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Schlingensief: Provokateur und "reiner Tor"

"Scharlatan" oder "Überzeugungstäter" Christoph Schlingensief auf seinem "Parforceritt" durch die europäische Kulturlandschaft: Nach dem Wiener Burgtheater und der Kunstbiennale Venedig kommt er nach Bayreuth.

Christoph Schlingensief ante portas in Bayreuth. Die Nachricht vom Grünen Hügel, dass der Berliner Theaterprovokateur im nächsten Jahr ausgerechnet Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal" inszenieren wird, hat nicht nur in Opernkreisen für Verblüffung bis hin zu ungläubigem Erstaunen gesorgt. Wiener Burgtheater, Kunstbiennale Venedig und nun Bayreuth - "edler geht’s nicht", lauteten erste Kommentare zu Schlingensiefs "Parforceritt" durch die Kulturlandschaft.

Doch bevor der "reine Tor", der nicht "erwachsen" werden will, "Parsifal" inszeniert ("Erlösung dem Erlöser"), ist Schlingensief erst einmal in die Kirche eingetreten: In der Lagunenstadt startet der Aktionskünstler und Unruhestifter, der auch schon mal Geldscheine der Deutschen Bank vom Reichstag buchstäblich aus dem Fenster werfen wollte, in dieser Woche zur Kunstbiennale sein Projekt "Church of Fear" ("Kirche der Angst"). Es ist ein siebentägiges "Pfahlwettsitzen" von "Sieben Säulenheiligen" neben einer nachgebauten Kirche - mit Unterstützung der Bundeskulturstiftung.

Mit Richard Wagners Musik auf Deutschlandsuche

In Wien, wo Schlingensief vor drei Jahren die Österreicher mit seiner Container-Asyl-Aktion verstörte, wird der 42-Jährige im Dezember ein neues Stück von Elfriede Jelinek inszenieren und auch mitspielen ("Sind wir denn ein Land der Masochisten?" lautete einer der ersten österreichischen Kommentare im Internet dazu). Und dann Bayreuth, der "Weihetempel" der Wagnerianer, zu dem Schlingensief schon länger eine innere Verbindung spürte, seit er mit der Musik Richard Wagners auf "Deutschlandsuche" ging oder mit einer "Wagner Rallye" zur Jahrtausendwende durch die Wüste in Namibia zog.

Der aus Oberhausen stammende und jetzt im Berliner Prenzlauer Berg lebende Theaterprovokateur und Filmemacher Christoph Schlingensief ("Das deutsche Kettensägenmassaker", "100 Jahre Adolf Hitler"), der im Februar den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden für "Rosebud" erhielt, hat analog zum Filmprotest der Oberhausener Rebellen der 60er Jahre schon früher als andere postuliert: "Opas Theater ist tot!" Also inszeniert er nicht nur an der Berliner Volksbühne seine gewohnten Spektakel mit unterschiedlichem Echo wie "Die Berliner Republik oder Wagners 'Ring' in Afrika" oder jetzt "Atta-Atta", sondern tritt auch gerne aus den gewohnten Bühnenräumen heraus.

"...weil ich mich weigere, nur Kunst zu machen, die erst in 100 Jahren gefragt ist..."

"Ob Zadek die Mutter Courage richtig inszeniert, ist doch völlig unwichtig. Es geht um die Beteiligung des Zuschauers an der großen Illusionsmaschine der Gesellschaft. Die wirklich interessanten Inszenierungen finden draußen statt." Zum Beispiel beim letzten Bundestagswahlkampf, als Schlingensief mit seiner "Aktion 18 - Tötet Politik" durch die Lande zog, die er als "Pilgerfahrt, Fallschirmsprung und TV-Duell in einem" bezeichnete.

Nach Venedig habe man ihn jetzt geholt, "weil ich mich weigere, nur Kunst zu machen, die erst in 100 Jahren gefragt ist und ich die Kunst vertrete, die nicht nur an der Wand hängt", wie er in einem dpa-Gespräch sagt. Er will auch den Betrachter in das Kunstwerk mit einbeziehen, "der Betrachter als Bestandteil der Skulptur". So soll es jedenfalls auch in Venedig funktionieren, wenn die "Säulenheiligen" mit den Zuschauern vielleicht ins Gespräch über ihre Ängste kommen, wie es sich Schlingensief jedenfalls vorstellt. "Vielleicht über den zerstörten Glauben an die Marktwirtschaft und die Globalisierung, der Säulenheilige demonstriert seine Ausgesondertheit und seine Angst, die er öffentlich macht - jeder hat das Recht auf persönlichen Terror."

Im September will Schlingensief die Aktion nach Frankfurt am Main verlegen. Dem soll eine "Prozession" von Köln in die Frankfurter Innenstadt vorausgehen. Auf eines legt Schlingensief bei alledem immer noch Wert: Politclown sei er nicht. "Selbstdarsteller", "Scharlatan" oder "Überzeugungstäter" - darüber lasse sich schon eher streiten.

Wilfried Mommert