HOME

Stern Logo Medienkolumne

Die Medienkolumne: Frau Piel ruft nach der Aufsicht

Jetzt müssten aber die Landesmedienanstalten das Privatfernsehen aber mal an die Kandare nehmen. Mit diesem Vorschlag tat sich die WDR-Intendantin Monika Piel nach der Wutrede von Marcel Reich-Ranicki hervor. Das ist nicht das einzige, was ihr in letzter Zeit daneben ging. Medienpolitisch hat sie noch nicht Tritt gefasst.

Von Bernd Gäbler

Reich-Ranickis Kritik auf die eigenen Mühlen lenken. In ihrem "Piel Team", wie sich die engere Führung des WDR seit einiger Zeit unbescheiden nennen lässt, galt dies als ein besonders raffinierter Schachzug. "Pauschalurteile" wies Monika Piel, seit April 2007 Intendantin des WDR, zwar zurück, sie könne aber - so bekundete sie in mehreren flugs abgeworfenen Interviews - Marcel Reich-Ranickis Kritik am Niveau des TV-Angebots gleichwohl akzeptieren. Und aus dieser Akzeptanz schmiedete sie sogleich eine Waffe gegen die Konkurrenz. "Ich hoffe sehr", erklärte sie wörtlich, "dass die Landesmedienanstalten als zuständige Aufsichtsbehörden die Kritik Reich-Ranickis aufgreifen und ihrerseits eine Qualitätsdebatte über das kommerzielle Fernsehen in Gang bringen." Sie sagt also nicht einfach, sie wünsche eine Qualitätsdebatte unter Einschluss der privaten Sender. Sie lud auch nicht einfach die im selben Ort ansässige RTL-Chefin Anke Schäferkordt zum öffentlichen Dialog - nein: Sie forderte ein Eingreifen der Landesmedienanstalten.

Ein eigenartiges Verständnis von Pressefreiheit

Dieses Umlenken der Suada Reich-Ranickis auf die eigenen Mühlen und gegen den Hauptkonkurrenten wirkt nicht nur simpel instrumentell, es offenbart auch ein sehr - sagen wir es vorsichtig - eigenwilliges Verständnis von Pressefreiheit. Man muss kein Gegner der Landesmedienanstalten sein, wenn man deren Aufsicht bewusst beschränkt sehen will: auf die Durchsetzung rechtlicher Bestimmungen, etwa beim Jugendschutz oder der gebotenen Trennung von Programm und Werbung und zugleich auf manche Qualifizierungsmaßnahme oder öffentliche Diskustätigkeit hinweist. Das wichtigste bei all dem: Ss gibt kein Programm-Diktat von außen gegenüber den Veranstaltern. Das wäre Zensur! Für das, was die WDR-Intendantin mit dem Ruf nach Aufsicht administrativ durchgesetzt sehen möchte, gibt es in einer freiheitlichen Gesellschaft das Recht, die Kritik und den Diskurs.

Der irritierte Herr Schneider

"Hier muss nichts beginnen, hier findet längst das Notwendige statt", beschied ihr postwendend Prof. Norbert Schneider, Direktor der Landesmedienanstalt in Nordrhein-Westfalen, freundlich im Ton, aber hart in der Sache. Defizite im aufsichtlichten Handeln lägen nicht vor. Solches fordernd aus der Rede Marcel Reich-Ranickis abzuleiten, "geht ins Leere". Schneider wird wohl vor allem deswegen über den seltsamen Appell Monika Piels erstaunt gewesen sein, weil diese noch kurz zuvor, in einer Rede zum 20. Bestehen seiner Medienanstalt, gelobt hatte, gerade in der "Ära Schneider" sei nun alles zusammengekommen: "Das wirtschaftlich Wünschenswerte mit dem gesellschaftlich Notwendigen, die kommerzielle Utopie mit dem sozial Verantwortbaren." Aber was schert die Intendantin schon eine Jubiläums-Rede von gestern?

Frau Piel sagt viel

Sie hatte ja auch schon geäußert, bei einer Häufung von Dopingfällen würde die ARD aus der Olympia-Berichterstattung aussteigen; die ARD solle einen "Info-Montag" einrichten; nach 20.15 Uhr auf Sponsoring verzichten; Oliver Pocher, der aktuell fast jede Parodie gleichzeitig an die ARD und Bild.de verkauft, müsse künftig auf Engagements im Privatfernsehen verzichten - und neuerdings fordert sie energisch: "mehr Kultur in der Prime Time". Ihren Äußerungen zum Programm haftet - noch vorsichtig formuliert - eine gewisse Beliebigkeit an. Außerdem kann man den Eindruck gewinnen, ihr Job sei es, Anstöße zu geben und Ideen zu entwickeln - dabei könnte sie doch mit aller Kraft in ihrem eigenen Hause jene Qualität verwirklichen, die sie bei anderen so sehr ersehnt.

Vor der eigenen Haustür kehren

Zwei lobenswerte Formate gibt es tatsächlich seit einiger Zeit im WDR: "echtzeit", ein Reportage-Magazin von und für jüngere Leute und "Sport inside“, mit Berichten jenseits der Ereignisse und Events. Ansonsten schreitet im Fernsehen die Regionalisierung voran und feiert heiteres Biedermeier. Der Kontakt zur Jugend, zu regionalen Szenen, zu Musikwettbewerben ist dahin. Außer einer simplen Adaption von "Eins live"- Formaten und -Moderatoren ins Programm, die regelmäßig scheitert, gibt es keine erkennbare Strategie zur Verjüngung. Der größte Teil der landespolitischen Berichterstattung besteht aus Service. Kompakt wurden Sendungen ausprobiert, die den Help- und Service-Formaten der Privaten zum Thema Schulden, Styling, Paartherapie oder Unternehmensgründung "nachempfunden" waren. Der Spezialist dafür ist inzwischen nicht mehr im Sender; Reste sind noch im Programm.

"Dellings Woche" dümpelt vor sich hin; Witzbolde wie "Dr. Ludger Stratmann" und der von RTL abgelegte und vom WDR dankbar aufgetragene Bernd Stelter sind programm-prägende WDR-Stars. Im WDR-Fernsehen jedenfalls sind die Qualitäts-Ideen der ehemaligen Hörfunkdirektorin noch nicht angekommen. Wir freuen uns aber schon auf die Kultur zur Prime-Time.

Doppelte Moral im Verhältnis zur privaten Konkurrenz

Verwundert über die Intendantin des WDR zeigte sich jüngst auch der Chef der RTL-Group, Gerhard Zeiler: In der Ära Plog und Pleitgen sei es nicht üblich gewesen, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen. Dass Frau Piel diesen Konsens nicht mehr trägt, könnte sogar erfrischend sein, würde sie gegenüber der privaten Konkurrenz nicht eine Doppelmoral an den Tag legen. Sie besteht nämlich einerseits auf scharfe Abgrenzung, lässt dann aber andererseits im Kleingedruckten liebend gerne alle Verwischungen zu.

Was sagt sie eigentlich dazu, dass die ARD ab heute an ihrem "Info-Montag" zur Prime-Time eine von RTL produzierte Serie ("Die Anwälte") ausstrahlt? Seit Geert Müller-Gerbes und Mareike Amado ist der WDR bekannt dafür, ausrangierte RTL-Stars dankbar zu recyclen. Wer gestern noch bei RTL in Dieter Bohlens Jury saß, moderiert heute im WDR die "Aktuelle Stunde" (Thomas Bug). Wer johlend "Big Brother" moderiert, darf gleichzeitig auf der WDR-Jugendwelle durchs Programm führen (Miriam Pielhau). Um nicht missverstanden zu werden: Das muss ja nicht verboten sein - dann aber bitte auch keine Heuchelei!

Medienpolitisches Profil?

Im WDR fördert Frau Piel die Digitalisierung und sagt ein kräftiges "Ja" zur Integrationspolitik. Ihre mangelnde Fernseherfahrung hat die ehemalige Hörfunkdirektorin bisher kaum ausgleichen können. Die anfangs irrlichternde Moderation des "ARD-Presseclubs" hat sie zum Glück und zu ihrem eigenen Vorteil wieder aufgegeben. Auf dem weiten Feld der Medienpolitik ist sie ansonsten - auch wenn man sie nicht gleich an dem großen Vorgänger Fritz Pleitgen misst - nicht weiter aufgefallen. Nur ein Beitrag war ungewöhnlich. Als die Kontroverse zwischen Verlegern und öffentlich-rechtlichem Rundfunk über dessen Internet-Präsenz hohe Wellen schlug, durchbrach sie die Fronten. Mit der WAZ-Gruppe vereinbarte sie einen Deal. Der Verlag darf eingekaufte WDR-Filmchen ins Internet stellen. Werbefrei sollen sie bleiben - was stimmt, weil in die fertigen Beiträge nicht einfach Reklame hereingeschnitten wird, aber auch nicht stimmt, denn natürlich stehen die WDR-Filmchen auf DerWesten.de im üblichen Werbeumfeld. Weil das ganze Projekt bisher aber keinerlei Erfolg hat, ist es irgendwie auch nicht mehr wichtig. Damals aber kam dem Deal großer symbolischer Wert zu. Denn verkündet wurde die Abmachung dort, wo "staatsferner" Sender und "unabhängige" Presse eigentlich selten Verträge schließen: in der Staatskanzlei. Der WDR ist eben ein richtiger Landessender.

  • Bernd Gäbler