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Medienkolumne: Steht die "Sportschau" vor dem Aus?

Die DFL hat die Medienrechte für die Fußball-Bundesliga ausgeschrieben. Viele glauben an eine Bieterschlacht zwischen Sky und Telekom. Die "Sportschau" muss auf Schützenhilfe hoffen.

Von Bernd Gäbler

Das Rennen ist eröffnet: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat die Medienrechte für die Fußball-Bundesligen ausgeschrieben. Das Verfahren ist komplex und eng mit dem Kartellamt abgestimmt. Zunächst einmal gibt es 19 plus 6 verschiedene Rechtepakete, die in der Regel nach den jeweiligen Übertragungstechniken (Kabel, Terrestrik, Pay-TV, frei empfangbares Fernsehen, Internet-TV) und Berichtsarten (Live, Highlight-Zusammenfassung, Erst-, Zweit- oder Drittverwertung) differenziert sind. 412 Millionen Euro im Jahr erlöst die Liga bislang. Eine signifikante Erhöhung der Erlöse ist zu erwarten, auch wenn Zahlen wie die 800 Millionen. Euro, die Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge schon einmal ins Spiel brachte, als völlig utopisch gelten. Um das größte Filetstück, die Live-Übertragung aller Spiele der ersten und zweiten Bundesliga, werden der Bezahlsender Sky und die Telekom mit dem IP-TV-Angebot "Liga total" kämpfen. Sky ist mit bisher 225 Millionen Euro im Jahr der größte Geldgeber für die Liga. Sie fährt damit ganz gut. Die Liga entwickelt sich kontinuierlich weiter und ist wirtschaftlich ziemlich gesund. Jetzt muss Sky sicher noch etwas mehr bezahlen.

Internet statt "Sportschau"?

Völlig neu an der Ausschreibung ist eine Variante der Rechtekombination, durch die die traditionsreiche ARD-"Sportschau" zum bisherigen Zeitpunkt entfallen würde. Die erste Highlight-Zusammenfassung ginge dann ab 19 Uhr an das Internetfernsehen. Im Jahr 2016 sollen angeblich bereits 50 Prozent der Haushalte Fernsehen über das Internet empfangen. Außerdem haben bereits zum letzten Weihnachtsfest 16 Prozent der Bundesbürger Smartphones und 13 Prozent Tabletcomputer verschenken oder anschaffen wollen. Der ansonsten stets besonnen auftretende DFL-Geschäftsführer Christian Seifert wies sogar daraufhin, dass die Nachfrage nach Spielzusammenfassungen im Internet "schon jetzt erheblich höher als die Quote der 'Sportschau'" sei. Das kleine Foul versuchte er mit dem Hinweis, dass die ARD-"Sportschau" natürlich "ein hervorragendes Produkt" sei, wieder wettzumachen. Dennoch steigt der Druck auf die "Sportschau". Viele Beobachter sehen sie schon im Abseits stehen, glauben den traditionellen Fußballfans drohe nun ein "Kulturschock".

Warum spricht trotz des höheren Wettbewerbsdrucks dennoch vieles für die Sportschau - keineswegs nur Tradition oder Sympathie, sondern auch das nüchterne Kalkül der Liga?

Das traditionelle Fernsehen lebt

Alles bisherige Wissen über die Mediennutzung besagt, dass die neuen Medien sich keinesfalls auf Kosten der traditionellen ausbreiten. Noch nie war der Fernsehkonsum so hoch wie gerade jetzt, wo alle Welt auf Smartphones starrt oder mit i-Pads unterm Arm herumläuft. Wer hier zuerst mitbekommt, wer gerade das Dschungelcamp verlassen muss oder beim Singen für Baku noch im Rennen ist, sieht dies nicht als Ersatz für das Fernsehen. In der Regel ist dieser Medienkonsum eine Hinführung, eine Ergänzung, oft eine Verdopplung zum medialen Hauptereignis. Darum ist auch der Hinweis des DFL-Geschäftsführers auf die Summe der Internet-Nachfrager irreführend: die Summe der Vorgärten macht noch keine Parkanlage. Große, erst recht gemeinschaftsstiftende Erlebnisse finden noch auf absehbare Zeit im traditionellen Fernsehen statt.

Solide Finanzen

Das Argument für die ARD-"Sportschau" hat mit dem Journalismus nichts zu tun. So sentimental urteilt auch die Liga nicht. Längst ist die "Sportschau" so wie andere Übertragungen auch sind: Eine große Fußball-Show mit viel Werbung, Gewinnspielen, den üblich gewordenen Marktschreiereien und unrealistischen Übertreibungen. Aber die ARD-"Sportschau" kann der Liga einiges bieten. Zunächst ist da eine durch das Gebührensystem garantierte sichere und solide Finanzierung. In der Vergangenheit musste die Liga schon zweimal etwas zittern: bei der Kirch-Pleite und dem schiefgegangenen Versuch, den Sender "Arena" zu etablieren. Die ARD-"Sportschau" ist ein gutes Pendant zur ökonomischen Solidität der Liga. Zwölf der achtzehn Klubs machen Gewinne, der Umsatz kletterte auf die Rekordsumme von 2,23 Milliarden Euro. Hier treiben keine Mondgehälter die Vereine in den Ruin. Hier können sich vom Hardcore-Ultra bis zur Familie noch alle Fans einen Stadionbesuch leisten. Hier ist das Pay-TV noch nicht so exklusiv, dass es alle anderen Seher auf die späten Abendstunden vertreibt - und auch die Spieltage sollen nicht weiter zersplittert werden als es jetzt schon der Fall ist.

Fernsehen für alle

Auch die Zuschauerzahl der "Sportschau", die zum Saisonende mal auf über sieben Millionen schnellt, ansonsten aber solide bei etwa 5,5 Millionen Zuschauer liegt, kann sich sehen lassen. Fast wichtiger als die absolute Zahl aber ist die Zusammensetzung. Die ARD-"Sportschau" ist kein Zielgruppenfernsehen. Es ist eine der wenigen Sendungen, die alte und junge Zuschauer vereint. Das würde eine "Internet-Sportschau" vermutlich nicht in gleichem Ausmaß leisten können. Zwar nimmt die Internet-Nutzung bei den über 60-Jährigen prozentual am stärksten zu, aber da ist die Ausgangsbasis eben auch besonders niedrig. Auch Eishockey ist ein interessanter Fernsehsport, auch die Eis-Stadien sind voll - und dennoch hat hier das "Einsperren" der Liga ins Pay-TV die gesellschaftliche Akzeptanz der Vereine und der Nationalmannschaft negativ beeinflusst. Der Fußball aber kann es sich nicht leisten, sich von bestimmten Fanschichten, zum Beispiel den älteren männlichen Fans, zu separieren.

Sponsoren lieben die ARD-"Sportschau"

Ausschlaggebend dafür aber, dass die ARD-"Sportschau" im jetzt beginnenden Bieterwettbewerb noch keineswegs abgeschlagen ist, dürfte ein wichtiges wirtschaftliches Argument sein. Die Unternehmensberatung "Deloitte" zeigt: Keine andere europäische Liga schafft es, so viel Sponsorengeld zu akquierieren wie es die deutschen Vereine hinbekommen. Warum aber bezahlen hierzulande "Evonik" oder Rewe, Tui oder Gazprom so viele Millionen? Weil die Firmen sich viel vom Imagetransfer versprechen? Sicher auch. Vor allem aber rechnen sie die Zeit der TV-Präsenz ihrer Marke auf Trikots und Banden kühl um in potentielle Kosten für TV-Spots. Das wäre viel teurer. Die "Sportschau" mit ihrer ausgeglichenen Berichterstattung und stablier Quote bietet den Vereinen und ihren Sponsoren eine nahezu einmalige Verbreitungs- und Aufmerksamkeits-Garantie. Da kann so schnell kein anderes Medium und kein anderer Verbreitungsweg der Bilder mithalten.

Die ARD soll mehr als 100 Millionen Euro zahlen


Wenn jetzt also schon allenthalben vom möglichen "Aus" der Sportschau die Rede ist, dann geht es zunächst vor allem darum, das Gebot in die Höhe zu treiben. Zur Zeit zahlen ARD und ZDF für die Zweit- und Drittverwertung noch etwa 100 Millionen Euro im Jahr. Das ZDF hat mit dem Kauf der Champions-League-Rechte schon eine Großinvestition vorgenommen. Die ARD ist auf sich gestellt. Zu dem Rechtekosten addieren sich noch die Ausgaben für die Produktion der Sendung. Allein durch Werbung zu refinanzieren ist die "Sportschau" nicht. Die ARD wird am Ende vermutlich alleine so viel zahlen müssen wir jetzt gemeinsam mit dem ZDF. Aber: Bei nüchternem Kalkül der eigenen gesellschaftlichen Akzeptanz und des Wohl der Sponsoren weiß die DFL, was sie an der ARD und der "Sportschau" hat. Für eine fundamentale Medienrevolution ist das Jahr 2017 immer noch früh genug.