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Rudi Carrell: Der letzte Gag des Silberpüdelchens

Jahrzehntelang prägte Rudi Carrell das deutsche Fernsehen. Mit seinem Auftritt bei "7 Tage, 7 Köpfe" hat sich der schwer kranke holländisch-deutsche Entertainer von seinem Publikum verabschiedet.

Manchmal gab es in Rudi Carrells "Tagesshow" Werbung, aber nie so, wie sich die Beworbenen das gewünscht hatten. "Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause" zum Beispiel war nicht wie im Werbefernsehen Reklame für eine Bausparkasse, sondern mit einem Kurzfilm unterlegt, in dem einige kräftige Männer einen Sarg in die Grube senkten. Für einen Gag überschreitet Rudi Carrell gerne mal Grenzen. In fast allen seinen Shows lohnte es sich, bis zum Schluss zu bleiben, denn eines der Markenzeichen der 71-jährigen holländisch-deutschen Entertainment-Ikone ist der Schlussgag. Der vorläufig letzte wurde am 30. Dezember in seiner RTL-Show "7 Tage, 7 Köpfe" gezeigt.

Der krebskranke Rudi war nur für wenige Sekunden auf der Bühne zu sehen und sagte kein einziges Wort, während er per Strippenzug seinem Show-Gast Harald Schmidt - einem seiner bekennenden Fans - Wasser in den Schoß kippte. Nach der Aufzeichnung vor Weihnachten wucherten Spekulationen, wie schlecht es dem Ex-Kettenraucher wirklich geht; Ärzte wurden mit hoffnungsvollen Diagnosen zitiert.

Nicht wegzudiskutieren war, dass der ohnehin schon schlanke Carrell weiter vom Fleisch gefallen war. "7 Tage, 7 Köpfe" lief am Tag vor Silvester ebenfalls zum letzten Mal. Die Sendung basiert auf Carrells Idee, und er hat sie auch produziert. Die Sendung wurde neun Jahre alt, und mit Sicherheit hat ihr der eine oder andere Comedian, der sich da mit Jochen Busse, Kalle Pohl, Bernd Stelter und bis 2003 auch Carrell selbst über die Ereignisse der zu Ende gehenden Woche lustig machte, seine Karriere zu verdanken.

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Das ist aber nicht die populärste Show des Mannes, der mit 17 seinen Vater bei einem Show-Auftritt vertrat und seither die Bretter der Entertainment-Bühnen nicht mehr verließ. Carrell wurde am 19. Dezember 1934 im holländischen Alkmaar geboren, hat aber schon lange seinen ständigen Wohnsitz in Deutschland. 1964 gewann er die Silberne Rose von Montreux für die "Rudi-Carrell-Show" des niederländischen Fernsehens. Danach beglückte er auch das deutsche Publikum mit Samstagabend-Familiensendungen wie "Die Rudi-Carrell-Show" (1965-74) oder "Am laufenden Band" (1974-79). Lange war sein Konterfei in dieser Zeit untrennbar mit dem Logo der Einzelhandelsgruppe Edeka verbunden.

Auf dem Höhepunkt seiner Popularität versuchte er es auch mit klamottigen Spielfilmauftritten oder mit Singen. Das meiste ist inzwischen zu Recht vergessen, aber ein Lied wird bei schlechtem Urlaubswetter gern wieder aufgelegt: "Wann wird's mal wieder richtig Sommer?" zur Melodie von "City of New Orleans" von Steve Goodman (1971). Darin kommt die Zeile vor: "Schuld daran ist nur die SPD."

Proteste aus dem Iran

Unpolitisch ist Carrell nämlich nicht. Das bewies er in der trotz schlechter Sendezeit beliebten "Tagesshow" (1981-1985), einer Verballhornung der "Tagesschau". Hier belastete er unfreiwillig das deutsch-iranische Verhältnis, als er in einem Beitrag den Eindruck erweckte, Ajatollah Khomeini werde von Anhängerinnen mit Dessous beworfen. Iran forderte von Bonn eine offizielle Entschuldigung. Die kam nicht, nur Rudi entschuldigte sich. Teheran schloss das Goethe-Institut und wies zwei Diplomaten aus. Ein andermal brachte er Politiker und Prostituierte in einen Zusammenhang, der Bundeskanzler Helmut Kohl zu einem Protestschreiben animierte. Besonders in dieser Show zeigte sich die Arbeitsweise Carrells, der als genauer Beobachter gilt und aus gewaltigem Archivmaterial seine Gags entwickelt.

Der Mann, der mit 17 die Schule schmiss, verweist immer wieder auf seine Volksnähe, wenn ihm Kritiker mangelndes Niveau vorhalten. Er räumte alle nennenswerten Fernsehpreise ab, die der deutschsprachige Raum zu vergeben hat. Königin Beatrix ernannte ihn 2001 zum Ritter im niederländischen Löwen-Orden. Das Spektrum der Carrell-Shows im Anschluss an die großen Samstagabendnummern reicht von "Herzblatt" (ab 1987) über "Rudis Tiershow" bis zu "Die Post geht ab", nun schon bei RTL. Die wenigsten erreichten die Popularität seiner früheren Produktionen. Bis 1996 "7 Tage, 7 Köpfe" kam, erst tatsächlich noch mit Politikern, die aber nicht immer hinreichend Humor bewiesen. Hier verpasste ihm auch Dauergast Gaby Köster den Spitznamen "Silberpüdelchen".

Carrells Privatleben sorgte ebenfalls für Schlagzeilen. 2000 starb seine zweite Ehefrau Anke mit 59 Jahren nach einem langen Rheumaleiden. Auch über ein Verhältnis mit seiner Produzenten-Kollegin Susanne Hoffmann, die zugleich Geschäftsführerin seiner Firma war, wurde immer wieder berichtet. 2001 heiratete der Vater dreier Kinder in Australien überraschend die damals 30-jährige Hotelfachfrau Simone Felischak.

Thomas Rietig/AP