HOME

Sofia Coppolas "Somewhere": Bambi aus Stahl

Aus dem Schatten ihres Vaters hat sie sich längst herausgefilmt. Sofia Coppola ist selbst eine große Regisseurin. Ihr neues Werk "Somewhere" erzählt von einem Kinostar, dessen Tochter plötzlich etwas Sinn in sein leeres Leben bringt.

Von Christine Krutschnitt und Bernd Teichmann

Bei Erdbeben ruhig bleiben", steht in den Aufzügen des mehr als 80 Jahre alten Hotels, dabei haben Erdbeben das "Chateau Marmont" in Los Angeles noch nie erschüttert. Eher Gäste wie Britney Spears, die sich im Restaurant das Abendessen ins Gesicht schmierte (Hausverbot), oder John Belushi, der sich hier totkokste. Der Doors-Sänger Jim Morrison fiel einst vom Dach, die Rocker von Led Zeppelin knatterten auf Motorrädern durch die Lobby, und der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers flog hochkant raus, nachdem ein Reporter seinen Drogenkonsum im Hotelzimmer publiziert hatte.

Irgendwie kein Wunder also, dass es "der Traum eines jeden jungen Schauspielers ist, einmal im Chateau Marmont zu wohnen", wie die Regisseurin Sofia Coppola mit einer gewissen mütterlichen Nachsicht erklärt. Die 39-Jährige, Mutter zweier Töchter und dabei weiterhin vom ungelenken Charme einer Heranwachsenden, hat selbst oft in dem Pseudo-Schlösschen am Sunset Boulevard gewohnt. Geburtstage hat sie dort gefeiert (ohne Drogen, ohne Hausverbot), und mit dem Personal versteht sie sich so gut, dass sie einem der Kellner in ihrem neuen Film einen Auftritt verschafft hat. "Somewhere" ist eine Hommage an das wohl berühmteste Hotel der Stadt, an die Stadt selbst und an die Menschen, die dort seltsam anonym aneinander vorbeileben und doch so hungrig wie nirgendwo sonst auf der Welt nach Anerkennung, Ruhm und Öffentlichkeit sind.

Verlorenheit als Motiv in ihren Spielfilmen

Dieses leicht schizophrene Dasein ist Sofia Coppola bestens vertraut. Immerhin ist sie die Tochter des großen Regisseurs und Produzenten Francis Ford Coppola, der, seit sie sich erinnern kann, eine aufregende Mischpoke von Filmstars, Künstlern und Autoren um sich scharte und das jüngste Kind - die einzige Tochter! Den Augapfel! - ins Rampenlicht hob, da war die Kleine gerade geboren.

Berühmtheit, Glamour, das ganze Hollywood-Gedöns: Sie ist mittendrin groß geworden. Und auf der anderen Seite, sagt sie, war ihre Heimat immer Coppolas Weingut nördlich von San Francisco, weitab von der Traumfabrik, wo sie mit "ganz normalen" Kindern zur Schule ging - wenn sie Papa gerade mal nicht an ferne Drehorte begleitete. "Ich war mehrere Monate unterwegs, aber dann wieder ein, zwei Jahre zu Hause", sagt Sofia gelassen. "Das half, sich nicht verloren zu fühlen."

Verlorenheit, das ist ein Motiv in jedem ihrer bislang vier Spielfilme: So wie der Held in "Somewhere", ein von der Leere seines Erfolgs gepeinigter Hollywood-Hot-Shot, mit seinem teuren schwarzen Sportwägelchen im Kreis herumfährt, so plagen sich Sofias Figuren alle mit der Frage, wohin sie eigentlich wollen, wohin sie gehören. Biografisch dürfe man das aber nicht überbewerten, meint sie dazu trocken.

Endlich ihre Berufung gefunden

Sie ist ein schmales Persönchen, wirkt immer ein bisschen schläfrig, nicht erst seit die im Frühsommer geborene zweite Tochter Cosima ihr die Nächte vermasselt. Aber der Bambi-Look trügt. "Sie ist sehr klein, meine Sofia, und sehr zart", sagte Francis Ford einmal über seinen Liebling. "Aber sie ist aus Stahl."

Coppola Senior, der dafür sorgte, dass weite Teile der Verwandtschaft im Filmgeschäft unterkamen, ließ seine Jüngste erst mal ausprobieren, wonach es sie verlangte. Mode, Fotografie, Schauspielerei - Sofia dilettierte munter in allen Branchen, der Alte unterstützte sie zuverlässig. Nepotismus ist ein Vorwurf, der ihr nicht gefällt, den sie jedoch selbstbewusst abschüttelt: "Ich habe mir nie dauernd Gedanken gemacht, dass ich eine Coppola-Tochter bin." Soll heißen: Lasst es gefälligst auch bleiben. Wenn ein Film gut ist, ist er gut, auch wenn und obwohl ihn die Tochter-von gemacht hat.

Für "Somewhere" gab es in diesem Jahr nicht weniger als den Goldenen Löwen beim Filmfestival in Venedig. Der wird gleich neben dem Oscar platziert sein, den die Regisseurin 2004 fürs Drehbuch zu "Lost in Translation" gewonnen hat. Überhaupt überschlagen sich die Kritiker. Sofia, so viel ist klar, hat endlich ihre Berufung gefunden.Und auch wenn sie jetzt ihre eigene Familie hat - sie lebt mit dem Vater der Töchter, dem französischen Musiker Thomas Mars, in Paris -, so wird Weihnachten doch wie immer mit der ganzen Sippe gefeiert. Und zwar zu Hause im Napa Valley, bei Vater-von.