wohl gesonnen. Applaus. Akin guckt verlegen an die Decke.

Fatih-Sightseeing? Bloß nicht!

Szenen aus "Gegen die Wand" und "Kurz und Schmerzlos" spielen in Hamburg, die Stadt, in der Fatih Akin lebt. "Ich habe immer gerne in Ottensen gedreht", sagt er. "Aber ich muss ein bisschen aufpassen." Er lacht: "Nicht, dass es hier bald Fatih-Sightseeing gibt." Das Publikum lacht mit. Auch Szenen aus "Auf der anderen Seite" wurden in seiner Heimatstadt gedreht. Aber die meisten hat er wieder herausgeschnitten. "Wir haben den Film nach dem Dreh noch einmal komplett umgeschmissen, weil man ihn erst nach ungefähr einer Stunde verstanden hat", erzählt er. "So wie es jetzt ist, versteht's auch meine Oma."

In diesem kleinen Kino hat er angefangen: Seine ersten Kurzfilme wurden hier gezeigt. Mittlerweile kennt er die Großen der Filmbranche - auch Martin Scorsese, sein Vorbild. In den vorherigen Filmen tauchten bekannte Namen immer bei den Danksagungen im Abspann auf. Diesmal nicht... "Doch", schmunzelt er. "Die sind da. Aber irgendwann ist mir aufgefallen, wie dieses 'Name-Dropping' auf die Leute wirken muss. Deshalb stehen da jetzt nur die Vornamen, oder ganz andere Sachen. Die Zuckerverkäuferin zum Beispiel." Die Dame neben mir setzt sich ein Stückchen auf, in ihrem plüschigen Kinosessel. Erwartungsvoll. Doch er wird nicht verraten, wer sich hinter dem Namen verbirgt.

Eine gute Stunde dauert der Plausch des Publikums mit Fatih Akin. Nicht alle Zuschauer bleiben bis zum Ende - diejenigen, die das gute Wetter nicht vorzeitig aus dem Kino locken konnte, begeben sich nur langsam aus den abgedunkelten Räumen in den gleißend hellen Sonntagnachmittag. Sie scheinen noch ein bisschen Zeit zu brauchen, wieder auf der anderen Seite anzukommen - die Welt hinter der Kinoleinwand, die sich ihnen kurz eröffnet hat, hinter sich zu lassen. Fatih Akin ist dagegen so schnell wieder weg, wie er gekommen ist. Abgetaucht im Alltag von Hamburg-Ottensen. Hoffentlich stört ihn dort keine Sightseeing-Tour - auf der Suche nach dem Teufel.


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