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TV-Geschichte: "Guten Abend, meine Damen und Herren"

Jeden Abend um acht ist Schluss mit lustig, dann kommt die Tagesschau. Immer pünktlich, immer korrekt, und das seit 50 Jahren. Ein Blick in die Nachrichtenwerkstatt der Nation - und auf das Flimmern und Rauschen drum herum

Der Stuhl. Eigentlich ist es nur ein grau gepolsterter Hocker auf Rollen. Daneben sieht es aus wie bei manchen Leuten unterm Bett. Links ein Haufen Kugelschreiber und Filzstifte, eine Haarbürste, gebraucht, eine Puderquaste, auch gebraucht, zwei Tüten Kräuterbonbons, eine Haarklemme, ein Pappbecher und unter dem Tisch ein Drucker mit dem Schild, ihn bitte nicht oft einzuschalten, weil er so einen Radau macht. Dann noch ein Telefon, ein Duden und auf dem Tisch eine Schaltleiste; auf einem der Knöpfe steht "Räusper", da drückt man, wenn man husten muss. Dann noch ein Papierkorb mit einem aufgemalten Smiley und einem Haufen hellgelber und rosafarbener Blätter. Manuskripte, mit vierfachem Zeilenabstand gedruckt und mit seltsamen Bögen und Strichen voll gekritzelt: "Das sieht manchmal aus wie eine Komposition von Stockhausen", sagt Jo Brauner. Und was das Stillleben betrifft, "sollte hier wirklich mal wieder aufgeräumt werden".

Ganz Deutschland kennt diesen Stuhl und diesen Tisch. Von vorn. Eine leicht geschwungene Eichenholzplatte, sechs Mikrofone, blauer Teppich, der einmal am Tag gesaugt wird. Ganz Deutschland kennt den Satz: "Guten Abend, meine Damen und Herren", ganz Deutschland weiß, dass es acht Uhr abends ist, wenn die Fanfare erklingt: "Däh-däh-dä-dä-dä-dääähh". Und ganz Deutschland vertraut den durchschnittlich 15 bis 20 Meldungen, die in einer Viertelstunde verlesen werden, die Essenz des Weltgeschehens sozusagen. Keine Gerüchte, nichts aus dem Vermischten wie Affen, die Fahrrad fahren - nein, die "Tagesschau" ist Nachricht in beinahe "notarieller Form", wie es Chefredakteur Bernhard Wabnitz ausdrückt.

Wenn jetzt am 26. Dezember die "Tagesschau" 50 Jahre alt wird, feiert mit ihr das Fernsehen in Deutschland seine Geburtsstunde. Anfangs ungläubig belächelt, formte kaum eine technische Neuerung die deutsche Gesellschaft so deutlich wie das Fernsehen. Der Apparat - anfangs horrende 1500 Mark teuer und mit mickrigem 36-Zentimeter-Bildschirm - wurde schnell zum Welt-Schaufenster, zum Lagerfeuer in den Wohnzimmern. Ständig erfand das Medium sich neu, bekam Farbe, wurde interaktiv (der "TED"), wurde frivol, wurde zum Spielplatz für die "Unverbesserlichen" und Kanzlerkandidaten, für Lassie und Löwenthal, zum Müllplatz für Talkrunden, zur beständigen Aufforderung, weiter zu zappen - alles so schön bunt hier, rund um die Uhr. Nur eine zog sich die Lippen wie am ersten Tag und blieb pünktlich, deutsch und spießig: die alte Tante "Tagesschau". Wie ein Monument steht sie auf ihrem 20-Uhr-Platz; vor ihr ist Nachmittag, nach ihr ist Abend, nach dem Gongschlag werden Uhren gestellt. Alle Versuche der Konkurrenz, die heilige Sendezeit zu knacken, scheiterten. "Einige Privatsender mussten ihre 20-Uhr-Filmstarts wieder auf 20.15 Uhr legen, weil kaum jemand zuschaute", erinnert sich Dagmar Berghoff, 1976 erster und anfangs heftig umstrittener weiblicher Sprecher der "Tagesschau".

In der ehemaligen DDR war "Tagesschau"-Kenntnis ein Zeichen für Verrat. "Guckt ihr die Nachrichten mit der Strichuhr oder mit der Zahlenuhr?", wurden Kinder in der Schule gefragt, und wenn sie "die mit den Strichen" sagten, enttarnten sie Papi und Mami als Westgucker.

Durchschnittlich zehn Millionen Zuschauer sehen heute zu - als betrachteten sie ein nationales Eigentum. So wurde laut gemeckert, als die eingeblendete Uhr Mitte der 80er Jahre ein neues Design bekam. Alte Damen rufen besorgt an, wenn sich Chefsprecher Jo Brauner einmal räuspert - "Hat der Herr Brauner eine Erkältung? Da sollte er aber aufpassen und einen Schal nehmen, sagen Sie ihm das bitte." Die Anteilnahme am Ensemble der "TS", wie die Sendung im ARD-Jargon abgekürzt wird, liegt nach Ansicht von Ex-Sprecher Wilhelm Wieben auch an der Vereinsamung vor deutschen Glotzen. "Man ist als Sprecher der Nachrichten in manchen Häusern der einzige Gast, der sich zu den Menschen an den Tisch setzt."

In der Chefredaktion von ARD Aktuell in Hamburg-Lokstedt ist deshalb die "Tagesschau" auch ein Stück mediale Denkmalspflege. "Es ist schwer, sich nicht oder nur unbemerkt zu verändern", sagt Chefredakteur Wabnitz. Selbst harmlose Neuerungen, wie die Sportnachrichten von Co-Sprecher Reinhold Beckmann im Plauderton vortragen zu lassen, werden ängstlich beobachtet; schon hört man auf den Fluren, dass der strenge Zuschauer es nicht so goutiert wie gewünscht.

Leicht hatten es die Macher nie. Im Dezember 1952 flimmerten in ganz Westdeutschland nur geschätzte 2000 Apparate. Fernsehen war erst mal ein Versuch, gesendet wurde regelmäßig nur das "Bild vom Tage", ein paar Standfotos mit knarzigen Nachrichtentexten. Für bewegte Bilder war die "Wochenschau" im Kino zuständig, und was von deren Filmen abgeschnitten wurde, landete im Keller des "Wochenschau"-Büros in der Hamburger Heilwigstraße. Dort saßen die beiden ersten "Tagesschau"-Redakteure Martin Svoboda und Horst Jaedicke und klebten das Material mit der Hand zusammen. Alle drei Tage wurde es von ihrem Schneideraum in den Bunker am Hamburger Heiligengeistfeld, die Sendeanlage, kutschiert. Einer rief "Film ab", ein anderer "Ton ab", und dann wurde gezittert, ob Bild und Ton auch gemeinsam ankamen.

Sieben Jahre nach dem Krieg war das Land nachrichtenmüde und zerstreuungshungrig, "für Politik interessierte sich kein Mensch", erinnert sich Veteran Jaedicke. Und so zeigte die erste "Tagesschau" am 26. Dezember auch einen langen Bericht vom Fußball-Länderspiel Deutschland - Jugoslawien, was zugleich die Geburtsstunde des TV-Sports markierte. Fragte jemand Svoboda in der Silvesternacht 52, was er denn so mache, antwortete er launig: "Fernsehen - das ist Radio mit Bildern." - "Ach, wie aufregend! Geht das auch mit meinem Radio?", war meist die Gegenfrage.

Gesprochen wurden die Nachrichten am Anfang noch aus dem Off, Svoboda und seine Kollegen konnten sich nicht vorstellen, dass jemand die Texte vor der Kamera lesen sollte. Das war doch Zeitverschwendung! Auf dem Stuhl nahm 1959 als erster Sprecher Dieter von Sallwitz Platz. Und das war der Durchbruch. "Die ruhige Stimme eines seriösen Herren war ein Signal. Vorher kannte man nur aus der Nazi-Zeit und auch noch aus ,Wochenschau"-Berichten diesen Verkündungston, der Nachrichten wie Siege oder Bekanntmachungen herausrief", sagt Wieben. Die verlässliche Sendezeit, die Fanfare, das Studio - endlich hatte Fernseh-Deutschland seine Ordnung. "Die ,Tagesschau" und ihr Sprecher", so Wieben, "wurden so etwas wie ein Möbel in den Wohnzimmern." Das Möbel bekam später auch einen Namen und ein Gesicht: Karl-Heinz Köpcke, 28 Jahre lang "Mister Tagesschau", Herbergsvater und Zuchtmeister zugleich. "Freundlich sein, aber kein Sonnyboy, ernst sein, dem Text, der ja kaum je lustig ist, angepasst, aber nicht finster", schrieb Köpcke einmal ins Benimm-Buch der TS-Sprecher.

Unter Köpcke als erstem Chefsprecher bekam die Sendung ihre bis heute geltenden Regeln. Eine einheitliche Aussprache wurde vorgeschrieben: immer "Samstag" statt manchmal "Sonnabend" zum Beispiel und mundartfrei, nicht wie im Norden "Sss-tadt". Noch heute liegen am Sprechertisch zwei Nachschlagewerke zur Aussprache, ausländische Namen werden vom Hessischen Rundfunk mit einem Aussprache-Computer trainiert. Gesetz ist auch das Nachrichtenblatt - die "Tagesschau" ist heute nahezu die einzige Sendung, in der die Sprecher vom Papier und nicht vom Teleprompter ablesen (bei den "Tagesthemen" wird "gepromptet").

Es ist ein beinahe rührender Anblick, wenn in Zeiten von E-Mail während einer "Tagesschau"-Sendung "Studis", also Studenten, durch Redaktion und Studio rennen, um Papierstapel mit immer neuen Lieferungen zu aktualisieren. Was nicht auf Papier steht, ist nicht. "Der Zuschauer", sagt Wieben, "glaubt keinem Sprecher, dass er all das Gesagte auswendig kann. Er glaubt ihm, wenn er die Blätter vor ihm sieht." Dagmar Berghoff empfand die Zettelwirtschaft als dramaturgische Hilfe: "Ich konnte aufs Blatt schauen und den Blickkontakt zum Zuschauer unterbrechen. Das hat bei schlimmen Nachrichten geholfen - sowohl, sie zu sprechen, als auch, sie zu hören." Es geht meist gelassen zu in den Hamburger Studios. Nachrichtenprofis ordnen die Flut der Neuigkeiten, routiniert wird TS-Taugliches aussortiert; der Menschenfresser von Fulda war am Tag seiner Festnahme kein Thema, zu unklar, zu viel Spekulation. Ein bisschen schmallippig werden die "Tagesschau"-Arbeiter, wenn am späten Nachmittag die "Tagesthemen"-Mannschaft einzieht, wenn Anne Will und Ulrich Wickert wie Chefköche durch die Nachrichtenküche mit der hart arbeitenden Mannschaft schreiten. "Da schaut man auch mit einem konkurrierenden Blick hin", sagt Chefredakteur Wabnitz. Eitel, selbstverliebt, zu quasselig finden manche "Tagesschau"-Puristen den späten Ableger, reagieren allergisch auf Überleitungen und "Das Wetter von Morgen"-Poesie. In Wahrheit fürchten sie die Prominenz. Die Nachricht ist der Star und sonst niemand. Wenn Sprecher den Ausflug in die Glamour-Welt wagten, ging das schon schwer daneben: die Hollywood-Ambitionen einer Susan Stahnke etwa oder das Geprahle von Jens Riewa, mit der Sängerin Michelle eine Granate im Bett gehabt zu haben. Wie soll man einem Sprecher abnehmen, "dass er die Nachricht, die er spricht, auch fühlt", wie es Wieben fordert, wenn er nach Dienstschluss selbst für news sorgt mit Champagner oder Schlagersternchen? Und wie muss sich die "Tagesschau"-Redaktion fühlen, wenn die "Tagesthemen"-Moderatorin Anne Will einen Fernsehpreis mit den Worten entgegennimmt: "Danke an meine Eltern, die mich zu dem warmherzigen Menschen gemacht haben, der ich bin"? So was reizt die alte Tante. Aber nur insgeheim. Denn um 20 Uhr ist Sendung, und zehn Millionen schauen zu. Und die werden schon dafür sorgen, das alles so bleibt, wie es ist. Jochen Siemens

TV-Tipp: "Es ist 20 Uhr... Die Tagesschau wird 50", ein Film von Sandra Maischberger, am 26. 12. um 22 Uhr in der ARD. Buch-Tipp: "Tatort Tagesschau" von Horst Jaedicke, Allitera Verlag, 236 Seiten, 24 Euro.