HOME

Russell Crowe: Alles hört auf sein Kommando

Er gibt den Pöbler und Querkopf, das Raubein und den Dickschädel. Und das nicht nur auf der Leinwand. Kein Wunder, dass Russell Crowe Hollywoods liebstes Alpha-Tier ist.

Draußen schlagen die Wellen hoch, man sieht die Gischt im Wind. Von Osten zieht hellroter dünner Nebel heran, und hier an den Fenstern stehen ein paar Männer und schauen bedrückt. Kaum einer sagt was, nur Gemurmel. Dann, nach einer halben Stunde, geht die Tür auf, und ein Mann kommt herein. Alle drehen sich um und schauen ihn an. "Und?" Stille. "Er hat gute Laune." Uff! Pffhh! Erleichtertes Aufatmen, manche lachen, es wird wieder gesprochen.

Könnte eine Szene aus "Master and Commander" gewesen sein - hohe Wellen, Wind, und alle haben Angst vor ihm, dem Kapitän. Auch hier in Santa Monica ist heute Seegang, und ein Stockwerk höher in diesem Haus sitzt er. Der Kapitän, das Raubein, der Seewolf, Russell Crowe. Und wenn man dann zu ihm hinaufgeht und überlegt, ob man nun "Captain" oder "Mr. Crowe" sagen soll und den Etagenkellner mit einem gemurmelten "Aye, aye, Sir!" aus dem Zimmer kommen hört, fragt man sich, wie dieser Mann es immer wieder schafft, seine Rollen mit ins wahre Leben zu nehmen.

Nach "Gladiator", sagen Journalisten, blickte Crowe sie an, als wären sie Löwen im Colosseum; als er bei den "Golden Globes" 2001 gegen Tom Hanks verlor, stürmte er so wütend aus dem Saal, als habe der römische Kaiser den Daumen gesenkt. Und als er ein Mathematik-Genie in "A Beautiful Mind" spielte, raunzte er Interviewer an, ob sie auch intelligente Fragen hätten. Jetzt spielt, nein, jetzt ist Crowe also Captain Jack Aubrey, und an Bord seines Kriegsschiffes lässt er einen Matrosen auspeitschen, weil der sich schlecht benommen hat. Aber heute soll er ja gute Laune haben.

Man könnte sich mit Russell Crowe in einer Turnhalle verabreden, sie würde klein wie eine Besenkammer, wenn er einem gegenübersitzt. Der 39-Jährige ist nicht riesig groß, aber raumgreifend. Er hat den Kopf meist leicht gesenkt, mit seinen dunklen Augen schaut er einen ungerührt, lauernd und wortlos an. Sich mit ihm zu unterhalten, kann Schwerstarbeit sein. Er schüttelt den Kopf, wenn ihm eine Frage ungenau vorkommt, mit tiefer Stimme sagt er genau bemessene Sätze, kein Wort zu viel, keine Ornamente.

Das irritiert nur die ersten Minuten, weil man das "It's so great"-Gewäsch des üblichen Hollywood-Personals gewöhnt ist. Er habe die Dreharbeiten gemocht, sagt er, weil jeder schon am Morgen zu ihm "Captain" sagte, und er habe es bedauert, am Ende die Uniform wieder ausziehen zu müssen. "Ist ein Scherz", sagt er, und man glaubt ihm nicht. Monatelang hat er das Segeln auf großen Schiffen geübt, das Gehen auf schwankenden Planken. Und das Kommandieren. Gleich am ersten Drehtag hat er an die Film-Besatzung farbige T-Shirts verteilt, jede Farbe entsprechend der Funktion an Bord.

Dazu Namensschilder, Nadel und Faden. Zwölf Stunden hatten sie Zeit, die Schilder auf ihre Schiffsuniformen zu nähen. Die Hierarchie, fand Captain Crowe, würde auf der Leinwand besser spürbar, wenn sie auch nach Feierabend bestehen bliebe. Das sei nun mal seine Art zu arbeiten, sagt er, "viele Kollegen machen das anders, aber das sieht man dann ja auch. Ich brauche diese Grundlagenarbeit, ich muss meine Rolle erforschen. So entstehen Momente, die Kinogänger lieben".

Der australische Regisseur Peter Weir ("Truman Show") fand seinen Stoff in 20 Abenteuerromanen des Briten Patrick O'Brian, einer endlosen Wellengang-Saga um den heldenhaften Captain Aubrey. Gedreht wurde in den Studios an der Baja California in Mexiko, wo in einem riesigen Meerwasser-Pool schon die Film-"Titanic" unterging. Die "Master"-Story ist episch, aber schnell erzählt: Das britische Kriegsschiff "Surprise" wird 1805 vor der brasilianischen Küste von einem französischen Schiff mit Kanonen angegriffen und heftig beschädigt. Captain Aubrey macht sich auf die Jagd nach dem Franzosen, umschifft Kap Hoorn und die Galapagos-Inseln und erobert am Ende das feindliche Boot.

Ausführlich wird der Alltag auf See geschildert, das Knarren der Masten, der schwankende Boden, das Donnern der Kanonen, das Splittern der Planken, die Enge; einem Schiffsjungen wird der Arm amputiert, einem alten Matrosen der Kopf mit einer Münze geflickt. Und über all dem steht Captain Aubrey, Kommandant, Vaterfigur, Moderator und Richter dieser seegängigen Männergesellschaft. "Ich glaube, ich kenne Jack Aubrey besser als Russell Crowe", sagte Regisseur Weir während der Dreharbeiten.

Nichts lenkt von Aubrey ab, er ist das Zentrum des ganzen Films, auch keine Frau weit und breit - "Frau an Bord bringt Kummer und Mord", so die alte Seemannsregel. "Sicher, das Studio hätte liebend gern eine Frauenrolle reingeschrieben, aber das wäre nicht echt gewesen", sagt Crowe, und die Studiobosse werden es sich gut überlegt haben, mit Captain Crowe über "nicht echt" zu streiten.

"Master and Commander" ist auch der 120 Millionen Dollar teure Versuch, einen neuen Kinohelden aufzubauen. "Man wird sehen, ob das Publikum Aubrey mag, aber ich hätte nicht unterschrieben, wenn nicht an Fortsetzungen gedacht wäre", sagt Crowe, der eine Art historischer 007 der Weltmeere werden könnte. "In der nächsten Episode geht Aubrey an Land, das wird interessant, weil er da nicht mehr die Autorität hat", fügt er hinzu, und man sieht, wie er im Geiste schon an seiner Rolle feilt.

Man darf nicht den Fehler machen, mit Russell Crowe über etwas anderes als seine Arbeit zu sprechen. Sein Privatleben verteidigt er grimmig. Als ihn Journalisten vor ein paar Jahren zu seiner damaligen Affäre mit Meg Ryan befragten, wurden sie von ihm beinahe bedroht. Er sei der "John McEnroe des Kinos", schrieb die "Sunday Times" über seine rüde Art, die allerdings einen gewissen Sex für Frauen habe, weil sie sich von Typen wie Crowe beschützt fühlten.

Er raucht seine dritte Zigarette und lacht sparsam. Er mag diese Frauenzeitschriftenpoesie zu seiner Psyche nicht. Im Sommer hat er seine langjährige Freundin Danielle Spencer geheiratet, im Januar kommt sein Sohn zur Welt. "Ich freue mich wirklich auf den Tag, an dem ich mein Kind sehe und sagen kann: Oh, da bist du also. Wie interessant. Aber ich kann jetzt nicht sagen, wie mich das alles verändert und so weiter."

Aus. Mehr Privates kommt nicht. Von Russell Crowe nicht. Von Jack Aubrey schon: "Man wird den Captain besser verstehen, wenn man seine Frau und seine Kinder sieht."

Jochen Siemens