HOME

PARTY: Family and Friends

Die Stars kamen, der Glamour blieb zu Hause: Beim Deutschen Filmpreis in Berlin feierten Jung und Alt ein furchtbar nettes Familienfest

Von Ulrike v. Bülow und Franziska Reich

Noch 15 Minuten bis zum Kanzler. Götz Alsmann sitzt in seiner Garderobe. Schlichter Spiegel, simpler Holztisch, stilles Wasser. Vor ihm steht ein Fernseher ? Liveschaltung in den Festsaal. Alsmann sieht, wie sich die Gäste setzen. Die hören draußen seine Stimme: »Es kann sein«, sagt er, »dass das heute nicht die beste Sendung im deutschen Fernsehen wird. Sollte das so sein, möchten wir das nicht in Ihren Gesichtern sehen.«

________________________________________________________

Lesen Sie auch: Hoffen auf ein Happy End

Wem hätten Sie den Filmpreis verliehen? Diskutieren Sie im stern.de-Forum.

_________________________________________________________

Willkommen beim Deutschen Filmpreis. Willkommen in der prächtigen Berliner Staatsoper »unter den Zypressen«, wie Moderator Alsmann witzelt. Willkommen bei der »Familienveranstaltung des deutschen Showbiz«, so nennt Stephan Reichenberger als künstlerischer Leiter die Verleihung der goldenen »Lola«.

Wie das eben bei Familienfesten so ist: ein Lächeln hier, ein Bussi da, ein »Du bist aber groß geworden, mein Junge« und »Wie schön, dass man sich mal wieder sieht«. Und zu jeder Sippe gehört, na klar, auch ein Enfant terrible: Götz Alsmann.

Der Lausbub mit der Tolle überspringt lässig jedes dramaturgische Loch. »Was ist die Steigerung von Star?«, hat man ihm in die Moderation geschrieben, »Superstar? Oder Computervirus?« Totenstille im Saal. »Ich hab euch doch gesagt, da lacht kein Mensch drüber«, ruft Alsmann in die Kulisse ? und kriegt seine Lacher doch noch.

»Götz reißt alles raus«, sagt Robert Stadlober, 18, als bester Hauptdarsteller in »Crazy« nominiert. Ziemlich crazy findet er Gerhard Schröders Eröffnungsrede: »Auch wenn mich meine alten Antifa-Kumpels jetzt hassen ? ich fand den Kanzler sympathisch. Der hat so ehrlich durchscheinen lassen, dass er von Film keine Ahnung hat.«

Zumindest weiß Schröder, dass Billy Wilder an diesem Freitag, dem 22. Juni, seinen 95. Geburtstag feiert. »Das schönste am Film sind die Frauen«, hat der große Regisseur einst gesagt. Shawne Borer-Fielding, die Schweizer Botschaftssirene, müht sich redlich dazuzugehören. Sie adaptiert blond gebleicht den Monroe-Look, präsentiert in Cowboystiefeln und Federwahnsinn den besten Nebendarsteller ? und den unerfüllten Traum von Glamour.

»Es bringt nichts, immer zu träumen«, sagt Ex-»Tatort«-Kommissar Wilfried Glatzeder, 56, »das hier ist deutsche Realität.« So real, dass der erfolgreiche Zweig des deutschen Filmclans früh flüchtet: »Ich will nach Hause«, sagt Regisseur Tom Tykwer zu Franka Potente. Und verlässt mit seiner Lola die Stehparty gegen 23 Uhr, weil ihn »das öde Geunke hier« nervt und die ständigen Seitenhiebe ? kein deutscher Film in Cannes und so. Immerhin: »Das erste Mal, dass uns ein veritabler Kanzler die Ehre gegeben hat«, belehrt Senta Berger im Ton der Patriarchin die bucklige Verwandtschaft.

Hannelore Elsner aber, erotische Mutter Courage der Sippe, strahlt wie immer. Im vergangenen Jahr hatte sie den Filmpreis als »Unberührbare« bekommen. Heute möchte sie unbedingt ihr »großes Glück weitergeben«. An Moritz Bleibtreu, den sie als besten Hauptdarsteller für »Das Experiment« auszeichnet: »Ich freu mich so, ich freu mich so!«, jubelt sie bewegt. »Ja, boah ey«, stammelt Bleibtreu. »Mann ey, echt ey, das is? mir schon fast peinlich.«

Vier Stunden später sitzt Götz Alsmann im leeren Saal, Ehefrau Brigitte im Arm, Erschöpfung im Gesicht, das Hotelbett im Sinn. Die deutsche Filmfamilie hat sich um diese Zeit längst auf den harten Kern reduziert und die Location gewechselt. Tante Hannelore, Neffe Moritz und der kleine Robert unterhalten sich gepflegt an der langen Tafel von Onkel Eichinger. Da, wo was los ist ? in der »Paris Bar«, dem ewigen Wohnzimmer der Sippe.