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Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

USA: Politische Filme spiegeln veränderte Gesellschaft

Als sich George Clooney vor drei Jahren auf der Berlinale gegen den bevorstehenden Irak-Krieg aussprach, wurde er im amerikanischen Fernsehen noch als "Verräter" beschimpft. Doch die Zeiten haben sich geändert: In diesem Jahr ist er gleich mehrfach für die Oscars nominiert.

George Clooney, erklärter Linker und Bush-Gegner, ist als erster Filmschaffender in der Geschichte Hollywoods sowohl für einen Oscar als Schauspieler wie auch als Regisseur nominiert worden. Sein Aufstieg zeigt deutlich, wie sehr sich die US-Filmbranche - und die amerikanische Gesellschaft - in den vergangenen Jahren verändert haben.

Seit den 70er Jahren war das US-Kino nicht mehr so gesellschaftskritisch. Die Helden des acht Mal nominierten Oscar-Favoriten "Brokeback Mountain" sind zwei Cowboys, die sich lieben, aber dennoch Frauen heiraten müssen. In "Syriana" werden die USA der Mitverantwortung für Terrorismus beschuldigt. Clooneys "Good Night, and Good Luck" setzt darauf, dass der Zuschauer von der Kommunistenjagd der 50er Jahre Parallelen zum Anti-Terror-Krieg des George Bush zieht.

Felicity Huffman als Transsexuelle

"L.A. Crash" zeigt, dass Amerika alles andere als ein Schmelztiegel ist, sondern sich Weiße, Schwarze und Latinos oft unversöhnlich gegenüberstehen. "Der ewige Gärtner" prangert die Machenschaften von Konzernen und Geheimdiensten in Entwicklungsländern an. Und in "Transamerica" mimt "Desperate- Housewives"-Star Felicity Huffman einen transsexuellen Mann vor der Geschlechtsumwandlung: auch nicht gerade das, was man in Amerika unter "family values" versteht.

Die meisten dieser Filme sind so genannte "Independent Movies", keine großen Studioproduktionen, sondern unabhängige Filme mit kleinem Budget. Doch was vielleicht noch überraschender ist: Über Beteiligungen sind eine ganze Reihe dieser Produktionen letztlich doch wieder von den großen Unterhaltungskonzernen finanziert worden. So kommt das Geld für den Streifen "Syriana", der US-Konzerne hinter Krieg, Mord und Verschwörung sieht, von niemand anderem als Time Warner. "In gewisser Weise sägen wir an dem Ast, auf dem wir alle sitzen", räumt der "Syriana"-Regisseur Steve Gaghan ein.

Amerika zweifelt

Konservative US-Politiker erklären dies damit, dass Hollywood schon immer eine Hochburg der Liberalen gewesen sei. Doch nach dem 11. September bot sich zunächst ein anderes Bild: Damals schwenkten auch die Herren der Traumfabrik auf eine patriotische Linie ein. Einleuchtender ist wohl, dass die Konzerne neuerdings einfach einen Markt für politische, regierungskritische Filme sehen. Amerika hat sich eben gewandelt: Es ist nicht mehr so selbstbewusst und kriegerisch wie vor drei Jahren, es ist unsicher geworden und zweifelnd.

"Die Filmbranche ist ihrer Zeit nicht voraus, sondern reflektiert die Gesellschaft", meint Clooney. "Wir brauchen immer so zwei Jahre. Die beste Ära des Films war die Periode 1964 bis '76: Da wurde der ganze Umbruch in Amerika aufgearbeitet - die Wut über Vietnam, die Bürgerrechtsbewegung, die Gegenkultur der Drogenszene, Watergate..." Die neokonservative Politik der Bush-Regierung bietet nun den Nährboden für ein neues Qualitätskino. Hinzu kommt: Wie in den 70er Jahren ist die Branche im Umbruch. Die Zahl der Kinobesucher geht drastisch zurück, junge Männer - die bisherige Hauptzielgruppe - machen lieber Computerspiele. Sind bescheidenere Produktionen für ein anspruchsvolleres Publikum vielleicht die Antwort darauf?

Alles hängt vom kommerziellen Erfolg ab. "Wenn die Zuschauer für diese Art von Filmen wegbleiben, wird Hollywood der Mut schnell verlassen", analysiert das Fachmagazin "Entertainment Weekly". Für die Oscar-Verleihung selbst wird bereits mit einer deutlich niedrigeren Einschaltquote gerechnet, weil diesmal keine Blockbuster im Mittelpunkt stehen. Clooney kümmert das nicht: "Wenn die Quote sinkt, dann sinkt sie eben", sagt er. "Wenn wir nun auch noch die Vergabe von Preisen von der Einschaltquote abhängig machen, verlieren wir jede Glaubwürdigkeit."

Christoph Driessen/DPA