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Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

Hilary Swank: And the Ocar goes to

Sie hat sich im wahrsten Sinne des Wortes durchgeboxt. Für ihre Rolle in Clint Eastwoods Meisterwerk Million Dollar Baby wurde Hilary Swank zur besten Hauptdarstellerin gekürt. Porträt einer unbeirrbaren Kämpferin.

Die Nase ist gebrochen, das sieht man gleich. Panik flackert auf in den Augen der Boxerin. Nicht etwa, weil ein herausragender Teil ihres hübschen Gesichts zerdeppert ist. Sondern weil ihr das Blut über Mund und Kinn schießt, in hellen Strömen - und Blut, das heißt aufhören. "Richte es!", zischt sie ihren Manager an. Der Mann steht neben ihr und tupft an ihrem nassen Gesicht rum. Er zögert. Die gegnerische Boxerin lauert in ihrer Ecke, bullig und schnaufend und gespannt wie eine Stahlfeder, ob dieses neue junge Ding nach dem Trumm auf die Nase noch mal rauskommt. Es ist betäubend laut in der Arena, alles kreischt und buht und pfeift und johlt. Der Manager seufzt noch einmal. Dann nimmt er zwei Q-Tips und treibt sie seinem Mädchen durch die Nasenlöcher in Richtung Großhirn, gleichzeitig drückt er mit den Fingern die zertrümmerten Knochen zusammen. Pfropfen rein gegen die Blutung, Gong, "Los!", brüllt er, und die Kleine schießt in den Ring, rechte Gerade aufs Kinn der Stahlfeder, wumm, k. o., gewonnen. Die Runde geht an Hilary Swank. Nein, eigentlich geht jede Runde an sie: Für ihre Rolle als Kämpferin in "Million Dollar Baby" wurde die 30-Jährige am vergangenen Sonntag in Los Angeles mit dem Oscar ausgezeichnet, ihrem zweiten. Wer sie da im dunkelblauen, langärmeligen Kleid auf die Bühne eilen und ein paar Tränchen verdrücken sah, kann sich kaum vorstellen, was für ein Brecher sie ist in Clint Eastwoods großartigem Film.

Als Boxerin Maggie war sie rund zehn Kilo schwerer, rundum bepackt mit Kraftpaketen. Mit Schultern so prall und hart wie die Speed-Bälle, die sie Stunde um Stunde, Monat um Monat beklopft hatte. Ein Bizeps zum Fürchten, und Wadenmuskeln so eisern, als hätte sie jeden Tag Autos damit verschoben.

Hilary Swank lümmelt an einem Tisch in der Lobby ihres Fitnessstudios im New Yorker Greenwich Village; ein Brombeer-Shake steht vor ihr. "Hab ich jetzt Kerne zwischen den Zähnen?" Hat sie. Außerdem trägt sie ein schlabbriges Sweatshirt, ist ungeschminkt und hat das lange braune Haar zu einem ziemlich schlampigen Pferdeschwanz gebunden; sie sieht also dermaßen unglamourös und normal aus, dass dem Fernsehzuschauer, der sie gerade noch auf der Oscar-Bühne strahlen sah, kaum etwas an dieser jungen Frau auffallen würde außer vielleicht die Brombeerkerne.

Sie wohnt gleich um die Ecke und ist zum Training gekommen. Pilates, nicht Boxen - ihr Körper ist schmal und exquist gestrafft. In ihrem nächsten Film, "Die schwarze Dahlie", wird sie eine Femme fatale spielen. Da haut sie nicht mit den Fäusten um, sondern mit Sexappeal. Hilary Swank, ob mit oder ohne Make-up, schlägt den Betrachter nicht sofort in ihren Bann. Sie hat eines jener Kinogesichter, das man ganz für sich allein zu entdecken glaubt. Den blendenden Schönheiten erliegt jeder sofort, bei Hilary aber fallen erst in der zweiten Szene die tadellosen Wangenknochen auf, erst in der dritten die klaren, braunen Augen, der überraschend feminine Mund. Erst in der Mitte des Films merkt man, dass man noch mal so ein Lächeln herbeisehnt wie gerade eben. Und am Ende meint man immer noch stolz, man sei der Einzige, der gemerkt hat, was für eine feine Schauspielerin sie ist und wie wunderschön.

Unaufdringlich eindringlich, so spielte sie ein Mädchen, das sich als Junge ausgibt. Das harte Drama "Boys Don't Cry" bescherte ihr im Jahr 2000 den ersten Oscar. Bis dahin hatte Hollywood sie überhaupt nicht wahrgenommen. Eine TV-Schauspielerin, die einst mit dem jungen Leonardo DiCaprio in einer Familienserie zu sehen war und für Nebenrollen in Teenie-Soaps wie "Beverly Hills, 90210" engagiert wurde. Und nach dem Oscar, da sah es so aus, als würde Hilary wieder verschwinden. Einen Actionfilm versuchte sie - wollte keiner sehen. Ein Historiendrama - nein, danke, keine Rüschen bitte für die Frau, die so überzeugend ein Kerl war. Und dann, drei Monate nur vor Drehbeginn von "Million Dollar Baby", traf sie Clint Eastwood. Sie war aufgeregt wie ein kleines Mädchen, er wie üblich cool, und am Ende des Treffens sagte er nur trocken: "Du solltest besser anfangen zu trainieren."

Er spielt den Coach der Boxerin, der erst gar keine Lust darauf hat, eine Frau in seinen Stall aufzunehmen; noch dazu diese verarmte, verzweifelt ehrgeizige Kellnerin aus irgendeiner Slumgegend im Mittleren Westen, die sich abends Fleischreste von den Gästetellern warm macht, um Kraft für den Sandsack zu haben. Eine rührende Vater-Tochter-Beziehung entsteht, die vielleicht tiefste und aufwühlendste Liebesgeschichte der letzten Kinozeit. Boxen ist dabei nur Nebensache - es geht um ein Mädchen aus dem Trailerpark, das seinen Traum verfolgt.

Genau das

waren die Worte von Hilary Swank, als sie den Oscar an sich drückte. Und sie meinte nicht Maggie, sie meinte sich selbst. Aufgewachsen in einer Wohnwagensiedlung in einer regennassen Stadt nördlich von Seattle, liebte sie schon als Kind das Spielen und Verkleiden - Flucht aus der ärmlichen Wirklichkeit, wo die Eltern sich erbarmungslos fetzten und Hilary und ihren älteren Bruder vernachlässigten. Als sie 15 war, brach sie auf nach Hollywood. Ihre Mutter, eine Sekretärin und ehemalige Tänzerin, hatte sich da längst von Hilarys Vater getrennt, der Bruder zog zu Hause aus. Sie kaufte ein billiges Auto, packte die Koffer und kam mit. In den ersten zwei Wochen wohnten die beiden im Auto. Dann kamen sie in einer leer stehenden Wohnung unter. Sie schliefen auf Luftmatratzen, tagsüber waren sie ohnehin unterwegs - Hilarys Mutter rief von Telefonzellen aus Hollywood-Agenten an, "ich habe eine schöne und talentierte Tochter, schauen Sie sie sich wenigstens an!"

Eine Agentur für Kinderstars nahm den Teenager schließlich unter Vertrag. Wenn es Absagen hagelte für Rollen, die sie spielen wollte, fragte Hilary störrisch nach, woran es lag. Manchmal war sie nicht hübsch genug, ihr Name zu sperrig, ihre Stirn zu hoch. Hilary wollte es immer wissen, neugierig und ernsthaft wie ein Kind. Sie hatte keine Angst davor, verletzt zu werden. Sie glaubte an sich. Und daran, dass sie einfach besser werden würde. Hilary Swank hat Talent. Doch größer noch ist ihr Wille. Unbeirrbar ist sie, wie Maggie. Die rackert, bis Blut kommt. Blut, Schweiß, keine Tränen, girls don't cry. "

Während sie dasitzt und an ihrem Milchtrunk nuckelt, tritt ein bulliger Mann an den Tisch, offenbar Mitglied in ihrem Fitnessclub. "Ich fand Sie toll in "Million Dollar Baby"", sagt er und streckt ihr die Hand entgegen. "Es hat alles gestimmt. Ich kenne den Weg. Ich bin ihn auch gegangen." Sie schlägt ein, hat die Brombeeren vergessen und strahlt ihn an. Und er denkt wahscheinlich, er sei der Einzige, der merkt, wie hinreißend nett sie ist.

Ich vergesse nie, wo ich herkomme", sagt Hilary fest. "Ich werde nie auf die so genannten kleinen Leute herabsehen. Verschwendung macht mich krank, ich bin sparsam erzogen, und ich sammle heute noch Coupons und schaue nach Sonderangeboten." Sie schwört, dass ihre Freunde nichts mit dem Filmgeschäft zu tun haben. Mit ihrem Mann, dem Schauspieler Chad Lowe, ist sie von Los Angeles nach New York gezogen, weil sich dort nicht alles ums Kino und Berühmtsein dreht. "Ich gehe mit meinen drei Hunden spazieren und sammle wie jeder andere hier auch ihre Häufchen ein", sagt sie. "Erst in den letzten Wochen vor den Oscars fingen die Paparazzi an, mich dabei zu fotografieren. Sonst lassen sie mich in Ruhe." Nein, sie beschwert sich nicht. Zu viel Aufmerksamkeit, findet sie, ist ein Luxusproblem.

Christina Kruttschnitt / print