HOME

Sylvester Stallone: "Mein Ego wurde größer und größer"

Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Und steigen nun ein letztes Mal in den Ring. Sylvester Stallone über sein turbulentes Leben mit "Rocky Balboa".

Mr Stallone, Sie spielen nun bereits zum sechsten Mal den Gossenboxer Rocky Balboa. Ist diese Figur für Sie ein Segen oder ein Fluch?

Als ich jünger war, dachte ich, das wäre eher ein Fluch. Aber Jugend ist ja oft ein Synonym für Dummheit. Was damals passierte, ist einmalig in der Geschichte des Kinos. Noch nie ist jemand mit einer Filmfigur so identifiziert worden wie ich mit Rocky. Als der Film mit drei Oscars ausgezeichnet wurde, war mein Schicksal besiegelt. Ich musste erst 50 werden, bis mir klar wurde: Das ist das Beste, was passieren konnte. Rocky ist mein Schutzengel.

Warum ist Rocky kein Tennisspieler oder Baseball-Star?

Dass die Hauptfigur ein Boxer sein sollte, stand relativ schnell fest. Ich mochte diesen Sport und hatte einige interessante Geschichten über Rocky Marciano gelesen. Stark beeinflusst haben mich auch Martin Scorseses "Hexenkessel", der ziemlich genau die Verhältnisse beschrieb, in denen ich aufgewachsen war. Auch Filme wie "Marty" und "Die Faust im Nacken" dienten mir als Inspiration. All das verarbeitete ich, und am Ende kam eine Figur heraus, die aus einfachen Verhältnissen stammt, hart im Nehmen und gleichzeitig sehr kindlich ist, ein großes Herz hat und in einer heruntergekommenen Gegend lebt.

Klingt wie die Biografie von Sylvester Stallone.

Ja, der erste Film und der Neue sind sehr autobiografisch. Ein Mann kämpft für ein besseres Leben, um Anerkennung und Respekt. Ich hatte das Drehbuch für mich selbst geschrieben und war immer überzeugt, dass das keiner besser spielen konnte als ich. Ich schlug mich damals wie Rocky durchs Leben, nur als Schauspieler ohne Manager.

Und Ihre Kindheit inklusive prügelndem Vater und der frühen Scheidung der Eltern war ja auch kein Zuckerschlecken.

Ich hatte echt eine harte Zeit. Ich litt unter der Scheidung und meinem schiefen Gesicht, das ich wegen eines Geburtsfehlers hatte. Von seinem Vater muss sich Rocky sagen lassen, er sei mit nicht so viel Hirn geboren worden und solle deshalb besser seine Muskeln aufbauen - das Gleiche hat mein Vater zu mir gesagt. Die Szene, in der Rocky vor dem Lauftraining ein Glas rohe Eier trinkt - das habe ich früher auch gemacht. Und ich bin von einem Dutzend Schulen geflogen. Nicht, weil ich mich ständig geprügelt habe. Ich war kein Schlägertyp. Der Grund war ADS, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, unter dem ich bis heute leide. Im Filmgeschäft ist das nicht unbedingt von Nachteil - aber in der Schule... Ich war eine unglaubliche Nervensäge, die sich schnell langweilte, Mädchen blöd anquatschte und Lehrer mit Gegenständen bewarf. Als ich 16 war, brach ich für ein Jahr die Schule ab, um wie Rocky in den Docks zu arbeiten. Allerdings ging ich dann wieder zurück, weil ich kein kriminelles Leben riskieren wollte.

Rocky war nicht das erste und einzige Drehbuch, das Sie geschrieben haben. Aber Sie werden gern darauf reduziert.

Ja, dieses blöde Image: meine turbulenten Ehen, die vielen schlechten Filme, die Cartoon-Figuren, die ich gespielt habe. Das war so dominant, dass die Leute alles andere ausgeblendet haben. Dass mich alle nur als den doofen Stallone, den muskulösen Dummkopf gesehen haben, tat schon weh. Und eines ist klar: Wäre ich in jungen Jahren tatsächlich erfolgreich als Schauspieler gewesen, hätte ich wohl nie geschrieben. Und dann wäre meine Karriere schnell vorbei gewesen.

Ihr allererstes Skript trug den seltsamen Titel "Im gleichen Atemzug lauthals schreien und leer flüstern" und handelte von einem Rocksänger, der nicht aufhören konnte, Bananen zu essen.

War das schlecht! 200 Seiten Schrott, aber ich dachte tatsächlich, das würde sich verkaufen. Also ging ich damit zu der großen Agentur William Morris. Die fanden das natürlich grausig und gaben mir den Tipp, das Schreiben sein zu lassen und es besser mal mit der Schauspielerei zu versuchen. Ich sagte, das hätte ich ja auch schon gemacht.

Ein anderes Frühwerk hieß "Versprechen auf Wasser geschrieben".

Sehr poetisch, nicht? Ich habe sogar mal ein Drehbuch über einen chassidischen Juden im Wilden Westen geschrieben, der Sheriff in einer Stadt wurde, die basierend auf dem Kommunistischen Manifest gebaut worden war: "Sin Silver". Das war schon verrückt.

Genauso verrückt, wie einige Jahre später der Erfolg und die Oscars für "Rocky". Glauben Sie, dass das zu früh kam?

Ohne Zweifel. Es war unglaublich, was da passierte. "Rocky" kam aus dem Nichts, kostete knapp eine Million Dollar, wurde ein Riesenhit und gewann den Oscar als bester Film - gegen großartige Filme wie "Taxi Driver", "Network", "Die Unbestechlichen" und "Dieses Land ist mein Land". Das klingt selbst schon filmreif. Für jemanden, der gerade mal 30 war, ein bisschen viel auf einmal. Darauf war ich nicht vorbereitet.

Wie hat sich das geäußert?

Auf der Leinwand war ich dieser Typ aus der Arbeiterklasse, den das Publikum liebte, aber außerhalb des Kinos wollte ich damit nichts zu tun haben. Ich versuchte mich anders zu kleiden, anders zu reden, so weit wie möglich weg zu sein von Rocky. Die Leute waren empört darüber, dass ich mich selbst verleugnete.

Sie haben kürzlich über sich gesagt: "Ich hasse diesen Mann, der ich früher war."

Ich war oberflächlich und egoistisch. Ich umgab mich mit Leuten, die nicht gut für mich waren. Leute, die auf deiner Gehaltsliste stehen und dir deshalb nicht die Wahrheit sagen, sondern das, was du hören willst. Mein Ego wurde größer und größer. Irgendwann ging es mir gar nicht mehr um die inhaltlichen Qualitäten eines Films, sondern nur um das Geld. Worum geht es dem Film? Scheiß drauf! Wie hoch ist die Gage?

Sie sagten auch, dass Sie damals voller Ängste und Wut waren. Woran lag das?

An dem Druck, unbedingt die Nummer eins sein zu wollen. Als Arnold Schwarzenegger und später Bruce Willis zu Stars wurden, entwickelte sich ein regelrechter Action-Wettbewerb. Wie in der Leichtathletik: Wer kommt zuerst ins Ziel? Vor allem Arnolds und meine Filme standen immer in Konkurrenz zueinander, wobei ich zugeben muss, dass er dieses Spiel definitiv besser beherrschte als ich. Dieses Konkurrenzdenken war von Aggressivität und Eitelkeit geprägt. Heute bin ich mit beiden gut befreundet. Mein Ratschlag an Bruce für den vierten "Stirb langsam"-Film, den er gerade dreht: Du musst emotional bluten. Du darfst nicht alle Antworten haben. Und nimm nicht zu viel ab. Diese alten Jungs werden zu dünn.

Ihr persönlicher Exorzismus geht nach dem Ende von Rocky noch in die nächste Runde: Ab April wollen Sie einen weiteren Film mit Rambo drehen.

Ja, abschließen und loswerden. Und Rambo ist ein anderes Kaliber als Rocky. Viel düsterer und abgründiger und zudem zweitens politischer und ideologischer. Sie werden es nicht glauben, aber in weiten Teilen der Welt war Rambo weitaus erfolgreicher und beliebter als Rocky. Zum Beispiel in Indien, Pakistan oder Indonesien, wo Boxen nicht so populär ist. Ich mache diesen Film vor allem auch, weil viele Menschen den letzten nicht mochten.

Können Sie uns schon verraten, worum es geht?

Das Drehbuch ist noch nicht ganz fertig. Nur so viel: John Rambo hat sich hasserfüllt in den thailändischen Dschungel verkrochen, wo er Schlangen jagt. Bis die Geiselnahme einer Gruppe Menschenrechtsaktivisten in Burma wieder so etwas wie menschliche Gefühle in ihm weckt. Natürlich ist da auch eine Frau im Spiel.

Rambo entdeckt die Liebe, wie romantisch ...

Der Mann lebt in der Hölle, und ich habe beschlossen, ihn da rauszuholen und ihn mit Würde zu Grabe zu tragen. Und ich will die Soldaten, die Jungs, die in Vietnam waren und immer noch verbittert sind, ein bisschen berühren und ihren Zorn lindern. Aber, ehrlich gesagt, genieße ich jetzt erst mal die letzten Tage mit Rocky. Dass dieser kleine, unspektakuläre Film überall so gut ankommt, ist phänomenal. Nichts wird diesen Moment übertreffen, weil er so unerwartet kam. Ich hatte auch mal die Idee, Rocky am Ende sterben zu lassen. Das wäre vielleicht künstlerisch der bessere Weg gewesen, aber die Botschaft, die ich hinterlassen möchte, ist: Hoffnung. Der Tod gibt nicht viel Hoffnung.

Interview: Matthias Schmidt/Bernd Teichmann / print