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Robin Williams ist tot: O Captain! My Captain!

"Robin Williams ist tot" ist ein unmöglicher Satz. Dieser grandiose Mime, dieser Über-Schauspieler, dieser schlaueste aller Comedians, dieser Mensch darf nicht sterben. Eine Verweigerung.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Jeden Tag sterben überall auf der Welt Hunderttausende von Menschen. An diesem Morgen gönne ich mir den Luxus, um einen zu trauern, den ich persönlich nicht mal kannte, dessen Tod mich aber mitten im Solar Plexus erwischt hat. Seinen Namen kann ich noch nicht schreiben, denn ich bin definitiv in der Phase der Verweigerung.

Das erste Mal von Ferne gesehen habe ich ihn an einem dieser berühmten Sonntagnachmittage Ende der 70er-Jahre. Ich war Kind, er war Mork vom Ork. Er stand Kopf auf dem Stuhl und trieb mich dazu, meinen Eltern fortan auf alles Mögliche mit "nanonano" zu antworten. Wir waren sofort Freunde.

Das ewige Ja

Für "Garp" war ich noch zu klein, aber "Popeye" haben mein Vater und ich geliebt. In "Good Morning, Vietnam" hat er gegen die Groteske des Krieges angelacht, die ich erst zu verstehen begann. Und dann in einer eisklaren Winternacht hat er mir das Herz gebrochen, als ich - zusammen mit Millionen anderer Teenager - nach "Der Club der toten Dichter" sofort auf alle Tische steigen und mein Carpe Diem proklamieren wollte. "Oh Captain, my Captain!" ist seitdem ein ewig gültiger Schlachtruf für das Gute, Schöne und Wahre in der Welt. Sein dankbares Lächeln, dass wir etwas begriffen haben, gehört dazu.

"Zeit des Erwachens" war traurig, aber in "König der Fischer" hat er mir gezeigt, wie es aussieht, wenn die Trauer bleibt. Wie eine Warnung an uns alle schien er mit allen verfügbaren Mitteln zu brüllen "Bewegt euch, weiter, nicht stehenbleiben, sonst frisst sie uns mit Haut, Haaren und Verstand".

Natürlich: "Mrs Doubtfire", "Jumanji", "Jack". Er war immer da, dieser, entschuldigen Sie das Klischee, traurige Clown. Für niemanden sonst war es wohl passender. Nein, von langjährigen Abhängigkeitsproblemen will ich auch heute nichts wissen. Das geht mich nichts an. Er ist wohl einer der letzten Stars, die diesen Namen noch verdienen. Keine schmutzige Wäsche auf Twitter oder Instagram. Sondern ein Mann, der seinen Job macht. Und deshalb unsterblich ist. In meiner Trauerarbeit nähere ich mich offensichtlich der Verhandlungsphase. Was bleibt … von Robin …

Die einzige Waffe gegen die Angst

Es kam "Good Will Hunting", der alles noch mal zusammenbrachte, die Lebenswut aus dem "Club der toten Dichter" und die Trauer aus "König der Fischer". "Wirklicher Verlust ist nur möglich, wenn du etwas mehr liebst als dich selbst", sagt Sean, der Psychologe, der das widerspenstige Genie Will zähmen soll. Nein, er war kein Comedian. Er wusste nur, dass das Lachen unsere einzige Waffe gegen die Angst vor dem Tod ist. Als sein bester Freund, Christopher "Superman" Reeve, nach einem Reitunfall mit für immer zerbrochenem Rücken im Krankenhaus lag, kam Williams ihn als durchgeknallter russischer Doktor besuchen. Er habe das erste Mal nach dem Unfall wieder lachen können, hat Reeve später gesagt. "Und ich wusste, wenn ich lachen kann, kann ich auch leben."

In Woody Allens "Deconstructing Harry" war Robin "unscharf", etwas, das Schauspieler niemals sein dürfen . In "Hinter dem Horizont" holte er aus der griechischen Mythologie heraus, was in Hollywood möglich war. In "Patch Adams" und "Jakob der Lügner" lachte er wieder uns alle mitnehmend an gegen Krankheit und Tod. Die Reihung "One Hour Photo", "Insomnia" und "The Final Cut" erklärt mir gerade mehr, als mir lieb ist. Der traurige Clown hat gekämpft. Und wie. Als Mörder, Psychopath, tragische Figur. Und seine Zuschauer wollten es nicht sehen.

Absolut verwundbar

Gerade fällt mir auf, dass der heftig gefloppte "The Final Cut" (2004), dieser visionäre wie beunruhigende Film über eine Zeit, in der wir mit einem Implantat wirklich alles, was wir erleben, aufzeichnen, der Film ist, denn ich zuletzt mit ihm gesehen habe. Er spielt einen Cutter, der nach dem Tod für die Nachwelt das Bild "richtet". Vor wenigen Monaten saß ich nachts auf dem Sofa und sah ihm gebannt dabei zu, wie er einem Sci-Fi-Thriller Eleganz und Tiefsinn schenkte und das mit der ihm eigenen Leichtigkeit, aber auch mit der Traurigkeit, die immer zu seinem Lächeln gehörte. Die war es wohl, die uns so für ihn eingenommen hat. Welcher Mensch stellt sich sonst absolut verwundbar der Welt?!

Robin Williams, da ist er der Name, von dem wir von nun an in der Vergangenheitsform schreiben müssen, darf nicht sterben, deshalb dürfen wir ihn nicht vergessen. "Wie wir alle konnte er nicht fliegen", hat es meine wunderbare Kollegin Christine Kruttschnitt letzte Nacht formuliert. "Aber er konnte sehr, sehr hoch springen."

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