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Interview mit "The Social Network"-Drehbuchautor: "Es geht nicht um Facebook"

Aaron Sorkin hat das Drehbuch zu "The Social Network" geschrieben. Im Interview mit stern.de verrät er, warum es gar nicht um Facebook geht und was Mark Zuckerberg will.

Von Sophie Albers

Haben Sie Mark Zuckerberg jemals getroffen?
Nein, nie. Wir haben wirklich alles versucht. Weil ich wusste, dass ich mit Leuten sprechen werde, die noch ein Hühnchen mit Mark zu rupfen haben, wollte ich, dass Mark sich verteidigen kann. Aber Mark hat genau das gemacht, was ich auch gemacht hätte. Er hat es abgelehnt.

Was hieß das für das Drehbuch?
Das Drehbuch ist tief und gründlich recherchiert. Ich denke, man kann Marks Stimme hören, und nicht nur die Fakten. Wenn du einen Charakter erschaffst, musst du etwas in ihm finden, das du selbst in dir hast. Damit du dich mit ihm identifizieren kannst, damit du ihn mögen kannst. Das war einfach für mich: Mit Marks IQ kann ich nicht mithalten, aber mit der Schüchternheit. Dass er sich Menschen gegenüber unwohl fühlt, dass ihm soziale Situationen unangenehm sind. Er hat immer das Gefühl, mit der Nase an der Scheibe gepresst draußen zu stehen. Die bessere Party findet da drinnen statt, aber er ist nicht eingeladen. Er hat immer das Gefühl, dass er nicht dazu gehört. So fühlen wir uns alle manchmal. Ich zumindest.

Sprechen Sie jetzt eigentlich von dem fiktionalen Mark Zuckerberg oder dem echten? Der ist schließlich da draußen. Ich finde das ziemlich verwirrend.
Ja, Sie haben Recht, das ist verwirrend. Ich sage es so: Ich habe kein Foto von Mark gemacht, sondern ein Bild gemalt. Das ist der Unterschied.

Wenn man Ihre Filmografie anguckt - "Eine Frage der Ehre", "The West Wing" und jetzt "The Social Network" -, scheinen Sie einen Faible für Menschen mit Macht zu haben.
Hm, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich mag Menschen, die gut in ihrem Job sind, die etwas sehr gut können. Ich mag Geschichten, die hinter den Vorhang gucken. Ob nun im Weißen Haus oder eben die Entstehung von Facebook. Hier ist die offizielle Seite, und hier die, die keiner sehen soll. Aber ja, Macht ist interessant. Man kann damit viel Gutes tun, aber auch viel Schlechtes. In diesem Fall hat mich das Technische gar nicht interessiert. Ich selbst habe keine Facebook-Seite - nur während ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich eine.

Das ist seltsam. Niemand, der am Film mitgearbeitet hat, scheint eine zu haben: Jesse Eisenberg nicht, Justin Timberlake nicht, Sie nicht...
Das kommt daher, dass der Film nichts mit Facebook zu tun hat.

Wie bitte?
Sicher, das ist der großer Aufhänger. Aber das wäre so, als würde man sagen, in "Vom Winde verweht" gehe es um den Bürgerkrieg. In "The Social Network" geht es sogar noch weniger um Facebook, als in "Vom Winde verweht" um den Bürgerkrieg. Es ist nur Kulisse. Die Geschichte des Films, die Themen, sind so alt wie die Erzählkunst selbst. Es geht um Freundschaft, Loyalität, Betrug, Macht, Eifersucht, Klassen. Aeschylos hätte nichts anderes daraus gemacht oder auch Shakespeare. Ich hatte nur Glück, dass die gerade nicht da waren (lacht). Im Zentrum der Geschichte hätte auch die Erfindung eines Toasters stehen können.

Das heißt, in jeder Generation werden die gleichen Geschichten geschrieben, nur vor anderer Kulisse?
Ganz genau. Es war Shakespeare, der sagte, es gebe überhaupt nur sieben Geschichten. Alle schreiben das Gleiche, aber auf unterschiedliche Art und Weise. Wie viele Gemälde von Frauen gibt es? Aber alle sind auf ihre Art und Weise unterschiedlich. Also, wann immer Sie einen Film sehen, der mit den Worten beginnt "Das ist eine wahre Geschichte" betrachten Sie ihn als Gemälde und nicht als Foto.

Weil die Einstellung die Einstellung ist ...
Absolut. Und wenn es auf Tatsachen beruht, wie "The Social Network", ist es noch komplizierter, weil der Film auf drei verschiedenen Versionen der Wahrheit basiert. Es ist ein Gerichtsdrama, in dem die Zeugen auftreten und sagen: So war's nicht, sondern so. Bei all diesen Filmen sind Künstler zusammengekommen und haben gesagt: Hier ist unsere künstlerisch-kreative Sicht auf die Dinge. Regisseure, Drehbuchautoren, Schauspieler malen immer ein Bild. Wenn ich mich an das journalistische Wer, was, wann, wo, warum gehalten hätte, hätten Sie keine Zeit, Popcorn zu essen.

Es heißt, zu Ihren Recherchen gehörte auch ein Dinner mit Natalie Portman.
Ja, aber um das gleich klar zu stellen: Natalie Portman und sechs andere Gäste. (lacht) Sie hat mich zum Gespräch eingeladen, weil sie zu der Zeit in Harvard studiert hat, als Facebook auf dem Campus startete. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, ob etwas davon im Film gelandet ist.

Sie haben mal gesagt, Sie könnten über Ihre Charaktere nicht sagen, wer sie sind, nur was sie wollen. Was will Mark Zuckerberg?
Ein Drama besteht immer aus einem Plan und den Hindernissen auf dem Weg zu dessen Erfüllung. Jemand will etwas, egal was - das Geld, das Mädchen, nach München - etwas scheinbar Unüberwindliches steht im Weg, und der Held muss drüber. Wie er drüberkommt, das ist die Geschichte. Und sie sagt alles über den Charakter. Was will Mark Zuckerberg? Er will, dass man ihn akzeptiert! Deshalb hat er etwas erfunden, das er braucht. Er hat nicht gedacht: Hey, brillante Idee, damit verdiene ich Millionen. Er hat einen Weg gefunden, sich selbst neu zu erfinden - um der Einsamkeit seines Zimmers zu entkommen, um sich makellos zu zeigen. Das machen wir schließlich alle, wenn wir uns in sozialen Netzwerken bewegen. Ich mache das, wenn ich für Filme oder das Fernsehen schreibe. Ich will, dass alle mich für so schlau und amüsant halten wie die Charaktere, die ich erfinde. Ich verstecke mich hinter dem, was ich schreibe, damit Sie denken: Was für ein cooler Typ. Genau das will Mark. Und 500 Millionen andere Menschen auch.

Aber es klappt nicht.
Natürlich nicht. Nichts ersetzt den zwischenmenschlichen Kontakt.

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