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Venedig-Tagebuch: Lindsay Lohan erfreut Rote-Teppich-Fans

Stabwechsel bei den <stern.de</i> Tagebuch-Schreibern: Schmidt löst Teichmann ab, guckt "Mushishi" und irgendwas mit Svobodnoe, winkt Christian Slater und Lindsay Lohan auf dem Roten Teppich zu und entdeckt den neuen Lino Ventura.

Von Matthias Schmidt

Am Anfang ist vor allem Ernüchterung. Wer mit dem Besuch eines Filmfestivals erst beginnt, wenn bereits die Hälfte gelaufen ist, fühlt sich wie ein verspäteter Partygast, den man um einen Teil des Spaßes betrogen hat. Alle anderen Anwesenden sind bereits berauscht von den Freigetränken und anderem Geistreichen. Schwärmen von tollen Filmen, lästern über Aussetzer und möchten Desaströses am liebsten in der Lagune versenken. Haben Clive Owen von schräg hinten gesehen oder Sandra Bullock im Profil oder Hugh Jackman ins glattrasierte Gesicht gestrahlt. Fast alles was Hollywood an Starkino und Glamour zu bieten hat, lief offensichtlich schon in den ersten Mostra-Tagen über den Lido.

Und nun? Nun, da der Kollege Bernd Teichmann den Heimflug antritt und den Tagebuch-Stab übergibt: Fast nur noch Zweitrangiges und Nichtssagendes. Da gibt es die chinesische Maler-Doku "Dong" (Kollege Teichmann: "Den kennst du nicht? Das ist doch die Fortsetzung von 'Ding'!") mit der sitzfreundlichen Dauer von 70 Minuten. Oder den japanischen Wettbewerbsbeitrag "Mushishi" mit einer Laufzeit von 131 Minuten. Da gibt es weiter im Programm den syrischen Knaller "Ana alati tahmol azouhour ila qabriha" oder den sicher auch von Stern.de-Lesern hoch geschätzten Russen Boris Khlebnikov mit seinem neuen Werk "Svobodnoe plavanie". Svobodnoe was? Ana alati wer? Genau. Die tägliche Filmauswahl fällt in Woche 2 auf den ersten Blick schwer und wird auf den zweiten Blick zum mehr oder weniger unterhaltsamen Glücksspiel mit vielen Unbekannten.

Christian Slater und Lindsay Lohan auf dem roten Teppich

Nein, aber jammern wollen wir natürlich nicht. Die venezianische Spätsommersonne brennt nach wie vor aus einem wolkenlosen Himmel, die bröckelnde Traumkulisse schwappt pittoresk im Hintergrund und das gelati schmeckt gut wie eh und je. Und heute stellten sich immerhin noch Christian Slater und Lindsay Lohan den Journalisten und Roten-Teppich-Fans. Letztere antwortete auf der Pressekonferenz auf die Jahrhundertfrage "Finden Sie, dass Venedig eine romantische Stadt ist?" mit der Jahrtausendantwort "Oh ja, es ist schön!" Wir haben wieder viel gelernt an diesem Tag.

Bilder von schwebender Schönheit in "The Fountain"

Unter anderem auch, dass man die Urteile der Kollegen nicht immer für bare Münze nehmen darf, weil Geschmäcker ja bekanntlich sooo verschieden sind. Fast einhellig wurde gestern die Fantasy-Romanze "The Fountain" in die Tonne getreten. Esoterischer Quark, unglaubwürdige Liebesgeschichte, halbgares Mythen-Recycling. Dabei gelingen Regisseur Darren Aronofsky denkwürdige Bilder von schwebender Schönheit und seine klug verstrickte Geschichte über die Entdeckung eines Lebensbaumes, dessen milchiger Saft unsterblich macht, klaut er munter aus Maya-Erbe und Bibelstellen zusammen. Kein Meisterwerk, aber ambitioniert, originell und seltsam kurz. Als hätte man als Eingeständnis an die Publikumsgeduld noch an irgendeiner Stelle 20 Minuten raus geschnitten, die dem Film gegen Ende dann etwas den Erzählfaden entreißen.

Vergnügliche Action-Farce "Exiled"

Die beiden anderen Wettbewerbsbeiträge des Tages entführen nach Asien. Festival-Dauerbrenner Johnnie To schaut in "Fangzhu" ("Exiled") erneut chinesischen Gangstern bei der Arbeit zu. Diesmal will ein abgebrühtes Killer-Quartett aus Macau erst einen alten Freund umlegen, dann retten und schließlich eine Tonne Gold aufteilen, was alles drei nur begrenzt klappt. Der sehr vergnüglichen Action-Farce gelingen dabei ein ums andere Mal furios choreographierte Kugelhagel, in denen Getränkedosen, Wohnungstüren und Vorhänge eine überlebenswichtige Rolle einnehmen.

Castellitto ist der neue Lino Ventura

Der Italiener Gianni Amelio hält sich nur kurz am Anfang seines Roadmovies "La stella che non c'è" ("The Missing Star") in Europa auf und schickt seinen verknautschten Helden (wunderbar, und immer wieder an Lino Ventura erinnernd: Sergio Castellitto) bald nach Shanghai und in andere chinesische Boom-Städte. Castellitto spielt einen besorgten Arbeiter, der nach dem Verkauf eines Stahlwerks ins Reich der Mitte auf eigene Faust aufbricht, um die neuen Besitzer vor einem Konstruktionsfehler zu warnen. Die fesselnde Odyssee zeigt China von einer unbekannten, schwerindustriellen Seite, spart nicht an Zivilisationskritik und wagt sogar eine sehr zarte Liebesgeschichte mit einer Übersetzerin.

Drei sehr unterschiedliche, aber doch gelungene Filme. Wir fühlen uns angekommen.