HOME

Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

Diablo Cody im Interview: Sie strippte, sah und siegte

Bei den diesjährigen Oscars hat der Überraschungshit "Juno" den Award für das Beste Original-Drehbuch gewonnen. Verfasst wurde die Geschichte über eine schwangere 16-Jährige von der Amerikanerin Diablo Cody. Im stern.de-Interview spricht sie über ihren Ex-Job als Stripperin und Internetblogs als Inspirationsquelle.

Diablo Cody ist 29 Jahre alt und frisch gebackene Oscar-Preisträgerin - aus ihrer Feder stammt die spritzige Komödie "Juno" - ein hinreißender Film über das Erwachsenwerden. 2004 hat die Autorin ein biografisches Buch über ihre frühere Arbeit als Stripperin geschrieben, vier Jahre später zählt sie zu Hollywoods großen Stars, denen die Gelegenheiten nur so zu Füßen liegen. Gemeinsam mit Steven Spielberg entwickelt sie gerade die Fernsehserie "The United States of Tara", in der Toni Collette die Hauptrolle spielen wird.

Die Academy hat Ihren Film "Juno" mit dem Oscar für das Beste Drehbuch ausgezeichnet. Gratulation! Sind Sie eigentlich die erste Ex-Stripperin, der diese Ehre zuteil wird?

Ich denke nicht, vermutlich haben viele andere es nur nicht zugegeben. Der Oscar wird schon seit so vielen Jahren vergeben, da gab es doch sicher mal den einen oder anderen aus dem Business... John Crawford zum Beispiel, der hat Pornos gemacht - das ist doch schlimmer als strippen, oder nicht?

Wie war Ihre Reaktion, als Sie hörten, dass Ihr Drehbuch für den Oscar nominiert ist?

Oh, das war ein toller Tag! Ich war mit einem Freund in New York und wir sind extra früh aufgestanden, um die Nominierungen zu sehen. Ich habe es zunächst gar nicht mitbekommen, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass "Juno" für das Beste Drehbuch nominiert werden könnte. Mein Freund musste mir das später erzählen. Und dann fing ich an, vor Freude zu kreischen, ich hab mich so über diese Ehre gefreut und bin noch immer völlig überwältigt. Schon die Nominierung ist so eine riesengroße Anerkennung - und als dann bei der Verleihung "Juno" in dem Umschlag steckte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Man wird meinem Namen bis in alle Ewigkeit den Titel "Oscar-Preisträgerin" hinzufügen. Das ist einfach cool!

Wie wird dieser Oscar Ihr Leben verändern?

Ich denke, das wird er gar nicht. Wenn überhaupt, dann ändert er ein wenig die Flugkurve meiner Karriere. Aber ich denke nicht, dass mich diese Auszeichnung stark beeinflusst, weder positiv noch negativ. Ich fühle noch nicht mal den Druck, das wiederholen zu müssen. Das kann ich auch nicht.

Warum nicht? Ich habe gehört, Sie arbeiten schon mit Steven Spielberg.

Ja, aber das ist fürs Fernsehen. Man kriegt keinen Oscar fürs Fernsehen (lacht). Und was "Juno" angeht - ich denke, es war einfach ein glücklicher Zufall, dass ich etwas geschrieben habe, das die Academy Oscar-würdig nennt. Das fühlt sich komisch an.

Wo haben Sie gelernt, wie man einen so geistreichen, lustigen Film schreibt?

Ich weiß nicht, das Lustige daran ist, dass es eigentlich eine pure Schreibübung war. Ich wollte ein schönes Stück schreiben und habe weder an ein Publikum, noch an mögliche Schauspieler gedacht. Ich hatte noch nicht mal im Kopf, wie das Ganze hätte verfilmt werden können, da ich von alldem überhaupt keine Ahnung hatte. Mein Anspruch war, etwas zu Papier zu bringen, das mir gefallen würde. Vielleicht ist das der beste Weg: einfach die Sachen zu machen, die einen selbst am besten unterhalten und hoffen, dass die anderen das auch so sehen.

Und wo haben Sie gelernt zu schreiben?

Ich habe immer geschrieben, schon in der Schule habe ich es geliebt. Wissen Sie, es gibt doch in jeder Klasse einen Pausenclown, einen besonders begabten Künstler oder ein Sport-Ass. Ich war immer die Beste, wenn es ums Schreiben ging. Was mich aber dazu befähigt hat, so ein Drehbuch zu schreiben, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Ich glaube, ich habe einfach viele Filme gesehen.

Wie viele Ihrer Bekannten haben "Juno" gesehen und Sie danach gefragt: "Du hast mich doch als Vorlage benutzt, oder?"

Ehrlich gesagt, war es nur einer - das hat mich auch überrascht (lacht). Und ich warte immer noch auf den Typen, der mich fragt, ob er als Grundlage für Mark, den Freund der schwangeren Juno, gedient hat - da gibt es nämlich wirklich eine reale Person. Komisch, dass er sich dessen gar nicht bewusst ist. Ich warte jeden Tag darauf, dass er mich darauf anspricht - er ist immerhin mein Ex-Freund aus der Highschool.

Wie hoch sind die Erwartungen, wenn man mit einer Nominierung in der Tasche zur Oscar-Verleihung geht?

Ich war extrem nervös vor der Gala - die Nominierung macht es ja gerade so aufregend! Und dann haben so viele Leute in den letzten Tagen und Wochen bekundet, "Juno" würde den Oscar schon bekommen - das hat meine Anspannung noch mal anschwellen lassen. Erwartet habe ich gar nichts - ich habe ja zuvor noch nicht einmal erwartet, ein Drehbuch zu schreiben. Aber ich weiß, dass viele Leute aus dem Film seit der Nominierung am 22. Januar 2008 große Hoffnungen hatten und ich hätte es kaum ertragen können, wenn sie enttäuscht worden wären.

Wie sind Sie auf Ihren Künstlernamen "Diablo Cody" gekommen?

Ich habe ihn schlichtweg erfunden. Ich wollte ein Pseudonym für meine Texte, die ich in den letzten Jahren im Internet veröffentlicht habe - das machen doch viele Studenten. Ich habe "Diablo Cody" gewählt, weil das für mich irgendwie dramatisch und lustig klingt. Aber ich hätte nie gedacht, dass er mal auf einem Drehbuch stehen würde - vielleicht hätte ich dann meinen echten Namen benutzt, zur Freude meiner Eltern.

Ich dachte, vielleicht wäre es Ihr Stripperinnen-Name gewesen?

Oh nein, gar nicht. Niemals.

Ihr Film "Juno" ist ein Überraschungserfolg. Gab es auch während des Schreibens Überraschungseffekte? Oder wussten Sie bereits im Entstehungsprozess, wie die Geschichte enden würde?

Ja, das wusste ich und deshalb ist daraus auch genau diese Geschichte geworden. Ich konnte all die Charaktere und ihre Beziehungen bereits vor dem Schreiben sehen, das machte es für mich extrem mühelos.

Wie stark wurden Sie in die Produktion des Films einbezogen? Durften Sie die Schauspieler mit aussuchen oder bei der Musik mitentscheiden?

Ich hatte wirklich Glück. Normalerweise schicken die Autoren das Drehbuch zum Regisseur und das war's. Aber die Zusammenarbeit mit Jason Reitman war einfach fantastisch: Er hat mich in so viele Entscheidungen involviert - nur bei der Musik habe ich nicht mitgewirkt. Da hatten Jason Reitman und Ellen Page einfach die richtigen Instinkte und haben einen wundervollen Soundtrack gemacht.

Und die Schauspieler?

Natürlich habe ich Jason beim Casting die Verantwortung überlassen. Wir können beide sehr gut unterscheiden, wo es sinnvoll ist, sich einzumischen und wo man den anderen einfach mal machen lässt. Deswegen funktioniert unsere Zusammenarbeit so gut.

Vor einigen Jahren haben Sie als Stripperin gearbeitet. 2004 haben Sie unter dem Titel "Candy Girl" Ihre Memoiren veröffentlicht. Können Sie sich vorstellen, eines Tages aus diesem biografischen Buch einen Film zu machen?

Ja, das wäre toll. Ich könnte mir vorstellen, daraus ein Drehbuch zu machen. Es ist wirklich unterhaltsam und die Leute scheinen es zu mögen. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, passiert nicht so viel darin. Vielleicht ist es für einen Film doch nicht interessant genug. Im Prinzip ist es die Geschichte von einem Mädchen, das Stripperin wird, sich nach einem Jahr in den Nachtclubs langweilt und wieder damit aufhört. Das ist alles. Ich werde in meiner Geschichte noch nicht einmal festgenommen, werde nicht erschossen. Das ist doch langweilig, es ist wie ein Tagebuch. Aber ich werde es in Reserve halten - und wenn ich eines Tages gar keine Ideen mehr habe, hole ich es vielleicht wieder hervor.

Gibt es Striptease-Filme, die Ihnen gefallen haben?

Oh, "Showgirls" hat mir sehr gut gefallen, ich mochte den Film. Aber es gibt niemanden, der jemals einen realistischen Film über Striptease gemacht hat.

Können Sie sich auch vorstellen, einmal zu schauspielern oder zu produzieren?

Oh nein, ich könnte niemals eine Schauspielerin sein. Aber in der Tat produziere ich gerade etwas, unter anderem eine TV-Show mit Steven Spielberg. Und ich würde wahnsinnig gern mal Regie führen. Aber nein, die Schauspielerei könnte ich mir nicht vorstellen.

Aber Sie haben doch als Stripperin oft auf der Bühne gestanden. Haben Sie da nicht geschauspielert?

Das ist doch keine Schauspielerei! Das war zum Überleben, damit habe ich Geld verdient!

Also, warum Männer in einen Strip-Club gehen, ist ja klar. Aber was war für Sie das Reizvolle am Strippen?

Also, ich erkläre es mir so: Für mich ist es der blanke Horror, morgens aufzuwachen und für einen streng reglementierten und unzufriedenstellenden Job aufzustehen. Ich hatte als Stripperin meinen Spaß, konnte den lieben langen Tag schreiben, habe dann ein paar Stunden getanzt und bin dann wieder nach Hause gegangen. Zuvor war mein Leben sehr strukturiert, in meiner Zeit als Stripperin hatte ich zum ersten Mal das Gefühl von Autonomie. Ich erinnere mich daran, dass es mir manchmal auch schmutzig und degradierend vorkam. Es mag vielleicht komisch klingen, aber für eine Weile war das sehr aufregend für mich! Direkt danach bin ich dann Journalistin geworden.

Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie Ihre Biografie "Candy Girl" veröffentlicht haben?

Es hat meine Eltern schon aufgebracht, aber viele Leute hätten es sicherlich schlechter verkraftet. Am Ende waren sie richtig glücklich, als es veröffentlicht wurde. Das hat ihre Verlegenheit dann relativiert. Meine Tante ist, glaube ich, immer noch erschüttert. Und irgendwie bin ich das ja auch, aber ich kann und will diesen Teil meines Lebens ja auch nicht streichen, ich war nun einmal eine kurze Zeit lang von Beruf Stripperin. Es handelt sich dabei übrigens gerade mal um ein Dreißigstel meines bisherigen Lebens.

Jetzt, da sie Oscar-Preisträgerin sind, denken Sie manchmal, dass sie sich Ihre Zeit als Stripperin auch gut hätten verkneifen können? Bereuen Sie diese Episode?

Nein! Oh nein. Und mir hätte wirklich Schlimmeres passieren können als nun mit einem Oscar ausgezeichnet zu werden (lacht).

Interview: Kathrin Buchner
Mitarbeit: Julia Stanek