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Interview

Beziehungsdramen und Chickenwings: Ein Rewe-Kassierer packt aus: Das verrät Ihr Einkauf über Sie

An der Kasse des Supermarktes trifft sich unsere gesamte Gesellschaft. Wir haben mit einem Supermarkt-Kassierer über die Dramen am Kassenband gesprochen. Er ist jung, Student - und weiß alles über Ihren Einkauf.

Rewe Kassierer

Nicht nur bei Rewe geben wir dem Kassierer tiefe Blicke in unseren Alltag

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Im Supermarkt offenbaren die Menschen sich jeden Tag selbst durch ihre Einkäufe. Was erfahren die Kassierer dabei von uns? Wir haben mit einem von ihnen gesprochen. Er arbeitet in einer kleinen Rewe-Filiale in der Hamburger City - und hat dort schon eine ganze Menge gesehen.

Kann man durch den Warenkorb viel über den Kunden erfahren?

Na, selbstverständlich. Wenn man anfängt, schaut man noch ganz genau auf die Einkäufe und erstellt da sozusagen Mini-Psychogramme. Man hat viele Leute, die immer dasselbe kaufen. Alkoholiker erkennt man ganz schnell, auch, wenn sie nicht danach aussehen. Eine Dame etwa - die normal adrett wirkt - kauft sich immer eine Bild, einen Happen zu essen und zwei Flaschen Sekt. Jedes Mal. Das fällt den anderen Kunden natürlich nicht auf, uns aber schon.

Bekommt man auch Einblicke in das Essverhalten?

Man merkt schon, was generell sehr gut läuft. Vor allem junge Frauen kaufen sehr viel Obst und frisches Gemüse, vegetarische Sachen. Sehr viel Gesundes. Wobei das auch bei den jungen Männern mehr wird, aber nicht ganz so stark. Fertigessen ist eher eine Einkommensfrage, da kommt es weniger auf  das Geschlecht oder die Generation an. Wobei ganz junge Leute oft ganz klischeemäßig Alkohol und Fertigpizzen kaufen. Haben wir ja alle gehabt, die Phase. Später versucht man sich beim Selberkochen, bei Anfang Zwanzigjährigen meist eher einfache Sachen. Und ab Mitte 20 wird es bei unseren Kunden dann sehr gesund. Ich finde nur witzig, wenn dann im riesigen Bioeinkauf, inklusive der exotischsten Obstsorten, dann doch eine Gummibärchentüte auf dem Band landet.

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Das merkt man sich dann.

Es gibt einfach witzige Kombinationen. Meine liebste war eine Frau, die etwas fertig aussah und nur einen Schwangerschaftstest und eine Flasche Rotwein kaufte. Sowas bleibt natürlich hängen. Manchmal ist es auch nur ein Produkt. Ein Typ, den ich wegen seines Tweet-Jackets immer den Detektiv nenne, kommt jeden zweiten Tag. Der kauft jedes Mal von Ja! - also der absoluten Billigmarke - die tiefgekühlten Chickenwings. Das würde man dem optisch gar nicht zutrauen. Am besten ist aber sein Spruch dazu. "Mein Abendessen, näch." Jedes Mal. Urkomisch. 

Beziehungsdrama am Kassenband

Bekommt man auch Schicksale mit?

Bei uns in der Gegend sind es nicht so viele, aber es gibt schon tragische Gestalten. Wir haben einen farbigen Kunden, der glaube ich mit dem Alk aufhören will. Wenn er bei uns dann doch wieder Schnaps kauft, ist er immer schon so zittrig, dass er weder sein Portmonee noch die Flasche aufbekommt. Da muss man ihm dann immer helfen. Das ist natürlich nicht sehr schön.

Bemerkt man, wenn aus dem Pärchen- plötzlich der Singleeinkauf wird?

So direkt nicht. Aber wir hatten schon eine Trennung direkt im Laden. Das war ein etwas skurriles Pärchen, die immer wieder kamen und zwei Flaschen Wodka gekauft haben. Und dann war Drama. Schon beim Reingehen hat man mitbekommen, dass er sie wohl betrogen hat. "Geh doch  zu der anderen", und so weiter. Man hat sich das zusammenreimen können. Sie rafften sich zusammen, standen doch wieder mit Wodka und Zigaretten gemeinsam an der Kasse. Und er hatte mal wieder sein Geld nicht dabei. Ihr war's dann aber wohl zu bunt, sie wollte nicht schon wieder seine Sachen mitbezahlen. Also hat sie nur ihre Flasche und die Packung Zigaretten gekauft und ist abgedüst. Seitdem hab ich die nie wieder gesehen. Schade, eigentlich.

Auch spannend ist ein Obdachloser, Anfang 70, von dem wir immer glaubten, dass er klaut. Als wir ihn dann tatsächlich erwischten und die Polizei riefen, stellte sich heraus: Er hat über 3000 Euro in bar dabei. Als er dann von seinem Leben erzählt, fischt er ein Sparbuch aus der Tasche, auf dem tatsächlich 300.000 Euro liegen. Er hatte offensichtlich geistige Probleme und  hätte es sich locker leisten können, sich einen schönen Lebensabend zu machen. Stattdessen lebt er mit Unmengen von Bargeld auf der Straße.

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"Bar oder Karte?"

Die Deutschen lieben Bargeld. Bezahlen eigentlich viele mit neuen Methoden, etwa per Smartphone?

Also man merkt schon, dass es da einen Wandel gibt. Vor allem das kontaktlose Zahlen wird enorm gut angenommen. Das wird immer mehr genutzt. Häufig wissen die Kunden gar nicht, dass ihre Bank das unterstützt. Wenn ich dann nur ihre Karte ans Terminal halte, sind sie dann ganz erstaunt - und machen es beim nächsten Mal selbst.

Für Verkäufer ist das Kartenzahlen vermutlich am angenehmsten.

Ja, aber nur das kontaktlose. Wenn die da mit PIN rumfummeln müssen oder das Unterschriftenfeld suchen, werde ich schon wieder ungeduldig. Da habe ich das Kleingeld schneller abgezählt. Meine Präferenz als Kassierer ist die kontaklose Karte, Bargeld und dann erst PIN oder Unterschrift. In der Reihenfolge. Ich versuche da immer Zeit zu sparen. Sonst kommen ja auch schon die Blicke des Todes hinten aus der Schlange. Auch mit der Payback-App, die Rewe unterstützt, ist es noch nicht so effizient. Mit dem Smartphone direkt hat bei mir noch gar keiner bezahlt. 

Gab es schon mal Rabatt-Krawalle wie in Frankreich vor kurzem?

Nein, dafür ist unser Laden glaube ich zu klein. Da werden nicht die Regale leergekauft. Klar, rabattierte Sachen werden mehr gekauft und wir rabattieren auch die richtigen Produkte - etwa Avocados. Tonic geht auch gut. Und Cola. Da kaufen die Leute dann auch sechs Flaschen.

Light oder mit Zucker?

Bei uns ist normale immer noch ganz vorne, dann Zero und dann Light. Was an Aktionen übrigens extrem gut läuft sind diese Sticker-Aktionen, etwa für Star Wars. Da kommen dann plötzlich Kunden, die man noch nie gesehen hat und erklären, dass die Kinder sie zu Rewe schicken. Wundert mich, dass Rewe das zum letzten Teil gar nicht gemacht hat.

Langweilt man sich durch die Routine eigentlich manchmal?

Anfangs muss man sich da hereinlernen, dann schaltet man irgendwann meist ab. Wenn nur mittelviel los ist, kann ich da auch komplette Verkaufsgespräche führen, ohne bewusst zuzuhören. Das läuft auf Automatik. Wenn mehr los ist, muss man aber Gas geben. Da habe ich aber Spaß dran, das dann möglichst schnell zu machen. Vor allem bei den Kunden, die schon einen halben Schritt aus der Schlange machen, um mich genervt anzuschauen. Bei denen beeile ich mich dann immer besonders und bin durch, bevor sie drei Sachen eingepackt haben. Und dann kann ich ihnen beim gehetzten Einpacken zusehen. Das macht Spaß, da den Spieß mal umzudrehen. Auch, wenn man natürlich nett und freundlich bleiben muss.

Fragen die Kunden noch viel?

Ja, klar. Ich muss mindestens einmal am Tag erklären, warum unser kleiner Laden kein Bier in Glasflaschen führt - außer Importware ohne Pfand. Sonst müssten wir nämlich auch Kisten zurücknehmen. Und es findet irgendwie nie jemand die Butter. Die skurrilste Frage war wegen irgendeiner Seafood-Spezialität. Da wollten die genau von mir wissen, welches Biosiegel das sei und wo genau das gefangen wurde. Als ich ihnen nur sagen konnte, was auf der Packung steht, waren sie etwas enttäuscht. Sie haben es aber trotzdem gekauft.