Roland Emmerich "Das war der Wahnsinn"


Nach "The Day After Tomorrow" geht's jetzt ins Vorgestern: Für 75 Millionen Dollar drehte Roland Emmerich in Namibia, Südafrika und Neuseeland das prähistorische Spektakel "10.000 B.C.". Und erzählt dem stern exklusiv von den abenteuerlichen Dreharbeiten seines Mammutprojektes.
Von Christine Kruttschnitt

Eines Morgens waren die Buschmänner verschwunden. Sie waren scheu, beim Drehen musste man sie immer in die erste Reihe schieben, weil sie sich lieber hinter den anderen Statisten versteckten. Doch an diesem Morgen gab es nicht mal was zum Schieben. "Wo sind meine Buschmänner?", rief Roland Emmerich. "Weg", sagte einer der Afrikaner.

"Was, weg?! Sie müssen doch noch drei Wochen drehen!"

Er könne froh sein, gab man ihm zur Antwort, dass sie überhaupt gekommen seien. So lange an einem Ort, das hielten sie überhaupt nur aus, weil sich das Essen als so großartig und üppig herausstellte. Bezahlung war wurscht. Hollywood war wurscht. Essen war wichtig.

Emmerich sitzt an diesem regnerischen Nachmittag in Los Angeles auf einem Sofa in seiner wunderschönen alten Hollywood- Villa und muss immer wieder lachen, wenn er an die Dreharbeiten in Namibia denkt. Zweieinhalb Monate verbrachte er in einer Wüstenregion bei Spitzkoppe, dem "Matterhorn Afrikas", und in der Küstenstadt Swakopmund, wo die Deutschen in ihrer einstigen Kolonie Brauhäuser, Fachwerkbauten, ihre Sprache und einige Ewiggestrige zurückließen. In Westafrika sowie zuvor im südafrikanischen Kapstadt und auf der Südinsel Neuseelands entstand Emmerichs neuer Film "10.000 B.C." in einem prähistorischen Fantasyland voller Säbelzahntiger, Mammutjäger und epochemachender Entdeckungen hinter jedem Hügel.

Der elfte Spielfilm

Die 75-Millionen-Dollar-Produktion, die am 6. März in die Kinos kommt, ist Emmerichs elfter Spielfilm, sein jüngster seit dem Klimaspektakel "The Day After Tomorrow" von 2004, der international mehr als 500 Millionen Dollar eingespielt hat. Das war jener Film, in dem sich die Natur gegen ihre größte Plage wehrt, die Menschheit, und in einer Art meteorologischer PMS-Attacke die Welt ins Chaos stürzt. Für das wenig schmeichelhafte Porträt hat sie sich nun gerächt: 95 Prozent der Dreharbeiten zu "10.000 B.C." fanden in freier Natur statt, und insofern, sagt Emmerich, "war es der schlimmste Film, den ich je gemacht habe". Kapstadt: Regen. "Wir versanken im Schlamm." Neuseeland: Schnee. "Viel zu früh, niemand hatte damit gerechnet." Spitzkoppe: Nebel. "So gegen neun, hieß es, brennt die Sonne den weg. Ich weiß nicht, wie oft ich morgens auf die Uhr geschaut und geflucht habe: Jetzt ist es elf! Wo bleibt die Scheißsonne?!"

Emmerich, 52, wirkt ganz vergnügt bei seinen Katastrophenschilderungen. Immerhin ist auch "10.000 B.C." wieder ein Film, bei dem ihm niemand reingeredet hat. Seit seinem ersten großen US-Erfolg, dem Alien-Abenteuer "Independence Day" (1996), gilt der Schwabe als vollwertiges Hollywood-Gewächs, zuständig für all die Riesendinger, die kleine Jungs glücklich machen.

"Lauter Horrorviecher"

Eine TV-Dokumentation über Mammutjäger hatte Emmerich auf die Idee gebracht. "Und wir können nicht nur Mammute, hab ich mir gesagt, da müssen lauter Horrorviecher rein!" Am Set in Afrika wurden die Urtiere von Scherenschnitten "gespielt": So warfen sie Schatten auf die Szenerie, auch wenn sie erst der Computer anschließend zum Leben erweckte. Fünf Monate wurde gedreht, ein Jahr nachbearbeitet: Anstelle der riesigen Pappen in Mammut- oder Säbelzahntigerform kopierten die Rechner dann eine digitale Steinzeitfauna in den Film. Oder Arbeiter auf die Pyramidenmodelle, die Emmerich in Namibia errichten ließ.

In Neuseeland nimmt die Saga vom jungen Mammutjäger D’Leh - "Held" rückwärts, ein kleiner Gag von Emmerich und seinem Co-Drehbuchautor Harald Kloser - seinen Ausgang: D’Lehs Dorf wird von "vierbeinigen Dämonen", nämlich Reitern, überfallen und seine Freundin entführt. Er beschließt, aufzubrechen ins Unbekannte; die Mammutjagd ist eh nicht mehr das, was sie mal war (es nähert sich das Neolithikum), und sein Vater ist dereinst auch übern Berg verschwunden.

Kulturelle Spitzenleistungen

Aus der kargen Landschaft der Jäger reist D’Leh in ein lieblicheres Gebiet, wo sich Sammler niedergelassen haben - Bauern, die, statt mühsam Ur-Herden zu erlegen, das Getreide entdecken; Vegetarismus als Symbol einer höheren Zivilisationsstufe. Letztlich trifft der junge Wilde auf eine hoch entwickelte Kultur, die Tempel und Städte baut. Eine Art vorgeschichtliches Billiglohnland, dessen Wirtschaftsleistung durch Mammuts und das Versklaven von primitiveren Stämmen erreicht wird. Anführer ist ein hellhäutiger Egomane: Bestimmte kulturelle Spitzenleistungen - wie der Bau von Pyramiden - sind in Emmerichs Geschichtsbild nur durch gleichzeitiges Erfinden des Totalitarismus möglich.

Stolz sei er, sagt Emmerich, gar nicht so sehr auf das Mammut-Projekt an sich. "Sondern auf die Gesichter, die wir gefunden haben. Das war der Wahnsinn. Die Maori oder die Buschleute oder die schwarzen Albinos in Namibia."

Einige der Statisten reisten von ihren Dörfern mit nach Swakopmund und übernachteten erstmals in einem Hotel. Sie standen die ganze Nacht unter der Dusche, weil sie so was noch nie gesehen hatten. Auch waren sie beeindruckt von dem Aufwand, den die Fremden in der Wüste betrieben. Ein ganzes Dorf errichten. Schlachten inszenieren. Einen riesigen Steinbruch bauen. Jeden Tag diese teuren Kameras über die Dünen schleppen. Es sei super, sagten die Namibier, die Filmleute würden Afrika und die Urzeit sicher großartig darstellen. Aber, fügten sie besorgt mit Blick auf die Attrappe hinzu: Der Tiger, sorry, da müssten sie wohl noch mal ran.

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