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Tom Tykwer über seinen neuen Film Die Welt braucht uns nicht so dringend, und das ist gut so

Tom Hanks in "Ein Hologramm für den König"
Tom Hanks in "Ein Hologramm für den König". "Wenn Leute eine Chance haben, etwas zu verändern, dann die, die Grenzen überwinden, die uns demonstrieren, dass wir schon viel verbundener sind, als unsere politischen und religiösen Systeme uns glauben machen", sagt Regisseur Tom Tykwer.
© X-Verleih
Tom Tykwers neuer Film "Ein Hologramm für den König" mit Tom Hanks ist die brillante Geschichte eines Steh-auf-Männchens in der globalisierten Welt. Ein Gespräch mit dem Regisseur über das Fremde, die Angst und westliche Arroganz.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Man könnte "Ein Hologramm für den König" als klassische Fish-out-of-water-Geschichte abtun: alles schon gelesen, alles schon gehört. Aber natürlich erzählt "Ein Hologramm für den König" (nach dem Buch von Dave Eggers) viel mehr als die Geschichte von Alan Clay (Tom Hanks), der in Saudi-Arabien eine Telefonanlage verkaufen soll. Das Schicksal dieses Steh-auf-Männchens ist nicht weniger ein Spiegel, der uns den Zustand unserer Welt zeigt, das dringend nötige Ende der westlichen Arroganz, aber auch die tägliche, harte Arbeit an einer besseren Welt.

X-Verleih

Herr Tykwer, "Ein Hologramm für den König" endet sehr abrupt…

Das ist doch schön. Ich bin ein bisschen angeödet von den Filmen, die endlos Abschied feiern, sechs Stunden lang "Auf Wiiiiederseeehen". Ich mag es, wenn man in etwas reingeschmissen und rausgerissen wird. Und der Rest darf dann im Kopf weitergehen.

Der sich hoffnungsvoller gestaltet als im Buch.

Ich tue mich schwer damit, Leute in schwierigen Situationen zu beobachten. Wenn Menschen, die sich wirklich Mühe geben, die wirklich über ihren Schatten springen, trotzdem scheitern. Ich weiß nicht, warum ich mir das angucken soll. Es ist doch absurd zu sagen, "Wir können uns bemühen, wie wir wollen, es wird sowieso schiefgehen". Daran glaube ich nicht. Und selbst wenn es so wäre, würde es doch keinen Spaß machen, das zu verkünden.

Für mich ist das Zentrum kreativer Arbeit, die Tatsache, dass man überhaupt Kunst macht, ein optimistischer Akt. Ich möchte etwas auslösen, einen Diskurs entfachen, der in die Zukunft gerichtet ist. Wenn Leute eine Chance haben, etwas zu verändern, dann die, die Grenzen, die uns von außen gesetzt werden, ignorieren, die sie überwinden, die uns demonstrieren, dass wir schon viel verbundener sind, als unsere politischen und religiösen Systeme uns glauben machen. Eben so wie Zahra und Alan im Film.

Tom Tykwer bei der "Ein Hologramm für den König"-Premiere
1998 hat ihn "Lola rennt" weltberühmt gemacht. Seitdem überrascht der Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Filmkomponist Tom Tykwer regelmäßig mit internationalen Produktionen, die anders sind als der Rest, darunter "Das Parfüm  - Geschichte eines Mörders", "The International" und "Cloud Atlas". Außerdem hat er mit den Wachowskis ("Matrix") gerade die Netflix-Serie "Sense8" aufs Gleis gebracht und arbeitet nun an der deutschen Serie "Babylon Berlin", die es mit dem internationalen Markt aufnehmen soll.
© Jörg Carstensen/DPA

Gesellschaftspolitisch betrachtet ist "Ein Hologramm für den König" eine ziemliche Punktlandung.

Ich finde den Zeitpunkt ganz toll, zu dem der Film herauskommt. Weil er ein Statement in die Welt setzt, das sich wirklich auch ganz akut auf unsere deutsche Gegenwart bezieht. Auch in der Disposition zu dieser ramponierten Haltung zur Flüchtlingsfrage: Wie wir Leuten aus anderen Kulturen begegnen, und ob wir das auch durchhalten, denen so offen und gastfreundlich zu begegnen, wie wir uns das vorgenommen haben. Die Begegnung an sich ist ja nicht unser Problem, sondern dass wir mit der Ausdauer hadern. Ich finde, der Film kann da etwas zu beitragen. Das ist das eine. Zum anderen besteht doch eigentlich alles, was wir über Länder wie Saudi-Arabien in den Medien sehen, aus Hinrichtungen und Frauenunterdrückung. Sonst geht es um nichts. Und dann fährst du hin und merkst: Ach so, die haben ja auch einen Alltag, das sind ja Leute, die sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, mit der Gegenwart und mit der Spätmoderne, mit allen kritischen Fragen, die uns auch beschäftigen. Die dazu überraschende oder auch nur andere Antworten geben, die sich mit unseren gut ergänzen. Natürlich gibt es auch reaktionäre Kräfte, rückschrittliche. Aber Entschuldigung: Wenn ich mir die jüngsten Wahlerfolge der Rechten in Deutschland ansehe, kann mir keiner erzählen, dass unser Land fundamental frei ist von diesen Problemen. Natürlich will ich damit nicht bagatellisieren, dass es in Saudi-Arabien bestimmte Prinzipien gibt, die abschaffungswürdig sind. Aber ich weiß, dass dort gerade in aller Ruhe daran gesägt wird. Und es wird, anders als in anderen Regionen, nicht über eine Revolution geregelt werden, sondern in einem sukzessiven Generationswechsel in allen Bereichen. Die ganze nachwachsende Welt, die ich dort kennengelernt habe, ist bereit, den Laden zu liberalisieren. Und das wird auch passieren.

Was war das Verblüffendste für Sie bei Ihrer Arbeit in Saudi-Arabien?

Dass die Menschen, denen man im Alltag begegnet, natürlich immer auch eine Fremdheit bewahren, das ist ja auch eine andere Kultur, aber durch den hohen Bildungsstatus in diesem Land, durch den ökonomischen Status, bauen die Menschen einen viel größeren Horizont auf, reisen, sammeln Erfahrungen, und das führt automatisch zu einer höheren Aufgeklärtheit. Und die hilft natürlich auch beim gegenseitigen Aufeinanderzugehen.

Hat der genaue Blick auf die saudische Gesellschaft auch den auf sich selbst verändert?

Klar, allein unsere kategorische Vorstellung davon, dass die Welt uns so dringend braucht, uns tolle Westler mit unserem ganzen Kapital, unserer Vorzeige-Wirtschaft und -verhaltensform. Das ist natürlich alles Quatsch! Man kommt in Saudi-Arabien an, und als erstes wird einem klar - und das signalisieren die auch sehr deutlich -, dass man nicht gebraucht wird. Du kannst gern hier sein und versuchen, deine Geschäfte zu machen, aber es ist nicht notwendig. Du kannst auch wieder nach Hause gehen. Das ist schockierend, wenn man merkt, wie sehr man daran gewöhnt ist, umgekehrt behandelt zu werden. Als potenzieller Heilsbringer, Geschäftemacher oder als nützliche Verbindung. Dadurch entsteht immer so eine minimale Unterwerfungsgeste, an die wir uns schon gewöhnt haben. Davon ist in Saudi-Arabien absolut nichts zu spüren. Da strahlen einem großer Stolz und Indifferenz entgegen. Damit muss man erstmal umgehen lernen. Das ist eine sehr interessante Rückbesinnung darauf, dass wir immer noch in Reflexen leben, die von einem imperialen Gestus genährt sind.

Sitzt die deutsche Gesellschaft mit ihrer neuen, öffentlichen Engstirnigkeit auf dem absteigenden Ast?

Nein, es ist eher ein aufsteigender, weil wir aufeinander zu wachsen.

Und warum fühlen die Rechten sich dann gerade so stark?

Wir sind gerade in der Metamorphose, mittendrin, wie die Welt sich mehr zusammenschweißt. Aber das sind die Leute, die einzelnen Menschen. Die Systeme und die Religionen sind unflexibel.

Und deshalb werden sie mit der Zeit brechen?

Genau.


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