HOME

TV-Kritik "Kuttner plus Zwei": Eierlikörchen mit Sarah

Sarah Kuttner tut in ihrer neuen Talkshow auf ZDFneo so, als spreche sie mit ihren Gästen ganz privat. Intim ist der Schwatz am Küchentisch nicht, aber dank der Moderatorin durchaus unterhaltsam.

Von Simone Deckner

Normcore ist das neue Hipstertum. Je alltäglicher, desto besser, raunt der Zeitgeist. Da passt das Konzept der neuen Talkshow von Sarah Kuttner ("Bambule", Ex-Viva) für ihren Talk auf ZDFneo bestens ins Bild: "Sarah Kuttner empfängt bei 'Kuttner plus Zwei' ihre Besucher nicht in einem herkömmlichen Fernsehstudio, sondern ganz privat zum Reden, Streiten und Lachen", heißt es auf der Website zur Sendung.

Privat ist also das neue Öffentlich-rechtliche. Und so sitzen die ersten Gäste - Schauspielerin Hannelore Elsner und Musiker Bosse - in einer schraddelig hergerichteten Berliner Altbauwohnung auf unbequemen Flohrmarktstühlen um einen klobigen Holztisch. Die Moderatorin ist gleichzeitig Gastgeberin und reicht als solche Stullen, Würstchen und Alkohol in rauen Mengen. Das erinnert an den WDR-Klassiker "Zimmer frei" mit Christine Westermann und Götz Alsmann. Und an "Durch die Nacht mit..." auf Arte, wo das gemeinsame Essen und Trinken auch die Zunge der Beteiligten lösen soll. Ja, selbst in der guten alten Fernseh-Tante "NDR Talkshow" mampfen die Gäste regelmäßig, was man vor ihnen aufbaut. Das Ziel ist in allen Fällen das gleiche: Den Zuschauern soll Privatheit vorgegaukelt werden. So privat es eben werden kann, wenn man von Kameras, Scheinwerfern und einem Fernsehteam im Hintergrund beim "intimen Gespräch" beobachtet wird.


Eierlikörchen und Zigaretten

"Schmeißt eure Jacken irgendwo hin", begrüßt Kuttner ihre Gäste betont locker. Wir sind ja unter uns. Und wo wir schon so nett zusammen sitzen, kannste ja auch mal erzählen, Promi! Das, was wir alle hören wollen: Wie du so bist, "als Mensch." Doch bevor es ans Eingemachte geht, erst mal Smalltalk: "Kennt ihr euch eigentlich aus Film und Funk?", will Kuttner wissen. Bosse, unfreiwillig komisch: "Ja, extrem." Während man noch überlegt, wie genau Extreme Elsnering aussehen mag, wird zum ersten von vielen Malen offensiv Alkohol getrunken. Eierlikör, oder wie es bei Sarah Kuttner heißt "Eierlikörchen". Ist das jetzt schon "privat", dass Hannelore Elsner sagt, sie habe zuletzt mit 14 Jahren Eierlikör getrunken? Und wenn ja: Was fängt man mit dieser Information an?

Im Gegensatz zu Bosse hat sich die "Grande Dame" offensichtlich nicht extrem vorbereitet. Die Songs des Gutelaunebären findet sie "alle so schwer, so melancholisch, da geht immer gleich die Welt unter". Vermutlich verwechselt sie ihn einfach mit "Nur noch kurz die Welt retten"-Bendzko - kann passieren. Damit es noch gemütlicher wird, werden Zigaretten angezündet. Zwar ist die Idee des öffentlichen Quarzens auch nicht neu (zuletzt exzessiv vorexerziert bei "Roche & Böhmermann" sowie in allen Talkshows der 70er Jahre), aber ein herzhaftes "Mir doch wumpe" auf die herrschende Gesundheitsmoral muss als Pluspunkt in Namen der Liberalität verbucht werden. Wir schreiben schließlich das Jahr 2014, militante Nichtraucher sind an der Macht.


Mampfend auf der Metaebene

Sarah Kuttner wird ja gern vorgehalten, sie interessiere sich eigentlich gar nicht für ihre Gäste. Das stimmt nicht. Sonst würde sie nicht direkt auf die Metaebene gehen und ihre Gäste in einer Talkshow fragen, ob sie gerne in Talkshows gehen. Hannelore Elsner: "Da wird es mir schnell zu privat." Vermutlich hat sie wie dereinst Larissa Marolt vorm "Dschungelcamp" auch keine Ahnung gehabt, worauf sie sich einlässt.

Außerdem nervt es die Elsner kolossal, dass Journalisten sie ständig mit ihrer Rolle verwechseln würden. Zu ihrem jüngsten Kinofilm von Doris Dörrie etwa: "Ich kriege dann so Fragen wie: 'Waren sie früher auch so eine Hippi-Tussi am Strand?'" Elsner ungewohnt unlieblich: "Mir steht das bis hier". Vor allem die ewige Frage nach dem Alter und die Betonung, wie lebendig und sexy sie ja sei – für ihr Alter. "Es ist einfach unfassbar!".

Lahm dann Kuttners Frage, ob sich beide Gäste für leidenschaftliche Arbeiter halten. Erwartet sie da ernsthaft ein "Nein, ich sehe mich eher so als faulen Sack, der es nur für die Kohle macht"? Bosse darf erzählen, dass er schon immer davon geträumt hat, auf der Bühne zu stehen und Sprinter für die Tour zu beladen. Frau Elsner darf Lebensweisheiten à la "Man muss sich jeden Tag neu darüber freuen, dass die Sonne scheint" vom Stapel lassen. Weder privat noch anderweitig interresant.

Große Themen im Schnelldurchlauf

Beim zweiten Weißwein kommen dann die ganz großen Themen auf den Holztisch: Liebe, Kinder, Ehe. Zack, zack, zack! Es bleibt nicht viel Zeit, wie man an den harten Schnitten erkennen kann. Sarah Kuttner hat eine klare Meinung: Ihr schnodderiger Spruch "Ich finde Kinder doof" ist bestimmt wahr und provoziert dadurch. Der Skandal, als der er herbei geschrieben wurde, ist er nicht. Das Problem ist eher: Der nette Bosse kommt einfach nicht an gegen die sich in Rage redende Moderatorin, die von "für immer" nüscht wissen will. Dafür erfährt man von Hannelore Elsner, dass sie durchaus auch mal von ihren Kindern genervt war. Geht doch!

Leider bleibt keine Zeit mehr, auf den Einspieler einzugehen. Unter dem Titel "Stimme des Volkes" dürfen Passanten ihren Senf zu Porträts der Prominenten abgeben. Ein junger Berliner hält strahlend das Foto von Hannelore Elsner in die Kamera: "Iris Berben, is’ klar". Ob die Diva darüber lachen kann? Die lustigsten Momente verdankt "Kuttner plus Zwei" zum Start ohnehin nicht den Gästen, sondern der Kodderschnauze Kuttner selbst. "Mit vegetarischem Essen kannste morgen anfangen, Hannelore. Hier, nimm ein Würstchen" oder "Jetzt kommen Filmchen, da könnt ihr selber noch was über euch lernen" zeigen, dass die Moderatorin sich selbst nicht so bierernst nimmt, wie es andere tun. Ähnlich wie Kollege Jan Böhmermann probiert sie zumindest überhaupt mal etwas Neues aus. Dass dabei nicht von Anfang an alles perfekt sitzt - so what? Dass man ihre Art entweder super oder super nervig findet, weiß sie ohnehin. Demnächst wird sie mit Lars Eidinger und Joachim Llambi Eierlikörchen kippen. Und mit ihnen vielleicht nicht nur reden und lachen, sondern auch streiten und ihnen so nah kommen, wie sie es sich vorgenommen hat.

Hier können Sie der Autorin auch auf Twitter folgen.