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Interview

"Scheitern für Anfänger": Pleite und Steuerschulden: Wie es ist, mit fast 30 wieder bei Mama einziehen zu müssen

Wieder bei den Eltern einziehen zu müssen, ist für die meisten Menschen der absolute Tiefpunkt. Podcasterin Maggie Herker hatte diesen 2019 erreicht. Im Interview erzählt sie, wie es dazu und zu ihrem Podcast "Scheitern für Anfänger" kam.

Maggie Herker im Interview über ihren Podcast "Scheitern für Anfänger"

Maggie Herker spricht in ihrem Podcast- und Youtube-Format “Scheitern für Anfänger" über ein Thema, über das sonst kaum jemand spricht: das Scheitern

Maggie Herker hat Scheitern zu ihrem Beruf gemacht – und das kann man ganz wörtlich nehmen. In ihrem Podcast- und Youtube-Format "Scheitern für Anfänger" spricht sie nicht nur mit prominenten Menschen wie Sarah Kuttner oder Frank Thelen über Rückschläge, sondern muss regelmäßig auch am eigenen Leib erfahren, was es heißt zu scheitern. Im Frühling diesen Jahres gelangte sie an ihren selbsternannten "Nullpunkt": pleite, Steuerschulden, Konto gesperrt, Wohnung verloren, wieder bei Mama eingezogen. Ein Punkt, an dem schon viele waren – aber kaum jemand spricht darüber so offen und ehrlich wie Maggie. In ihren "Tagebuch des Scheitern"-Videos berichtet sie schonungslos von ihren Höhen und Tiefen. Ihre Follower nennt sie liebevoll "Scheiterhaufen". 

Mit Anfang 20 hatte Maggie den Traum, den viele Millennials haben: irgendwas mit Medien machen. Sie hat ein Studium an einer privaten Hochschule angefangen, das sie nie beendet hat und hat sich "im Größenwahn" nach einem gelungenen Praktikum in einer Agentur selbstständig gemacht. Zwischendurch hatte sie ein, zwei Festanstellungen, um ihre Mama zu beruhigen, war aber nur als Freelancerin wirklich glücklich – auch wenn sie bis heute viele Rückschläge erleben musste. Wie hat Maggie das alles überstanden, ohne aufzugeben? Mit NEON hat sie über das Tabuthema Scheitern gesprochen.

Maggie Herker über "Scheitern für Anfänger"

NEON: Maggie, du hast schon Fußballer wie Ronaldo, Messi oder Götze fotografiert, jahrelang einen hochwertig produzierten Sneaker-Kalender rausgebracht, als Moderatorin gearbeitet – wie kommt es, dass du Expertin fürs Scheitern geworden bist?

Maggie Herker: Die Jobs, die ich gemacht habe, waren cool – hatten aber immer auch eine Schattenseite. Da sind oft auch Dinge schiefgelaufen, und am Anfang dachte ich, das würde nur mir passieren. Ich hätte mir damals gewünscht, dass mehr über Dinge gesprochen wird, die schief gehen. Dann hätte ich schon früher herausgefunden, dass ich mit meinen Problemen als Selbständige nicht alleine bin. Der Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz hat mich oft inspiriert, wenn die beiden mal wieder ihre Geschichten vom Scheitern erzählt haben. Privat habe ich auch oft solche Gespräche geführt und dachte: Die müsste man eigentlich mal als Podcast machen. So ist "Scheitern für Anfänger" entstanden.

Ist es für dich also eigentlich Glück, dass du so oft scheiterst und damit auch mehr Stoff für "Scheitern für Anfänger" hast? 

Ja, ich muss sagen, am Anfang habe ich das noch total gefeiert. So "Geil, Content, Content, Content!" Dann habe ich mich aber gefragt: Wieso brauchst du ein Projekt dafür, dich für dein Scheitern nicht fertig zu machen? Andererseits war die letzte Zeit wirklich hart. Ich wollte zwar gerne das Scheitern mehr in den Vordergrund stellen und auch mit Gästen sprechen, die nicht nur in der Vergangenheit gescheitert sind, sondern vielleicht gerade mittendrin stecken – ich hatte aber nicht geplant, dass ich das selbst bin. Ich wollte mit "Scheitern für Anfänger" erfolgreich werden. Ein bisschen ironisch. Mittlerweile glaube ich trotzdem, dass das alles einen Sinn hat und dass es Menschen helfen kann, die gerade selbst in so einer Lage sind. 

Du hast deinen selbsternannten "Nullpunkt" schon fast überstanden. Langsam geht es wieder bergauf. Wie hat sich das damals angefühlt, den Boden unter den Füßen weggerissen zu bekommen? 

Furchtbar. Ich kannte zwar die Theorie vom Scheitern – aber sich selbst dahin manövriert zu haben ... da steht man nicht mal eben wieder auf, so wie es in den Instagram- und Pinterest-Kalendersprüchen immer steht. Ich habe in Selbstmitleid gebadet. Es war echt nicht schön – aber man versteht immer erst im Nachhinein, wofür etwas gut war. Und das stimmt wirklich. 

Du musstest wieder bei deiner Mutter einziehen, weil du Steuerschulden hast. Wie war das für dich? 

Alle meine Freunde meinten "Oh, mein Gott. Ich würde mich umbringen, wenn ich wieder zu Hause wohnen müsste!". Ich dachte nur: "Danke!" Meine Mama ist nicht der Typ, der einem mit 18 sagt, dass man ausziehen muss. Bei uns in der Familie heißt es eher: Mein Haus ist auch dein Haus. Mir ging es eher schlecht, weil man mit 30 lieber der Mutter unter die Arme greifen würde als umgekehrt. Nicht eigenständig sein zu können, keine eigenen vier Wände zu haben, keinen Alltag mehr zu haben ... das ist hart. Ich habe teilweise bis 16 Uhr geschlafen – und das nicht, weil ich faul war – sondern weil ich nicht in meinem Zuhause war und so schlecht einschlafen konnte. Das war nicht schön. 

Bereust du oder bist du eher dankbar?

In letzter Zeit bin ich sehr dankbar, weil ich einen ganz neuen Bezug zu materiellen Dingen und meiner persönlichen Motivation gefunden habe. Ich bin aber ein Mensch, der bereut. Vor allem, als ich 30 geworden bin. Ich hatte mich mit 30 woanders gesehen. 

Verrückt, dass die Zahl 30 – obwohl man weiß, dass es Quatsch ist – so eine Bedeutung für viele hat. Gerade hat Emma Watson in einem Interview erzählt, welche Angst sie vor ihrem 30. Geburtstag hatte. Da denkt man: Diese Frau hat alles erreicht und selbst sie denkt, dass sie mit 30 nicht da steht, wo sie sich immer gesehen hat. 

Ein paar Monate vor meinem Geburtstag war ich total entspannt. Und plötzlich brach es über mich herein: "Wenn du es bis jetzt nicht geschafft hast, wirst du es nie schaffen." Als würde es so eine Grenze geben. Was natürlich totaler Quatsch ist. Jetzt ein paar Monate nach meinem Geburtstag fühle ich mich wieder wie Anfang 20. 

Wie hast du dich aus deinem Loch wieder rausgeholt? War es vielleicht sogar gut, dass du deine Mutter bei dir hattest? 

Ich glaube, aus so einem Loch kann man sich nur selbst holen. Aber das dauert. Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich genug Energie hatte, mir selbst zu helfen. Wenn plötzlich ein Schreiben vom Finanzamt in der Post war oder ich wieder eine Wohnung oder einen Job nicht bekommen habe, hat mich das jedes Mal wieder zurück in mein Loch geworfen. Irgendwann war mein Motto: Gib auf – aber fang morgen wieder an. Mein erster Anlaufpunkt war das Arbeitsamt, ich habe mich arbeitslos gemeldet und mir dort helfen lassen. Ein Jahr lang habe ich mich langsam mit Nebenjobs wieder nach oben gearbeitet. Aber vor allem meine Freunde haben mir geholfen.

Was für Reaktionen bekommst du? Du hast mal erzählt, dass sich wegen deiner Videos manche Leute endlich getraut haben, ihre Jobs zu kündigen. 

Ja, es gibt viele schöne Geschichten mit meinen Zuschauern. Manche haben durch meine Videos ihre Probleme erkannt und versucht, sie zu lösen: von einer neuen Stadt, über einen neuen Job bis hin zu Trennungen beziehungsweise Kündigungen. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas bei jemandem auslösen kann. Aber auch meine prominenten Gäste, die von ihrem Scheitern sprechen, sind natürlich sehr inspirierend. 

Wie hast du deine Angst vorm Scheitern besiegt?

Ich habe mir zuerst bewusst gemacht, wie wir konditioniert wurden – und dass wir in anderen Bereichen des Lebens überhaupt kein Problem mit dem Scheitern haben. Beim Fußballgucken zum Beispiel: Wenn unsere Lieblingsmannschaft verliert, sind wir danach trotzdem noch Fan. Und die Mannschaft würde nie daran denken, sich aufzulösen, sondern spielt weiter. Auch bei Beziehungen haben die meisten nicht so ein Problem damit, sich zu trennen und trotzdem später eine neue Beziehung einzugehen. Und auch die Wissenschaft lebt vom Scheitern. Da probiert man solange etwas aus, bis es funktioniert. Wir müssen uns eingestehen, dass nichts Schlimmes passiert, wenn wir scheitern. Ich musste zwar zu meiner Mutter ziehen, aber ich kann immer wieder aufstehen. Und seien wir mal ehrlich, niemand sagt: "Ich knall dich ab, wenn du scheiterst!"

Muss sich etwas in der Gesellschaft ändern, damit wir mit dem Scheitern besser klarkommen? 

Auf jeden Fall. In Zeiten von Social Media ist das natürlich besonders schwierig, weil wir die ganze Zeit nur damit beschäftigt sind, perfekte Bilder abzuliefern, das perfekte Leben zu inszenieren. Dabei finde ich es super sympathisch, wenn jemand seine Makel zeigt. Ich kann nicht nachvollziehen, dass das von der Masse nicht auch so gesehen wird. Wenn wir nichts ändern, werden immer mehr Menschen krank, verzweifelt und traurig. 

Wann bist du das letzte Mal im Kleinen gescheitert? 

"Scheitern für Anfänger" liegt im Moment auf Eis. Das ist aber eher Scheitern im Großen. Allerdings musste ich nun mal einige Dinge erstmal klären und wieder einen festen Boden unter den Füßen bekommen. Ich habe noch total viel Material aus der Zeit, als ich am Boden war. Es ist zwar schwer für mich, mir das anzuschauen, aber ich bin bald wieder bereit für das nächste "Tagebuch des Scheiterns" und neue Interviews mit tollen Persönlichkeiten. Wie sagt man im Film doch so schön: "Fortsetzung folgt".