Medienkolumne

Medienkolumne Die Defizite beim TV-Wahlkampf


Die Parteien werben um Wähler wie Markenartikler um Konsumenten - politische Fernsehjournalisten setzten dem nichts entgegen. So geht es nicht weiter, findet Bernd Gäbler. Er fordert mehr Tiefenbohrung sowie frische Gesichter auf dem Bildschirm.

Kanzlerin und Kandidat mussten sch im Fernsehen kein einziges Mal direkt mit der Opposition auseinandersetzen. Das war nicht die einzige Schwäche des TV-Journalismus zur Bundestagswahl 2009. Es wurde eher zu viel als zu wenig berichtet - vor allem aber: Es gab zu viel vom Immergleichen mit dem immer gleichen Personal. Maximal vier bis sieben ihrer Spitzenleute schickten die so genannten Volksparteien ins televisionäre Rennen. Bis zum Überdruss diskutierten dann Bosbach und Niebel, Gabriel und von der Leyen, Künast und Lafontaine auf stets ähnlichem Niveau über Wachstum und Gerechtigkeit, Schulden und Steuer.

Manchmal kam die erste Garde: Wenn Westerwelle, Gysi und Trittin dabei waren, wurde es lebhafter; wenn Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier zum fälschlich als "Duell" titulierten 2-plus-4-Gespräch schritten, wurde es gravitätisch. Zusätzlich gab es Porträts des Spitzenpersonals, Alltagstests aller Art, Bürgersprechstunden, die neuerdings "Townhall" heißen, und die öffentlich-rechtlichen Talkshows nudelten am liebsten Gesundheit, Rente und Hartz IV als Fachthemen mit ein paar "Betroffenen" wie "Experten" zusätzlich zu den Politikern durch.

Im Wahlkampf werben die Parteien um uns wie Markenartikler um Konsumenten. Es ist üblich geworden, dass sie nicht offen mit uns diskutieren, wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen, und welche schwierigen Entscheidungen dazu in nächster Zeit nötig sind. So darf es nicht weitergehen. Die Berichterstattung - gerade im Massenmedium Fernsehen - soll die Politik begleiten und darstellen, sie muss ihr aber auch fordernd und kontrollierend entgegentreten.

Das "TV-Duell" als Symptom

Symptomatisch für die Probleme war das "TV-Duell". Zeitweilig sah es fast so aus, als ginge es um eine Selbstbehauptung der Großkoalitionäre gegen die Überzahl der Moderatoren. Sie waren energisch, intervenierend, frech und respektlos. Aber waren sie auch gründlich? Alle großen Zukunftsfragen - von Antworten auf den Klimawandel bis zu Bildungsinvestitionen - blieben ausgespart, ebenso wie tagesaktuelle Fragen zur Staatsverschuldung, zum auslaufenden Kurzarbeitergeld, zur womöglich bald wieder drastisch steigenden Arbeitslosigkeit. Statt in der Sache nachzuhaken und auf substantielle Antworten zu dringen, gab es flapsige Statements ("Sie wirken wie ein älteres Ehepaar"). Hier ist nicht nur ein Format an seine Grenze gestoßen, sondern auch eine Rollenauffassung vom politischen Moderator als stets witzelndem Volkstribun. Diese müssen sich energisch auf ihr Verständnis von Journalismus befragen lassen.

Ganz ohne Intellektuelles geht es nicht

Nach Werner Höfer und Joachim Fest, Peter Merseburger und Friedrich Nowottny gibt es scheinbar keine zeitgemäßen TV-Intellektuellen - Plasberg, Will und Illner sind andere Typen. Weil dies als elitär gilt, hat sich das TV weitgehend von den über den Tag hinaus weisenden Debatten abgekoppelt. Es gibt eine Sphäre akademisch-journalistischen Nachdenkens über unsere Gesellschaft, die inzwischen völlig außerhalb der Reichweite des Fernsehen liegt. Dem tut das auf Dauer nicht gut.

Neue Diskutanten entdecken

Eine populäre These lautet: Der Wahlkampf und das Fernsehen bilden nur ab, was und wie das Volk ist. Nach der großen Krise gebe es ein Innehalten, eine Sehnsucht nach vernünftigen kleinen Schritten, nicht nach großen Entwürfen. Schwächen lägen auch an der politischen Situation; die großen Partien sein noch nicht eingestellt auf eine stabile Fünf-Parteien-Konstellation und erst recht nicht auf nachhaltige Zukunftsfragen. Mag sein. Dennoch kann dies keine Ausrede sein, es nicht anders zu versuchen.

Andere Medien probieren es ja auch: zu den Impressionen Kurt Kisters ("Süddeutsche Zeitung"); den Beobachtungen von Günther Bannas ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), den Dossiers des "Spiegel" oder auch den energischen Zwischenrufen von Hans-Ulrich Jörges vom stern gibt es kaum Pendants im TV. Dies ist nie einfach, aber es wäre schon ein Gewinn, würden Talkshows ab und an neue Diskutanten entdecken und tagespolitische Themen nicht mit den immer gleichen Bildern illustriert.

Filmemacher über die Politik

Das ZDF hat ein solides Portrait von Frank-Walter Steinmeier gesendet, die ARD hat ein Merkel-Portrait ausgestrahlt, das in Bild und Text deutlich besser war als das des ZDF. So einen Film kann ein Korrespondent eben nicht nebenbei machen. Das Fernsehen ist bilderstark, aber die führenden Politiker kontrollieren diese immer durchgreifender. Dagegen hilft nur der besondere Blick. Noch immer scheint aber Autorenfilmern der Ruf anzuhängen, sie seien esoterische Selbstverwirklicher. Warum nur bekommen Thomas Giefer, Klaus Stern, Thomas Schadt und die vielen anderen Könner so selten direkt politische Themen? Deren Filme über Opel, die HSH Nordbank, die Zukunft der Atomkraft, Mehr-Generationen-Projekte, private Schulen, ökologisches Produzieren, die Basis der Linkspartei in Westdeutschland oder auch mittelständische Handwerker (um nur ein paar Themen zu nennen) würde vermutlich keine Quotensprünge auslösen, aber zu einer dem Medium gemäßen Wahrnehmung von Politik und Gesellschaft beitragen.

Natürlich muss heute alles schnell gehen, sollen Informationssendungen so schnell sein wie nie zuvor. Das ist richtig. Das verlangen wir Zuschauer. Aber dies darf nicht das Medium insgesamt prägen. Es muss Formen geben, die sich gegen diesen Zeitdruck bewusst sperren, auf filmische Sorgfalt setzen und insbesondere Resultat tiefer Recherche sind. Mit einem Wort: auch zu aktuellen oder semi-aktuellen Themen braucht das Fernsehen

bessere Dokumentationen

. Es gab so einen Versuch zu Opel. Vielleicht war er noch nicht kritisch genug - der Furcht vor einem Desaster kann noch gründlicher nachgegangen werden. Von Magna, der russischen Bank und Einzelheiten der Verträge wüssten wir gerne mehr. Und würden wir nicht gerne viel genauer in die Betriebe gucken? Besser Bescheid wissen über Kurzarbeit, Transfergesellschaften, Frühverrentung und den Niedriglohnsektor? Und erst recht über andere Sektoren der Gesellschaft: von der Schule bis zur High-Tech-Medizin. Dies kann sogar in Form einer kritischen Überprüfung von Parteiprogrammen geschehen. Dazu müssten sich Medien aber nicht allein als Vermittler verstehen, sondern auch wieder als "fünfte Gewalt" im Staate selbst anerkennen.


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