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Toronto International Film Festival: Beziehungsdrama im Finale

Noch einmal kreischende Fans und schreiende Fotografen am roten Teppich. Am letzten Abend des 35. Toronto International Film Festival (TIFF) haben Sam Worthington, Eva Mendes und Keira Knightley ihren Auftritt – eine Festivalbilanz.

Von Bernd Teichmann, Toronto

Es war ein Festival ohne ein Werk, das so richtig aus der Masse der 247 Produktionen herausragte. Auch Skandalöses war nicht zu vermelden. Die Finanzkrise, in der einen oder anderen Geschichte erwähnt, machte sich nur durch die gängige Feststellung bemerkbar, dass es schwieriger geworden ist, die Mittel für Filme mittleren Budgets (20-30 Millionen Dollar) aufzutreiben.

Ebenso wenig war thematisch ein roter Faden auszumachen. Menschenrechte, Kinder, Bildungsmisere, Umwelt, Rassismus und Genmanipulation - alles dabei. "Es ist ein eklektischer, von Problemen und Unsicherheit geprägtes Kinojahrgang", hatte Festival-Chef Piers Handling vor dem Startschuss erklärt. "Aber einer mit einigen sehr, sehr starken Filmen".

70 Filme in zehn Tagen

Die faire Beurteilung von Filmen ist auf Festivals immer, je nach fortgeschrittenem Stadium, eine knifflige Angelegenheit. Einige Kollegen gingen mit 60 bis 70 Vorführungen über die Ziellinie. Hätte man etwa Tom Tykwers Ménage à trois "Drei" unter normalen Umständen (sprich ohne schleichende Abstumpfung bei drei Kinobesuchen täglich) als weniger verkopft empfunden und ihm abgenommen, dass das von Sophie Rois und Sebastian Schipper gespielte Pärchen gleichzeitig ausgerechnet auf Devid Striesow abfährt?

Wäre einem "In A Better World", das neue Drama der Dänin Susanne Bier ("Nach der Hochzeit"), womöglich weniger handzahm vorgekommen? Hätte man im Thriller "The Debt" mit Sam Worthington und Helen Mirren über einen Mossad-Trupp und ihre gescheiterte Jagd auf einen KZ-Arzt vielleicht mehr als nur eine solide Genre-Arbeit gesehen? Und ist "Miral", Julian Schnabels an vier Frauen-Schicksalen entlang konstruierte Geschichtsstunde über den Palästina-Konflikt, tatsächlich zu simpel geraten?

Cathérine Deneuve schwebt

Bei anderen Filmen war die Sache klarer. Nicole Kidman und Aaron Eckhart boten als Eltern, die versuchen über den Unfalltod ihres kleinen Sohnes hinwegzukommen, eine formidable Leistung ("Rabbit Hole"). Cathérine Deneuve schwebte mit überirdischer Eleganz durch François Ozons poppiges 70er-Jahre-Boulevardstück "Potiche", um die Regenschirmfabrik ihres maladen Gatten auf Vordermann zu bringen. Die britischen Comedians Steve Coogan und Rob Brydon veranstalteten in Michael Winterbottoms "The Trip" eine grandios lustige Gourmet-Reise durch die englische Provinz. Und mit Clint Eastwood und seinem übersinnlichen Nahtod-Erfahrungs-Drama "Hereafter" brauchen wir gar nicht erst wieder anfangen.

Widmen wir uns lieber kurz den größten Überraschungen: Brachial-Kasper Will Ferrell und seine starke Vorstellung als arbeitsloser, ruinierter Alkoholiker in dem Film "Everything Must Go" sowie Joaquin Phoenix' Rückzug als Schauspieler, um als fusselbärtiger Rapper Karriere zu machen - alles gelogen für die Pseudo-Doku "I'm Still Here".

Dresscode und roter Teppich

Als umtriebigste Party-Crasherin entpuppte Faye Dunaway. Der einstige Weltstar ("Bonnie & Clyde", "Chinatown", "Network") wurde auf diversen Premieren, Empfängen und sogar auf dem roten Teppich gesichtet, obwohl sie vom Festival gar nicht eingeladen war. Während TIFF-Ko-Chef Cameron Bailey nichts Erhellendes zu den eigenartigen Auftritten der 69-Jährigen beisteuern konnte, wusste ein Kollege, dass die Oscar-Preisträgerin unbedingt mit "Black Swan"-Regisseur Darren Aronofsky über eine Zusammenarbeit sprechen wollte. Wir erinnern uns: Dieser hatte kürzlich einer anderen, abgemeldeten Hollywood-Ikone ein furioses Comeback beschert: Mickey Rourke mit "The Wrestler".

Ob ihre Jagd von Erfolg gekrönt war, können wir vielleicht nächstes Jahr in Toronto feststellen. Und Madame müsste sich für ihren (dann offiziellen) Gang über den roten Teppich noch nicht einmal richtig groß in Schale werfen. Der Dresscode wird außerordentlich entspannt ausgelegt. Man kann, muss aber nicht. George Pimentel, seit 17 Jahren als Fotograf auf den Festivals dieser Welt unterwegs: "Es geht hier halt um die Filme, die Filme und nur um die Filme. Das ist es ja auch, was dieses Festival so großartig macht. Genau deshalb ist es so cool hier." Und genau deshalb freuen wir uns auch auf TIFF 2011.