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Samuel L. Jackson: Cool und unterkühlt

Samuel L. Jackson gibt sich in Interviews gerne maulfaul. Außer man spricht ihn auf sein Alter an. Matthias Schmidt hat den Kultschauspieler getroffen - und tatsächlich zum Reden gebracht .

Samuel L. Jackson: Sieht schnieke aus, ist aber maulfaul. Unser Autor Matthias Schmidt hat ihn zum Reden gebracht.

Samuel L. Jackson: Sieht schnieke aus, ist aber maulfaul. Unser Autor Matthias Schmidt hat ihn zum Reden gebracht.

Und, wie isser denn so? Wer aus beruflichen Gründen immer wieder mal Kinogrößen treffen und sprechen darf, kennt diese Frage. Kollegen, Ehepartner und Freunde interessiert offenbar brennend, wie sie in echt drauf sind, die Hollywoodstars, die es sonst nur weit entrückt auf der Leinwand zu bestaunen gibt oder auf den Seiten der bunten Blätter. Ach, sagen die Interviewer dann und zucken mit den Schultern, sehr unterschiedlich, wie ganz normale Menschen halt. Manchmal umgänglich und zuvorkommend wie Hugh Jackman oder Michelle Pfeiffer. Manchmal angespannt und extrem zurückhaltend wie Natalie Portman oder Brad Pitt. Und ab und wann trifft man Künstler wie Scarlett Johansson oder Martin Scorsese, denen man noch stundenlang zuhören könnte und die so viel Schaffensenergie und Herzenswärme ausstrahlen, dass man damit drei Kohlekraftwerke ersetzen könnte.

Die Begegnung mit Samuel L. Jackson, dem lässigsten und coolsten aller Hollywood-Akteure, fühlt sich dagegen so einladend an wie ein verstrahltes Kühlwasserbecken. Wie isser? Unhöflich, fast rüde. Kein Wort der Begrüßung, kein Handschlag. Er hebt nicht mal den Blick, sondern stiert lieber auf das Blubbern seiner elektrischen Zigarette.

Der Versuch eines Gesprächs:

Herr Jackson, laut einer Filmdatenbank haben Sie bereits in 161 Filmen mitgespielt.

Keine Ahnung.

Interessiert Sie das nicht?

Warum sollte ich mitzählen? Dafür gibt‘s ja keinen Preis.

Hm. Nicht nur schlecht gelaunt, der Mann, sondern auch noch maulfaul. Vielleicht weil er es sich mittlerweile leisten kann. Jahrzehntelang bekam der Sohn eines Alkoholikers und einer Fabrikarbeiterin, aufgewachsen im US-Bundesstaat Tennessee, nur Jobs beim Theater. Erst als er schon über 40 war und sich und sein Talent zunehmend in Heroin, Crack und Kokain auflöste, wurde Hollywood auf ihn aufmerksam. Weil er für Spike Lee in dessen Romanze "Jungle Fever" so überzeugend einen Drogenabhängigen mimte. Und das ausgerechnet kurz nachdem ihn seine Familie in einer Entzugsklink hatte einweisen lassen.

Heute gilt Jackson als fleißigster und kommerziell erfolgreichster Schauspieler aller Zeiten. Das Gesamteinspiel seiner Filme liegt mittlerweile bei über 10 Milliarden Dollar. Mehr als Tom Cruise oder Johnny Depp. Wobei auch Nebenrollen in Blockbustern wie "Avengers", "Star Wars" oder "Jurassic Park" mit in die Bilanz einflossen. Die Diva hat er sich also redlich verdient. Neuer Versuch.

In dem Action-Abenteuer „Big Game”, einer deutsch-finnischen Koproduktion, spielen Sie nun den US-Präsidenten. Zum ersten Mal?

Erstes Mal.

Haben Sie sich dafür extra vorbereitet?

Nein.

Kein Rat von Bill Clinton, mit dem Sie gelegentlich golfen?

War nicht nötig.

Interessieren Sie sich grundsätzlich für Politik?

Hält sich in Grenzen. Ich will mir nicht meinen Tag versauen, mit dem was diese Leute nicht tun und was sie tun sollten, um unser Leben zu verbessern.

Uff. Jackson beantwortet Fragen mit Gegenfragen. Gibt sich schnippisch und jähzornig, ganz so, als müsse er gleich wieder ein paar dämliche Drogendealer aus dem Weg räumen wie bei einem seiner noch immer eindrucksvollsten Auftritte als bibelfester Profikiller im Kultfilm "Pulp Fiction". Dann werden wir doch mal persönlicher.

Sie sind jetzt 66 und arbeiten fast ohne Pausen. Warum sind Sie so rastlos?

Sie gehen doch auch jeden Tag zur Arbeit.

Ja, aber ich bin 20 Jahre jünger.

Er lacht schallend. Und so laut, dass sogar seine Assistentin, die im Nebenraum so tut, als würde sie gerade ihre Mails beantworten, erschrocken aufschaut.

Was zur Hölle soll das denn heißen?

Haben Sie nie das Gefühl etwas zu verpassen?

Was denn?

Mehr Golf spielen. Mehr Zeit mit der Familie. Eigenen Wein anbauen.

Herumsitzen und ein paar verfickten Trauben beim Wachsen zuschauen? Nicht mit mir. Die Schauspielerei ist alles für mich: meine Leidenschaft, mein Antrieb. Ich liebe es, etwas zu erschaffen, Teil einer aufregenden Geschichte zu sein. Deshalb fühlt sich meine Arbeit oft so an wie bezahlter Urlaub. Ich reise um die Welt, sage für ein paar Stunden meinen Text auf und dann schau ich mir in Berlin an, wo die jungen Leute chillen. Ich stehe nicht am Grill und wende Burger oder muss jeden Tag ins gleiche Büro. Über 60 zu sein ist heute nicht mehr so scheiße wie früher, weil wir viel mehr wissen über unsere Gesundheit und Ernährung. Letztes Jahr habe ich sogar eine Weile vegan gelebt, großartig. Zu einem Maler würden Sie auch nie sagen: Oh, Sie sind schon 66, wird der Pinsel nicht langsam etwas schwer?

Wunderbar. Er ist richtig in Fahrt jetzt und fast in Plauderlaune. Wir reden noch über Twitter, wo er inzwischen über 5 Millionen Fans hat. Seine regelmäßigen Treffen mit Denzel Washington, weil dessen Frau die beste Freundin sei von seiner Frau. Die hat er bereits als Student kennengelernt und vor über 35 Jahren geheiratet. Warum er in "Big Game" wegen der Jugendfreigabe vergleichsweise wenig fluchen darf und dass "Motherfucker" trotzdem ein tolles Wort sei, für das es unzählige Schreibweisen und Verwendungsmöglichkeiten gebe.

Und dass er es sich nicht nehmen lasse, ohne Bodyguards oder Tarnkleidung spazieren zu gehen oder shoppen. Ruhm mache einen nicht automatisch zu einem besseren Menschen, sagt er und wirkt am Ende sympathisch, bodenständig, nahbar. Wie ein ganz normaler Mensch eben. Fast.

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