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Reese Witherspoon: "Meine dunklen Seiten lebe ich in den Filmen aus"

In ihrem neuen Film "Vanity Fair" spielt sie eine Vollwaise, die sich im London des 19. Jahrhunderts mit Schläue und Sexappeal nach oben kämpft. Ein Gespräch mit Reese Witherspoon über Feminismus, Familie und Paparazzi.

Mrs. Witherspoon, Sie sagten mal, eine Rolle wäre für Sie nur interessant, wenn die Figur auch etwas von Ihnen habe. Was haben denn Becky Sharp und Sie gemein?

Sie ist genauso zielstrebig und ambitioniert wie ich. Für eine Frau, die im 19. Jahrhundert lebt, hat sie ziemlich radikale Ansichten, die sie unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status durchsetzt. Damals war es Frauen nicht gestattet, Lebensziele zu haben, zu arbeiten, zu wählen oder Geld zu haben. Becky ist eine der ersten Feministinnen der Literatur gewesen, die für andere weibliche Romanfiguren als Vorbild diente.

Sie wuchsen in Tennessee auf. Gilt es dort als radikal, wenn ein junges Mädchen wie Sie sich entscheidet, nach Los Angeles zu gehen, um Schauspielerin zu werden?

Das passiert da nicht jeden Tag. Der übliche Weg dort ist zu heiraten und Kinder zu bekommen. Arbeiten kannst du schon, aber nur ein paar Jahre, und dann wirst du Mutter. Ich wuchs in einer sehr konservativen Gesellschaft auf, und mit meinem Entschluss, eine andere Richtung einzuschlagen, habe ich schon für Irritationen gesorgt.

Wie sahen die aus?

Die Leute fragten mich, was so ein kleines Mädchen wie ich da draußen will. Als ich auf die Stanford University gehen wollte, dachten vor allem die Freunde meiner Eltern, ich wäre verrückt. Die fragten sich, wie meine Eltern das zulassen können, ob sie sich nicht ausreichend um mich kümmern würden. Doch meine Familie stand voll hinter mir. Sie wollten dass ihr Kind seine Träume lebt. Das ist in Amerikas Süden nicht die Regel.

Waren Ihre Eltern auch noch begeistert, als Sie die Uni abgebrochen haben?

Sie waren extrem aufgebracht. Aber da ich schon immer ein Mensch mit sehr starkem Willen war, haben sie das respektiert. Ich ließ mich da auch auf keine Diskussionen ein. Das ist es, was ich möchte, und ich will nichts hören, habe ich ihnen gesagt.

Hatten Sie nie Zweifel?

Doch, die ersten Jahre in Los Angeles waren schwer. Ich fühlte mich zunächst überhaupt nicht wohl in diesem Geschäft. Das änderte sich dann nach der Geburt meiner Tochter Ava. Plötzlich begann alles, irgendwie Sinn zu machen. Ich begann, mehr eine Frau zu sein. Ich fühlte mich selbstsicherer und dachte verantwortungsvoller. Rückblickend war es natürlich die richtige Entscheidung, aber ich hätte auch grausam scheitern können. Ich fühle mich manchmal, als hätte ich im Lotto gewonnen. Oft denke ich aber auch: Wo bin ich denn da reingeraten?

Sie waren 23, als Sie Ihr erstes Kind bekamen. Andere Kolleginnen in Ihrem Alter haben da noch ausschließlich ihre Karriere im Kopf.

Beziehung und Familie sind für mich wichtiger als alles andere. Was bedeutet es schon, wenn du die berühmteste Schauspielerin der Welt bist, aber niemanden hast, zu dem du nach Hause gehen kannst? Niemanden hast, den du lieben kannst? Und niemanden hast, den es interessiert, ob du die berühmteste Schauspielerin der Welt bist? Ich fühle mich gesegnet, dass ich einen wunderbaren Ehemann (der Schauspieler Ryan Phillippe, Red.) habe und zwei hübsche gesunde Kinder. Wenn du das nicht hast, ist nichts etwas wert.

Ist es für einen Familienmenschen schwieriger, sich mit dem Hollywood-System zu arrangieren?

Versuchen Sie mal, den Studios klarzumachen, dass Sie Kinder haben.

Wie kriegen Sie das hin?

Ich habe das Glück, gute Anwälte und Agenten zu haben. Die sagen: "Wissen Sie, Reese wäre froh, wenn sie zu diesem Drehort oder jenem Pressetermin reisen könnte, aber sie hat zwei Kinder, die sie jetzt brauchen." Manchmal verstehen die, wo meine Prioritäten liegen, manchmal nicht. Und manchmal verlierst du deshalb auch Jobs. Aber es sind doch nur Filme.

Sie meinten einmal, Sie wollten nicht mit diesen vielen hübschen Mädchen oder den besten Schauspielerinnen konkurrieren. Aber so ganz lässt es sich doch nicht vermeiden, an diesem Rattenrennen teilzunehmen, wenn man Erfolg haben will.

Ich meinte damit, sich charakterlich nicht korrumpieren zu lassen. Ich versuche immer, ein guter Mensch zu sein. Natürlich habe ich auch schlechte Tage, wo ich nicht ich selbst, sondern verantwortungslos, faul oder mies gelaunt bin. Der beste Maßstab für meinen Erfolg ist: Kann ich mit dem Stress umgehen, kann ich mit dem was ich tue umgehen, und immer noch gut zu den Leuten sein? Nur weil du in einer Hand voll Filmen mitgespielt und viel Geld verdient hast, bist du kein besserer Mensch. Wenn du diese Tatsache einmal aus den Augen verlierst, kann das hier ein verdammt gefährlicher Ort sein.

Reese Witherspoon, der gute Mensch von Hollywood - haben Sie überhaupt keine dunklen Seiten?

Nein, die lebe ich alle in meinen Filmen aus. Da kann ich Leute anbrüllen, schlagen, treten und mit Waffen bedrohen.

Das wird auch Ihren Ehemann freuen...

Oh ja!

Klingt so, als wären Sie der ausgeglichenste Mensch der Welt.

Ich behaupte nicht, dass das besonders leicht ist. Ich muss viel Verantwortung tragen - als Mutter und Ehefrau, als Schauspielerin für ein Studio, einen Regisseur oder einen Produzenten. Das kann einen überrollen. Manchmal halte ich das auch nicht mehr aus, stöpsel das Telefon raus und verschwinde für drei Tage. Aber im Großen und Ganzen ist das alles machbar. Und irgendwie brauche ich das auch. Ich muss voran kommen, in Bewegung bleiben.

Sind Sie auch noch so entspannt, wenn die Paparazzi mal wieder vorm Haus Ihrer Familie auflauern?

Für den Erfolg zahlst du immer einen Preis. Ich habe mich damals entschieden Schauspielerin zu werden, und wenn man eine Entscheidung trifft, muss man auch mit den Konsequenzen leben. Ich gebe allerdings zu, dass ich das völlig unterschätzt habe. Ich war sehr naiv und unschuldig. Aber ich bin eine unverbesserliche Optimistin. Ich glaube aufrichtig an das Gute im Menschen.

Das heißt?

Ich akzeptiere es. Ich gehe raus, und sage zu den Fotografen: "Hi, Jungs, wie geht's Euch? Wen fotografieren wir heute? Welches Magazin ist heute dran?" Es ist ihr Job, und so lange sie nicht gefährlich werden und niemanden verletzen, ist das okay. Die meisten von ihnen sind auch wirklich nett.

Mein Gott, sind Sie tolerant.

Musst du sein, du hast keine andere Chance.

Mit dieser Ansicht stehen Sie ziemlich allein da.

Du kannst andere Leute nicht kontrollieren, und du kannst das Leben nicht kontrollieren. Und wenn das das Schlimmste ist, was mir passieren kann, geht es mir verdammt gut. Sowas nenne ich ein Luxus-Problem.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, wo Sie spürten: Jetzt bin ich wirklich berühmt?

Ja, als vor vier Jahren "Natürlich blond" in Amerika erschien, änderte sich eine ganze Menge für mich. Ich war plötzlich auf dem Cover von vier Magazinen gleichzeitig und flog durch die Welt, um den Film zu promoten. In Bombay verfolgten mich die Paparazzi und schrien "Reese, please!!". Ich hatte keine Ahnung von der indischen Kultur, aber die wussten alle, wer ich bin. Das war surreal. Aber auch damit kann ich umgehen. Ich habe seither vielmehr Hüte. Das hilft. Hüte und Sonnenbrillen.

Das Interview führte Bernd Teichmann