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Zur 1000. Sendung von "Wer wird Millionär" Ein Spiel als Spiegel des Volkes


Am Abend läuft die 1000. Folge von "Wer wird Millionär?" mit Günther Jauch. Die Sendung ist so erfolgreich, weil sie alles hat, was gutes Fernsehen ausmacht.
Eine Würdigung von Bernd Gäbler

Who wants To Be A Millionaire?" ist ein globales Erfolgsformat. Analphabetische Bauern in Südamerika raten ebenso gebannt mit wie japanische Elite-Studenten. Es gibt brüllende und schmierige, besonders schnelle und sehr gesetzte Quiz-Master. Aber eins gibt es in jedem Land, in dem das Format ausgestrahlt wird: ein dickes Handbuch mit strikten Anweisungen, die unbedingt befolgt werden müssen. Jede Abweichung, wie etwa die Spezial-Kamera für die Angehörigen des Kandidaten, die in Japan sehr beliebt ist, muss vom Lizenzgeber genehmigt werden.

Warum ist das so? Nicht nur, weil David Briggs, der Erfinder dieser im Prinzip sehr einfachen Quiz-Show, sehr viel Geld verdienen will, sondern auch, weil er um die Bedeutung der Effekte und des Layouts für die Wirkung der Sendung weiß. Er hat einmal Pilot-Sendungen ohne dieses fertige Layout vorgeführt: mal ohne die Musikeffekte, mal ohne die konzentrierten Scheinwerferbündel. Dieses rohe "Wer wird Millionär?" sah furchtbar aus - unglaublich antiquiert, wie Fernsehen aus den frühen 50er Jahren. Die Lichteffekte und die Musikakzente gehören so sehr zu dem Quiz, dass wir sie inzwischen für selbstverständlich nehmen. Tatsächlich aber ist diese Formgebung hochgradig artifiziell, ja normsetzend. Inzwischen arbeiten fast alle großen Shows mit ähnlichem Licht und ähnlichem Ton. Diese Form aber ist nicht aufdringlich. Sie unterstreicht nur, was geschieht, lenkt unsere Konzentration, aber lenkt nicht ab.

Der Nachbar auf dem Ratestuhl

Im Kern nämlich geht es in diesem Quiz um ganz normale Interaktion. Da steigt die Spannung, da weiß einer nicht weiter, da weiß ein anderer überraschend viel. Einer kann sich nicht konzentrieren oder scheitert schon an einem naheliegenden Wortspiel. Aber immer könnte der, der da auf dem Ratestuhl sitzt, auch unser Nachbar sein. Da spielen keine Laienschauspieler Unterschicht, keine besonders schrägen Flitzpiepen drängen ins Rampenlicht oder lassen sich in konstruierten Szenarien demütigen. Hier versammelt sich die Mitte der Gesellschaft spielerisch um das ihr eigene Leistungsethos, ohne dass es zum quälenden Purgatorium wird.

Und der da fragt, weiß auch sehr viel. Er kann ein wenig helfen, ein wenig in die Irre führen - aber garantiert ist er nie Sadist. Er kann mit der älteren Kandidatin kenntnisreich über die ersehnte Einbauküche plaudern, mit dem jungen Familienvater über die besten Materialien für den Hausbau und der jungen Studentin beim "Ausschlussverfahren" in Sachen Logik nachhelfen oder das "Ableiten" aus dem Lateinischen empfehlen. Immer macht er das freundlich, nett, eher zurückhaltend als aufdringlich, zur Not etwas linkisch - dann lässt er der "Mutti" zu Hause auch schon mal ein Küsschen zufliegen. Das und das rasche Erfassen seines Gegenübers ist die Kunst von Günther Jauch. Deswegen haben ihn viele so gerne in Ihrem Wohnzimmer zu Gast. Auch deswegen hat er 1000 Folgen geschafft.

Ein Quizmaster, der plaudert

Als Egoman oder Showtyp, als Besserwisser oder kantiger Polarisierer ginge das nicht. Jauch ist mainstream, aber er gestaltet ihn auch. Und immer ist da eine Grundsympathie für den Mitmenschen. Wir Zuschauer messen uns an den Kandidaten, wünschen ihnen aber Gutes. Das ist keine Schadenfreude-Sendung, keine Fremdschäm-Show und auf keinen Fall eine Klausur kalten Könnens. Wir Zuschauer können uns spiegeln und erkennen in diesem bunten Panorama, das uns da aus der Gattung "homo sapiens" entgegentritt. Dafür ist es wichtig, dass die Fragen breit gestreut sind. Mit Idiotenfragen ginge das nicht. Keiner kann allein mit Glück Millionär werden. Viele Fragen sind so klug ausgewählt, dass man denkt, eigentlich sollte man die Antwort wissen. Das führt beim Zuschauen zum Selbstgespräch und in der Sendung zum Geplauder.

Wo aber wird geplaudert? Es ist eine Arena! Eigentlich finden hier Gladiatorenkämpfe statt. Sonst werden nur Stars ähnlich ins Scheinwerferlicht gerückt wie diese ganz normalen Quiz-Kandidaten. Und die Musikakzente erinnern uns vielleicht an Hitchcock-Filme.

In einem Gefäß, das große Kunst ist, wird uns ein scheinbar gewöhnlicher Inhalt dargeboten, eine menschliche Interaktion, wie sie ganz ähnlich auch bei uns im Treppenhaus stattfinden könnte. Dieser vorhandene, aber nie spürbare Gegensatz von Form und Inhalt macht den geheimen Reiz der Sendung "Wer wird Millionär?" mit Günther Jauch aus. Das ist die Basis für Kontinuität.


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