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Nora Tschirner: Grosse Klappe, viel dahinter

Bei MTV moderiert sie herzerfrischend frech, als Schauspielerin zählt sie zu den größten Begabungen des Landes. Jetzt spielt Nora Tschirner im Kino erst einmal Fußball gegen bekloppte Männer.

Von Stephan Bartels

Klar wird Nora Tschirner oft auf der Straße angesprochen. Meistens, wenn sie mit ihrem Auto bei Rot an einer Ampel steht. Dann treten Tuning- und Motorsportfans an ihren Golf R32 und fragen sehr höflich: "Können Sie mal kurz aufs Gas treten? Ich möchte gern hören, wie der klingt." Sicher, kann sie. Also senkt sie den Fuß auf das rechte Pedal ihres "Prollautos" (Tschirner), lässt die 250 PS mit Doppelauspuff aufjaulen und macht damit ein paar Männern eine Freude. "Viele von denen haben dann diesen Perlen-vor-die-Säue-Blick, ich mag den sehr."

Kontakt mit fremden Welten

Warum? Weil sie fast alles mag, was sie in Kontakt bringt mit fremden Welten. Fremd heißt für sie: Alles, was anders ist als die Welt der elektronischen Medien. Bloß passiert das nicht so richtig oft. Denn Nora Tschirner, 24, ein Mädchen aus Ost-Berlin, ist seit mehr als zehn Jahren fest verwurzelt in Film, Funk und Fernsehen. Mit 13 hat sie ihre erste TV-Rolle gespielt und arbeitet seitdem kontinuierlich als Schauspielerin und Radiomoderatorin. Seit fünf Jahren ist sie außerdem eines der Aushängeschilder des Senders MTV. Sie präsentiert dort Video-clip-Shows, die "MTV-News" und tritt in der äußerst unterhaltsamen Serie "Ulmens Auftrag" auf. Da fallen sie und ihr geschätzter Kollege Christian Ulmen Leuten kräftig auf den Wecker, bei denen sie eigentlich kräftig mit anpacken sollen: im Speisesaal einer Jugendherberge, beim Schornsteinfegen oder bei Umzügen. Tschirner stapft meist stumm neben Ulmen her und lässt sich von ihm mit bemerkenswerter Gelassenheit veralbern, Improvisationsschauspiel vom Feinsten. Und für Tschirner eine originelle Möglichkeit, noch etwas über fremde Welten, "das normale Leben", zu lernen.

Kicken gegen die Jungs

Im vorigen Jahr hat Tschirner wieder was gelernt: das Kicken. Sechs Wochen war sie im Jugendzentrum des Hamburger SV, um die Grundlagen des gepflegten Fußballspiels zu begreifen. Denn in ihrem neuen Film "FC Venus", der am 27. April startet, spielt Tschirner Anna, die Freundin von Paul, der seine Wochenenden auf dem Fußballplatz des Kreisklassenklubs FC Imma 95 verbringt. Das ärgert nicht nur Anna, sondern auch die anderen Spielerfrauen. Die Stimmung ist explosiv in der Provinz - und soll durch das ultimative Endspiel entspannt werden: Männer gegen Frauen. Gewinnen die Herren, ist Schluss mit dem Genörgel. Gewinnen die Frauen, ist Schluss mit Fußball.

Keine Lust, das ewige Girlie zu sein

Ein Film über "ein paar Jungs, die ihr Hobby zu sehr lieben", sei es geworden, sagt Tschirner. Vor allem aber zeigt er, warum dieses dünne, hübsche Mädchen aus Pankow auf einem guten Weg ist, das nächste große Ding unter Deutschlands Schauspielerinnen zu werden: Sie strahlt Tiefe und Weisheit aus, lebt ihre Film-Beziehung mit einer Art resignierter Würde, wenn sie bloß da- steht, einen Mundwinkel nach oben zieht und seufzt. Das ist authentisch und anrührend und wunderbar anzuschauen. Über die Wandlungsfähigkeit der Berlinerin allerdings sagt es nicht allzu viel. Denn in dieser Rolle kennt man sie schon. In "Soloalbum", ihrem Hauptrollendebüt 2003, spielte sie eine vergleichbare Figur. Auch die Titzi, Protagonistin der großartigen "Kebab Connection" aus dem vergangenen Jahr, trägt ähnliche Züge wie die Anna vom FC Venus. Und das, sagt Tschirner, "reicht mir nicht auf Dauer. Ich möchte auch mal eine Frau spielen, die so überhaupt nicht im Recht ist und total ätzend ist und nervt".

Verfechterin des freien Gedankens

Könnte schwierig werden. Denn das ist das Bestechende an Nora Tschirner: Man hat immer das Gefühl, dass sie einfach Recht hat. Nicht nur in ihren Rollen. In Interviews zeigt sie, dass sie differenziert, reflektiert und trotzdem lustig sein kann. Und beim MTVGucken ist man fasziniert von ihrer schnodderig-schlauen Ehrlichkeit. Überhaupt, MTV: Da kann sie machen und sagen, was sie will. Über Popstars lästern (bevorzugt Britney Spears), gegen Konsum stänkern, Formate einfach aufbrechen und in ihrem leichten Berliner Singsang neue Wörter erfinden. Einfachkeitshalber. Ideenhabung. Sie ist weniger zappelig als Sarah Kuttner und weniger abgedreht als Charlotte Roche, die anderen großen Damen des Musikfernsehens. Und eine Verfechterin des freien Gedankens. Daher habe sie gegen Konzepte "eine körperliche Aversion", sagt sie. Wurde mal versucht bei "Ulmens Auftrag". Dumme Idee, wie sie findet, bei zwei kongenialen Partnern, die "nur arbeiten können, wenn alles offen ist. Da darf keiner sagen: Witzig wäre doch jetzt, wenn..."

Nervensäge schützt sie vor Diven-Allüren

Ulmen spielt auch den Paul in "FC Venus". Die beiden sind ein großartiges Paar: Hier die grelle Nervensäge Ulmen, der sich als ernst zu nehmender Schauspieler längst etabliert hat. Dort die lässig-lustige Schönheit Tschirner, die immer noch denkt, dass am ersten Drehtag alle merken, dass sie nichts kann. Und die dabei gar nicht weit weg ist vom Niveau ihres Kollegen. "Christian ist wie ein ätzender älterer Bruder", sagt Tschirner, "er sorgt immer dafür, dass ich keine Anwandlungen bekomme, zur Diva zu werden."

Eltern sind ihre große Stütze

Die anderen Vertrauenspersonen: ihre Eltern. "Das sind die Stützen in meinem Leben. Klingt vielleicht krank für eine 24-Jährige, ist aber toll." Ihr Vater war DDR-Prominenz, ein bekannter Dokumentarfilmer, ihre Mutter ist Radioredakteurin, Bereich Kultur. Von beiden habe sie gelernt, "die Augen offen zu halten und das Bewusstsein für soziale Fragen zu erhalten", sagt Tschirner. "Reicht ja, wenn man es im Kleinen tut. Wenn man für die fünf wichtigen Menschen um einen herum kein Arschloch wird, ist schon mal viel gewonnen."

Freund muss Ego-Tripp verkraften

Tschirner hat einen Freund, heißt es, geredet wird nicht viel darüber, schon gar nicht von ihr. Hauptsache, er macht ihr Leben bunter. Und lässt ihr Freiraum. "Wenn ich mich mal drei Wochen nicht melde, soll er das nicht persönlich nehmen", sagt sie. Murmelt was von "ausleben", Hochzeit und Gören, das kommt schon noch. "Ich weiß eben, dass der Ego-Trip vorbei ist, wenn ich mal Kinder habe." Und deshalb wolle sie vorher so viel Halligalli wie möglich machen "und meinen Tag eigenmächtig kreativ gestalten, ohne dass mir jemand böse ist".

Nora in Silbereisens Parallelwelt

Eine ihrer Freundinnen tanzt im MDR-Fernsehballett, die hat sie neulich in irgendein Fest der Volksmusik mit Florian Silbereisen geschleust. "Da ist mir erst aufgegangen, was der Begriff Parallelwelt wirklich bedeutet", sagt sie und hat schon wieder was gelernt. Silbereisen ist nicht ganz acht Wochen jünger als Nora Tschirner, aber ihre Leben spielen sich in verschiedenen Galaxien ab. Das fasziniert sie, ganz wertfrei. "Ich habe mich gleich mal mit ihm fotografieren lassen", sagt Tschirner, "das Bild kann ich dann meinen Kindern zeigen und sagen: Guckt mal, das ist der Flo, der lebt jetzt in New York, und ich hocke immer noch in Friedrichshain, und der Flo ist deswegen so reich, weil er Volksmusik macht."

Neidisch wäre sie dann nicht. "Ich halte es da mit meiner Oma", sagt Nora Tschirner, "die sagt immer: Mensch bleiben."

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