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Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

Gary Oldman im Interview: "Wir sind alle paranoid"

In "Dame, König, As, Spion" spielt sich Gary Oldman in Hollywoods A-Liga zurück. Im Gespräch mit stern.de verrät er, was er von den Oscars hält und wo er die letzten Jahre war.

Wir sind alle Spione.

Auch Journalisten.


Manche.

Wie intensiv haben Sie recherchiert, und wie wichtig waren die Gespräche mit John le Carré?
Ich habe das Buch gelesen. Ich habe ein Mal mit le Carré gesprochen. Es ist praktisch, wenn der Autor selbst ein Spion war. In diesem Roman findet man die ganze Welt.

Hat er Ihnen Geheimnisse jenseits der Geschichte verraten?
Wir haben über das Ausmaß der Paranoia gesprochen, die einen Spion umtreibt. Dass du immer darauf wartest, dass deine Deckung auffliegt. Du lebst permanent in Angst, entdeckt zu werden. Und der Preis, den du im Privaten zahlen musst. Die Opfer, die du bringen musst. So könnte ich nicht leben. Wir haben dem [britischen Geheimdienst, Anm.d.Red.] MI6 den Film gezeigt...

Und wie war die Reaktion?
Sie lieben ihn. Sie fanden ihn sehr genau. Einer war da, dessen Familie denkt, er sei ein Chaffeur. Er geht jeden Morgen aus dem Haus, und seine Frau denkt, er fährt Leute herum.

Le Carré hat einmal gesagt, die Welt der Spione sei für ihn eine Metapher für die Welt, in der wir leben. Das würde bedeuten, dass wir alle ziemlich paranoid sind.
Ich denke, das sind wir. Aber ich denke auch, die Welt der Spione ähnelt vor allem der Unternehmeswelt. Spione unter Spionen. Niemand traut dem anderen. Du musst immer gucken, was in deinem Rücken passiert.

Wie paranoid ist das Filmgeschäft?
Es ist eine seltsame Welt. Es muss hart sein, eine Frau zu sein.

Mögen Sie eigentlich James Bond?
Bond ist ein Männermärchen. Die Filme haben sich vor allem seit Roger Moore von dem entfernt, was Fleming wollte. Mit Daniel Craig kommt es dem wieder näher, denke ich. Sein Bond ist dunkler, komplexer. Aber ich habe Bond ehrlich gesagt nie verstanden. Ich gucke ihn gern. Aber ein Spion, der überall, wo er hinkommt, sagt, wer er ist... Der in einem weißen Smoking aus einem Aston Martin steigt... Da ist der Spion! Smiley verschwindet einfach. Wenn du ihm auf der Straße begegnest, guckt du nicht zwei Mal hin.

War es nicht schwierig für Sie, so eine Rolle zu spielen?
Ich war erleichtert! Es geht letztlich immer um den Text. Sobald du in Schweiß ausbrichst, übertreibst du es, egal welche Rolle du spielst. Ob körperlich extrovertiert oder jemanden wie Smiley. Smiley ist meist der intelligenteste Mensch im Raum. Er muss nur in einem Sessel sitzen und zuhören. Das lässt mich sehr gut aussehen. (lacht) Es war eine große Erleichterung, so minimalistisch kommunizieren zu können. Das ist mir lieber.

Zuweilen ganz ohne Worte.
20 Minuten lang! Menschen, die nichts sagen, sind faszinierend. Für mich ist Smiley eine alte weise Eule. Er sieht alles und hört alles. Wenn er vor dem Fernseher sitzt, und es klopft, dreht er nur den Kopf, nicht den Körper. Wie eine Eule eben... Und damit verdiene ich Geld (lacht)

Wie wichtig sind Ihnen Nominierungen?
Nicht so sehr... Ich denke, ich bin früher nie nominiert worden, auch weil ich mich nie wirklich auf Kampagnen eingelassen habe. Diesmal schon ein bisschen. Das ist alles sehr politisch. Es ist das erste Mal, dass ich wirklich mitmache. Da gucke ich genau hin.

Geht es bei den Oscars gar nicht um den besten Film?
Manchmal kriegen Sie es schon hin. Aber ich weiß nicht, ob Preise wirklich immer für die Besten sind. Wie vergleicht man Filme? Wie vergleicht man "Dame, König, As, Spion" mit "The Artist"? Welcher ist besser? Das sind so unglaublich verschiedene Kinoerlebnisse! Und dann ist da auch noch "Descendants" und "Moneyball". Der hat mir Spaß gemacht, das ist ein perfekt gemachter Film. Aber es ist wirklich schwer zu sagen, welcher besser ist. Wir lieben es, Preise zu vergeben: Maler, Schriftsteller...

Und wie wichtig ist es, sie zu bekommen?
Die Golden-Globes-Nominierungen haben nicht dafür gesorgt, dass mehr Leute ins Kino gegangen sind. Zum ersten Mal. Aber es ist nett, wenn die Leute deine Arbeit mögen!

Sie sind im Kalten Krieg geboren. Haben Sie den wahrgenommen?
Als Teenager ist man so auf sich selbst konzentriert, auf Mädchen, Popmusik, Fussball. Manchmal haben mich die Nachrichten an den Kalten Krieg erinnert, aber nur kurz. Dann waren wieder andere Dinge wichtig.

Erinnern Sie sich nicht an die Angst vor der Atombombe?
Ja, aber meine Hormone haben doch Randale gemacht!

Haben Schauspieler und Spione etwas gemeinsam?
Vielleicht das Beobachten, aber sonst geht es dir als Schauspieler darum, eine Art Wahrheit zu finden. Der Spion wiederum sucht nach Lüge und Verrat. Es muss wirklich seltsam sein, so zu arbeiten.

Haben Sie nach all den Jahren eine Wahrheit für sich gefunden?
Eher nicht. Ich suche weiter. Schrittweise nähert man sich der Wahrheit einer Szene an, aber dazu brauchst du eben wieder das Material.

War es dem fehlenden Material geschuldet, dass Sie in den letzten Jahren weniger gemacht haben?
Nein, ich habe mich lieber um meine zwei Kinder gekümmert. Ich war zehn Jahre lang alleinerziehender Vater. Ich wollte ein Vater sein, der da ist.

Sophie Albers