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TV-Geschichte: Die Mutter aller Nachrichtensendungen

Schlag 20 Uhr ist «Tagesschau»-Zeit im deutschen Fernsehen - und das schon seit 50 Jahren: Noch immer läutet die «Mutter aller Nachrichtensendungen» hierzulande für rund zehn Millionen Deutsche den Feierabend ein.

Schlag 20 Uhr ist «Tagesschau»-Zeit im deutschen Fernsehen - und das schon seit 50 Jahren: Noch immer läutet die «Mutter aller Nachrichtensendungen» hierzulande für rund zehn Millionen Deutsche den Feierabend ein. Zwar verfolgen längst nicht mehr so viele Zuschauer wie einst die Nachrichtensendung im Ersten, als das ARD-Flaggschiff weit mehr als die Hälfte aller TV-Haushalte vor dem Bildschirm versammelte. Auch werden die «Tagesschau»-Sprecher wohl kaum noch für Regierungssprecher gehalten. Und vorbei sind die Zeiten, als es zum guten Ton gehörte, nicht während der abendlichen 15 Minuten zu telefonieren. Dennoch behauptet sich die «älteste Quotenkönigin der Republik» als Marktführerin.

«Die Tagesschau ist keine Sendung, sondern pure Gewohnheit. Die kann man auch in Latein verlesen», sagte Ex-RTL-Chef Helmut Thoma einmal über Deutschlands bekannteste Nachrichtensendung. Tatsächlich ist die «Tagesschau» für Generationen von TV-Zuschauern zur Instanz geworden. Die 20-Uhr-Zeit hat sich so fest in den Köpfen vieler Deutscher eingeprägt, dass alle Versuche, dies zu durchbrechen, von den Zuschauern abgestraft wurden. Vor allem Verlässlichkeit und Gewohnheit der ersten kontinuierlichen Sendung machten deren Erfolg aus, meinen Medienexperten: «Die Tagesschau wandelt sich wie die Nivea-Dose - minimal.»

Am 26. Dezember 1952 erlebte die «Tagesschau» in Hamburg ihre Premiere. Zunächst wurde sie drei Mal pro Woche gesendet und bestand aus Restmaterial der Kino-«Wochenschau»-Ausgaben. Gründervater Martin S. Svoboda und seine Mitarbeiter schnitten die Berichte in einem Keller unter der «Wochenschau»-Redaktion zusammen. Gestartet wurde das Projekt vom Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), aus dem später der NDR und der WDR hervorgingen, 1954 stießen die weiteren ARD-Sender hinzu. Anfangs zeigten die Beiträge spektakuläre Unfälle, Katastrophen und Kurioses aus aller Welt. Ab 1. Oktober 1956 erschien die «Tagesschau» sechs Mal in der Woche, ab 1961 auch sonntags.

Vieles aus der Anfangszeit ist weit entfernt von der heutigen Ausstattung des weltweit vernetzten 24-Stunden-Betriebes. So leistete sich die Sendung zunächst keinen sichtbaren Sprecher, Cay-Dietrich Voss präsentierte sie mit einem Redakteur aus der Sprecherkabine. Der 1995 gestorbene Ex-«Tagesthemen»-Moderator und «Tagesschau»- Korrespondent aus der Anfangszeit, Hanns Joachim Friedrichs, erinnerte sich in seinem Buch «Journalistenleben»: «In dem Moment, in dem das erste Filmbild auf dem Schirm erschien, klopfte der Redakteur dem ganz auf sein Blatt fixierten Voss auf die Schultern, und der begann zu lesen...»

Mit Karl-Heinz Köpcke erhielt die Sendung am 2. März 1959 erstmals ein Gesicht. Der Mann, der bis 1987 Chefsprecher war, wurde zur Ikone der TV-Nachrichten - und fortan avancierten die Sprecher zu den prominenten Köpfen der Republik. Von den Frisuren Dagmar Berghoffs, die 1976 als erste Frau die «Männerbastion» der «Tagesschau»-Sprecher knackte, bis hin zu den Hollywood-Plänen Susan Stahnkes - das Medieninteresse an den «Aushängeschildern» der Sendung war immer groß.

Doch auch die «alte Tante Tagesschau» hat sich verändert - nie radikal, sondern immer vorsichtig. Design und Präsentation wurden dem Zeitgeschmack angepasst, der Anteil der Filmbeiträge wuchs. Inzwischen produziert das ARD-aktuell-Team um Chefredakteur Bernhard Wabnitz auch moderierte Ausgaben am Nachmittag, Aushängeschild aber bleibt die 20-Uhr-Sendung. Doch selbst die Hauptausgabe ist vor sinkenden Quoten nicht gefeit. «Tagesschau in der Krise?» hieß es Anfang 2000. Dahinter steckte ein alter Streit: Während die ARD bei den Zuschauern auch die der Übertragungen im Dritten oder im Ereigniskanal Phoenix zählt, lässt die Konkurrenz das im Quotenkampf nicht gelten: Im direkten Vergleich mit dem «Ersten» hatte das ZDF- «heute» 1999 damit erstmals die «Tagesschau» nach Marktanteilen überholt.